ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Unentbehrliche Arzneimittel: Leben – eine Kostenfrage

POLITIK

Unentbehrliche Arzneimittel: Leben – eine Kostenfrage

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2936 / B-2586 / C-2508

Fischer, Christiane

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LNSLNS Patente behindern in armen Ländern den Zugang der Patienten zu erschwinglichen Arzneimitteln. Außerdem setzen sie falsche Forschungsanreize. Ein Kommentar von Dr. med. Christiane Fischer von der BUKO-Pharma-Kampagne

Berlin, August 2005: In einem symbolischen Akt fordern Vertreter von Hilfsorganisationen Pharmaunternehmen auf, Forschung und Preise stärker an den Bedürfnissen armer Länder auszurichten.Foto: epd
Berlin, August 2005: In einem symbolischen Akt fordern Vertreter von Hilfsorganisationen Pharmaunternehmen auf, Forschung und Preise stärker an den Bedürfnissen armer Länder auszurichten.
Foto: epd
Deutschland 2007: Bei Erika Meyer wird HIV festgestellt. Sie hat Glück im Unglück. Sie lebt in einem Land, in dem die notwendigen Aids-Medikamente von der Krankenkasse erstattet werden. Sie wird noch 20, vielleicht auch 30 Jahre mit dem Virus leben, sie kann ihre Kinder aufwachsen sehen, ihrer Arbeit nachgehen. Auch ihr Leben ist durch Nebenwirkungen der Tabletten eingeschränkt und durch die Angst, die mit der Krankheit verbunden ist. Doch sie hat in Deutschland eine chronische Krankheit.
Botswana 2007: John ist mit fünf Jahren an Aids gestorben. Seine Mutter war HIV-positiv, er hat sich während der Geburt angesteckt. Seine Mutter starb, als er ein Jahr alt war. Seitdem lebte er in einem Waisenhaus. Behandelt wurde er nie, obwohl es Medikamente gibt, die sein Leben um 20 oder 30 Jahre hätten verlängern können. Weniger als ein Viertel der 30 Millionen Betroffenen in Afrika kann sich die teuren, meist patentgeschützten Medikamente leisten.
Wir haben heute die unglaubliche Situation, dass wir Aids weltweit zu einer chronischen Krankheit machen könnten, die medizinischen Voraussetzungen sind geschaffen, doch geschieht dies nicht, da das Gewinnstreben von Pharmakonzernen höher gewichtet wird als die Einhaltung der Menschenrechte. Diese von den Vereinten Nationen (UN) verbrieften Rechte sind: der höchstmögliche Gesundheitszustand, der Zugang aller zu unentbehrlichen Arzneimitteln und Gesundheitsdiensten sowie der Zugang aller zu Forschungsergebnissen.
Alle anderen Rechte, wie zum Beispiel wirtschaftliche Interessen einzelner Konzerne, müssen sich den Menschenrechten unterordnen.
Drei Viertel der Betroffenen
fehlt Zugang zu Arzneien
Die Welthandelsorganisation (WTO) existiert seit 1994. Seitdem gibt es auf alle Produkte, so auch auf Medikamente, einen weltweiten 20-jährigen Patentschutz. In dieser Zeit hat die Firma ein zeitlich befristetes Monopol. Wie bei jedem Monopol führt dies zu Preisanstieg und Angebotsverknappung. Im Falle von antiretroviralen Medikamenten (ARVs) folgt daraus, dass drei Viertel der Betroffen keinen Zugang zu den überlebenswichtigen Produkten haben. Insofern dient der Patentschutz zwar unstrittig dem Gewinn der Industrie, ist aber unter Menschenrechtsgesichtspunkten problematisch und führt nicht zu Innovationen für vernachlässigte Krankheiten.
Indien 2007: P. Krishna ist 38 Jahre alt. Er ist HIV-positiv. Doch er hat Glück. Indien musste als Schwellenland erst seit 2005 den Patentschutz auf alle Produkte, so auch auf ARVs anerkennen und produziert so zumindest die Medikamente der ersten Generation selbst. Sie kosten zwischen 100 und 140 US-Dollar pro Jahr, statt wie zum Beispiel in Deutschland 10 000 bis 15 000 US-Dollar. Krishna gehört zu den 200 Millionen Indern und Inderinnen, die sich als Angehörige der Mittelklasse die Therapiekosten leisten können. Doch wenn er nach einigen Jahren Resistenzen gegen die Medikamente der ersten Generation entwickelt, wird auch für ihn Leben zur Kostenfrage. Denn die Second-Line-Therapien kosten als patentgeschützte Medikamente mindestens 2 000 US-Dollar jährlich.
Pretoria, März 2001: Aids-Aktivisten fordernbezahlbare Medikamente für Entwicklungsländer. Foto: AP
Pretoria, März 2001: Aids-Aktivisten fordern
bezahlbare Medikamente für Entwicklungsländer. Foto: AP
Warum Patente der Gesundheit dienen, begründet die Industrie mit folgenden Argumenten:
- Hohe Forschungskosten
Nach Industrieangaben kostet die Entwicklung und Erforschung eines neuen Medikaments 800 Millionen US-Dollar, und diese Summe müsse über die Patentlaufzeit erwirtschaftet werden. Von den 800 Millionen US-Dollar sind die Hälfte „Opportunitätskosten“: Geld, das man hätte verdienen können, wenn man es statt in die Pharmaforschung zum Beispiel am Kapitalmarkt investiert hätte. Diese Rechnung ist hoch umstritten.
