ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007„Gesundheit jetzt – in sozialen Brennpunkten“: Am Rand der Gesellschaft

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„Gesundheit jetzt – in sozialen Brennpunkten“: Am Rand der Gesellschaft

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2918 / B-2573 / C-2496

Korzilius, Heike

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LNSLNS Für die Bewohner ist die Siedlung in der Mainzer Zwerchallee die letzte Rettung vor einem Leben auf der Straße. Mit einem Projekt zur Gesund­heits­förder­ung will ein privater Verein die Familien erreichen und Eigeninitiative wecken.

Fotos: Christian Tschira
Fotos: Christian Tschira
Der Schein der warmen Herbstsonne mildert die Trostlosigkeit der Umgebung kaum. Beherrschend ist das Grau der fünf Wohnblocks mitten in einem Mainzer Industriegebiet, das nur hier und da durchsetzt ist mit spärlichem Grün. Fast proper wirkt da der Pavillon am Rand des Geländes, in dem sich an diesem Tag zwölf Bewohner der Zwerchallee zum Frauenfrühstück treffen. Einmal im Monat kommt man hier zusammen, um zu besprechen, was anliegt.
An diesem Septembermorgen haben sich auch einige Männer und Kinder der Gruppe angeschlossen. Eine heftige Diskussion ist im Gange. Eine Hausmeisterfirma will die Bewohner zwingen, ihre Keller zu räumen, weil in einem der Räume Kanister mit einer brennbaren Flüssigkeit entdeckt wurden. Die Frühstücksteilnehmer sind aufgebracht, denn wer, wie Christine S., mit Mann und vier Kindern im Alter zwischen sieben und 20 Jahren auf 72 Quadratmetern lebt, ist auf weiteren Stauraum angewiesen.
Die zierliche 45-Jährige mischt sich engagiert ins Gespräch. Seit 1999 lebt sie in der Zwerchallee. Der jüngste Sohn ist dort geboren, ihr Ehemann dort aufgewachsen. Dabei ist die Siedlung nur als Zwischenlösung gedacht. Die Stadt Mainz bringt hier vorwiegend Familien unter, die aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Wohnung verloren haben.
Eine Betontreppe führt hinauf in den ersten Stock des fünfgeschossigen Hauses. Christine S. und ihre Familie haben das Möglichste getan, um aus der Wohnung ein Zuhause zu machen. Der relativ große Flur beherbergt eine Küchenzeile, das Wohnzimmer dient gleichzeitig als Elternschlafzimmer. Jeweils die beiden Mädchen und die beiden Jungen teilen sich ein Zimmer. Ein Bad gibt es nicht, lediglich eine Toilette mit Waschbecken. Zum Duschen muss die Familie in den Keller gehen. „Für die Kinder ist das hier nichts“, sagt Christine S. Die Autobahnbrücke, die an der Siedlung vorbeiführt, sowie die Züge auf der benachbarten Bahnstrecke verursachten Lärm und Staub, Ratten tummelten sich bei den Gleisen. „Das ist richtiggehend gesundheitsschädlich.“
Doch Christine S. wirkt trotz ihrer Lebensumstände alles andere als resigniert. Sie kümmert sich um Gemeinschaftsbelange in der Siedlung. An diesem Tag hat sie das Frauenfrühstück mit vorbereitet, bringt mittags gemeinsam mit der Nichte ihres Mannes Pamela W. (25) wieder Ordnung in die Küche. „An Halloween machen wir ein Fest für die Kinder“, erzählt Christine S. „Wir basteln zusammen und machen auch eine Weihnachtsfeier.“ Seit der Verein in der Siedlung arbeite, seien die Familien enger zusammengerückt. „Wir sitzen zusammen, trinken Kaffee, reden. Früher ging hier jeder seine eigenen Wege.“
Gesund und preiswert: Christine S. bereitet im Pavillon das Essen vor.
Gesund und preiswert: Christine S. bereitet im Pavillon das Essen vor.
