ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2007Von schräg unten: Schlechtes Licht

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Schlechtes Licht

Dtsch Arztebl 2007; 104(42): [112]

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Wir Mediziner sind in sämtlichen Stadien unserer Reifungsgrade schlechte Lichtverhältnisse gewöhnt: Erst die schwachen Schimmer in den Studentenbuden, die die Anatomie- und Physiologiebücher erhellen sollen, später die 256 Graustufen von Ultraschallbildern, die einen im Trüben fischen lassen.
Als Niedergelassener sehe ich meine Zukunft in düsteren Farben, sagen wir mal so schwarz wie in einem OP, wenn das Notstromaggregat ausfällt. Aber schlechtes Licht wird nicht nur von unzureichender Beleuchtung auf uns geworfen, sondern auch von neuesten Untersuchungen: Eine Studie hat nachgewiesen, dass wir unsere Schutzbefohlenen bereits nach 18 Sekunden unterbrechen. Damit werden wir als besonders verwerfliche Mutation des Therapeuticus interruptus gebrandmarkt. Aus der Pressemeldung ging allerdings nicht hervor, ob die Unterbrechung des Redeflusses nicht medizinisch geboten war. Es gibt ja Situationen, in denen sich unsere Patienten um Kopf und Kragen reden, besonders nach tiefer Verinnerlichung einschlägiger Veröffentlichungen in der Laienpresse und dem Fernsehen. Hier ist, um Fehldiagnosen nicht in das Patientenkraut schießen zu lassen, ärztlicherseits dringend Einhalt geboten. Leider darf ich an diesem Punkt nicht konkreter werden, das gebietet die ärztliche Schweigepflicht. Trotzdem ist es mir ein Anliegen, einmal zu durchleuchten, ob die freie Rede ungehindert wuchern soll oder mitunter ein logostatischer, auch verbazider Einwurf heilsam ist. Sozusagen zur Rehabilitierung der 18 Sekunden. Hierfür nutze ich meinen freien Mittwochnachmittag und mache mich per Auto auf den Weg in die Stadt. An der ersten Ampel steht ein Radfahrer, der auf die üblichen Sicherheitsutensilien wie Helm und Protektoren verzichtet. Umgehend überfalle ich ihn mit einem lebensnah ausgeschmückten Vortrag über drittgradige Frakturen und Armplexusschäden, die sich Zweiradfahrer bei Kollisionen im Straßenverkehr zuziehen können, ganz zu schweigen von Rippenserienfrakturen und Schädelhirntraumata. Als die Ampel nach 18 Sekunden umspringt, kann ich noch den Hinweis unterbringen, dass bei Densfrakturen das Vorhandensein eines Organspendeausweises löblich ist, über den ich selbstverständlich verfüge, obwohl kein Fahrrad fahrend. Im Rückspiegel sehe ich den armen Menschen, weiß um die Nase und grün im Gesicht, wie er seinen Weg zu Fuß fortsetzt. In der Stadt angekommen, betrete ich die erstbeste Metzgerei und erläutere der staunenden Kundschaft ebenso lautstark wie ungefragt, zu welch üblen Sekundärerkrankungen das überaus reichhaltige Angebot an gesättigten Fettsäuren, das sich vor ihnen in den Vitrinen fläzt, führen kann. Nach 18 Sekunden hat mich die ebenso lautstarke Metzgerin an die frische und cholesterinfreie Luft gesetzt. Ich lenke nun meine Schritte in den nächsten Tabakladen und doziere dort über die verschiedenen Stadien der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit und ihrer chirurgischen Therapieformen. Auch hier habe ich kaum Gelegenheit, auf differenzialtherapeutische Details im Stadium IV nach Fontaine einzugehen; nach 18 Sekunden darf ich mich dem nächsten Objekt meiner Studienreise, einer Bäckerei, zuwenden. Dort erläutere ich den entgeisterten Anwesenden, welche bösartigen Auswirkungen die übermäßige Zufuhr von Kohlenhydraten für den Stoffwechsel bedeutet. Nach 18 Sekunden . . .
Liebe Kolleginnen und Kollegen, genug der Worte. Ich denke, ich habe bewiesen, dass 18 Sekunden auch zu viel sein können. Wie immer ist es eine Frage der Dosis und deren Applikation, und wer könnte besser geeignet sein, damit umzugehen, als wir?!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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