Zieht man die Opportunitätskosten von den 800 Millionen US- Dollar ab, bleiben 400 Millionen. Zieht man die Steuerersparnis ab, die den Firmen zugute kommt, bleiben je nach Medikament zwischen 110 und 250 Millionen US-Dollar übrig. Eine immer noch beachtliche Summe, die jedoch kaum einen 20-jährigen Patentschutz rechtfertigt. Hinzu kommt, dass die meisten ARVs der ersten Generation mit staatlichen Geldern erforscht wurden.
- Ohne Patente keine Innovation
Patentschutz ist nach der Logik der Privatindustrie der Garant für Innovationen. Seit Mitte der 90er-Jahre wurde der Privatsektor zum größten Investor in der Forschungslandschaft. Zwischen 1984 und 2004 kam die beachtliche Zahl von 2 800 neuen Medikamenten auf den Markt. Doch nur bei zehn Prozent dieser Präparate konnte ein therapeutischer Fortschritt nachgewiesen werden. Weniger als ein Prozent der Forschungsenergie wurde in Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose (TB), Chagas, Leischmaniose oder die Schlafkrankheit gesteckt, die insgesamt zehn Prozent der Weltkrankheitslast ausmachen. Die Antwort auf die Frage, warum dies so ist, findet sich in jedem Ökonomie-Lehrbuch: Das primäre Interesse eines privaten Wirtschaftsunternehmens ist die Gewinnmaximierung. Entsprechend dieser Logik wurden in 20 Jahren nur drei neue TB-Medikamente entwickelt, obwohl daran jedes Jahr acht Millionen Menschen erkranken und TB nach Aids die Infektionskrankheit ist, die Jahr für Jahr die meisten Todesopfer fordert. Doch leben und sterben die meisten Kranken in armen Ländern und sind aus marktwirtschaftlichen Erwägungen uninteressant. Während 178 Unternehmen in die Krebsforschung investieren und dort 399 Medikamente die klinischen Tests erreicht haben, engagieren sich gerade einmal zwölf in der Entwicklung neuer TB-Medikamente, entsprechend sind nur sechs Präparate in der Pipeline. Diese wiederum werden mit einem großen Anteil öffentlicher und karitativer Gelder in sogenannten Public Private Partnerships erforscht.
- Arme Länder können Schutzklauseln anwenden.
Weiter argumentieren Unternehmen, dass arme Länder die im internationalen Abkommen zum Schutz geistigen Eigentums (TRIPS) verankerten Schutzbestimmungen anwenden könnten, um günstig patentgeschützte Präparate selbst produzieren zu können. In der Tat sieht das TRIPS-Abkommen solche Schutzklauseln zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vor. Die wichtigste davon ist die Zwangslizenz: Jedes Land kann den Patentschutz ohne Einwilligung des Patentinhabers außer Kraft setzen und das Medikament generisch nachproduzieren. Außerdem darf das gleiche Medikament einer Firma aus einem anderen WTO-Mitgliedsland importiert werden, wenn es dort günstiger angeboten wird (Parallelimport). Doch der Druck der reichen Länder auf den armen Teil der Welt ist groß, sein Recht nicht anzuwenden.
- Fehlende Infrastruktur
Die Industrie argumentiert, dass die mangelhafte Infrastruktur in den armen Ländern es unmöglich mache, Medikamente an die Frau und den Mann zu bringen. Fehlende Infrastruktur darf nicht als Ausrede dienen, Kranken heute mit den existierenden Mitteln nicht den bestmöglichen Zugang zu ermöglichen.
- Arzneimittelspenden
Arzneimittelspenden sind eine beliebte Strategie, das Recht auf Zugang aller zu unterminieren. Denn die Entscheidung, wer für wie lange und in welcher Form Arzneimittelspenden erhält, bleibt in der Hand der Firmen. Arzneimittelspenden erhalten den Firmen die hohen Preise und verhindern Zwangslizenzen, indem zum Beispiel die Spende an die Bedingung gekoppelt wird, dass das Land keine solchen Zwangslizenzen verhängt.
Suche nach alternativen
Modellen
Die WHO stellte 2006 in einer Resolution fest, dass der Schutz geistigen Eigentums keinen ausreichenden Anreiz für die Erforschung unentbehrlicher Medikamente für vernachlässigte Krankheiten bietet. Jetzt sucht eine von ihr eingesetzte Intergovernmental Working Group nach alternativen Modellen, die zu Forschung und Entwicklung von Medikamenten führen, für die echter Bedarf besteht und bei denen der Zugang aller Menschen gesichert ist. Damit ist in der internationalen Politik ein Paradigmenwechsel eingeleitet.
Diskutiert werden momentan verschiedene Modelle:
- Patentepools: Alle Beteiligten werden gemeinsam aus einem Patentpool entschädigt.
- Öffentliche Ausschreibungen: Eine unabhängige Kommission legt fest, in welchen Bereichen Forschungsbedarf besteht, und schreibt einen Preis aus.
- Stärkung öffentlicher Forschung durch eine Erhöhung der Finanzmittel
- Veröffentlichungspflicht sämtlicher klinischer Studien
- Nachweis eines therapeutischen Forschritts neben der Prüfung auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit, ansonsten wird kein Patent vergeben.
- Kein Patent auf Medikamente, in deren Entwicklung öffentliche Gelder geflossen sind.
Entscheidend ist, dass alle diese Modelle dem Menschenrecht auf den Zugang zu unentbehrlichen Arzneimitteln eine Priorität vor Wirtschaftsinteressen der Unternehmen einräumen.
Dr. med. Christiane Fischer
www.bukopharma.de
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