Der Verein, den Christine S. meint, trägt den Namen „Armut und Gesundheit in Deutschland“. Auf Initiative des Mainzer Sozialmediziners Prof. Dr. med. Gerhard Trabert hat er im Jahr 2003 in der Zwerchallee unter dem Motto „Gesundheit jetzt – in sozialen Brennpunkten“ ein Projekt zur Gesund­heits­förder­ung ins Leben gerufen. Es richtet sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche, bezieht aber deren Familien mit ein. In den vergangenen vier Jahren hat der Verein Impfaktionen und gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Kampagne „Ich geh zur U, und Du?“ durchgeführt. Bei dem Projekt geht es vor allem darum, mit Informationen zur gesunden Ernährung, der Förderung von Bewegung und Entspannung sowie allgemeinen Gesundheitsinformationen den Folgen von Armut für die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in der Zwerchallee entgegenzuwirken.
„Wir vermitteln Gesundheitsthemen, aber nicht in eigenen Veranstaltungen“, sagt Projektkoordinatorin Gisela Bill. „Das bringt nichts.“ Um die Leute zu erreichen, müsse man nicht nur deren Bedürfnisse kennen, sondern die Informationen in attraktive Rahmenveranstaltungen einbinden. Dass der Ansatz funktioniert, zeigt sich beim Aufräumen nach dem Frühstück. Christine S. und Pamela W. unterhalten sich über die Kinder – die 25-jährige Pamela ist alleinerziehend, zurzeit ohne Partner und in einem Ein-Euro-Job beschäftigt. Pamela erwähnt dabei, dass sie seit geraumer Zeit keinen Frauenarzt mehr aufgesucht hat und „sich auch nicht mehr die Dreimonatsspritze abholt“. „Das kannst du doch nicht machen“, leitet Christine S. ihre Standpauke ein. Ob sie fruchtet, ist ungewiss. Doch, so Sozialarbeiterin Bill, man hat mit dem gemeinsamen Frühstück zumindest einen Raum geschaffen, in dem man über solche Themen diskutieren kann. Vieles von dem, was dort zur Sprache komme, werde später in die Familien hineingetragen – egal, ob es dabei um Verhütung, Alkohol, Rauchen oder Gewalt in der Erziehung gehe.
Eine Idee, die ebenfalls aus der monatlichen Frühstücksrunde stammt, war die einer Ernährungsberatung. „Die Frauen wollten wissen, wie man sich gesund, lecker und preiswert ernähren kann“, sagt Bill. Eine Ernährungsberaterin der AOK hat dann bei einer der nächsten Frühstücksrunden Tipps gegeben und ist dabei – das ist Bill besonders wichtig – auf die Situation der Betroffenen eingegangen. Denn viele in der Siedlung leiden an Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht.
„Es gibt hier Familien“, sagt Christine S., „die haben Probleme, zum Arzt zu gehen.“ Angesichts von Praxisgebühr und Zuzahlungen wird offenbar mancher Arztbesuch verschoben, wenn nicht gar versäumt. Die Folgen der Zuzahlungspolitik stehen zahlreichen Bewohnern der Zwerchallee buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Wie Christine S. fehlen vielen auch jüngeren Bewohnern die Schneidezähne. Die Zuzahlung zum Zahnersatz ist zu teuer, ein Umstand, an dem auch die Sozialarbeiter von „Armut und Gesundheit“ nichts ändern können.
Besprechen, was anliegt: Einmal im Monat treffen sich Bewohner der Zwerchallee zum gemeinsamen Frühstück.
Besprechen, was anliegt: Einmal im Monat treffen sich Bewohner der Zwerchallee zum gemeinsamen Frühstück.
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Stolz ist man in der Zwerchallee hingegen auf einen speziellen Entspannungsraum, den das Projekt mithilfe des Vereins „Herzenssache“ des Südwestrundfunks realisieren konnte. Er soll den Kindern, die in sehr beengten Verhältnissen leben, eine Rückzugsmöglichkeit eröffnen. Das Haus, das auch die städtische Kindertagesstätte beherbergt, liegt am Rand der Siedlung und grenzt an eine stillgelegte Industrieanlage. Der „Snoezelenraum“ befindet sich in einer leer stehenden Wohnung. Auf die schmutzig-gelbe Etagentür hat jemand ein Hakenkreuz geritzt. Doch schließt man die Tür zum Entspannungsraum hinter sich, taucht man ein in eine Landschaft aus weißen Kissen, Lichteffekten und Musik.
Doris Pfeiffer-Meierer ist begeistert von dem heilpädagogischen Konzept des Snoezelenraums, das aus den Niederlanden stammt. Die Sozialpädagogin betreut dort Kinder aus der Siedlung im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren. „Wer mitmachen will, macht mit“, sagt die 55-Jährige. „Entspannung kann nur freiwillig passieren.“ Die Kinder genössen es, sich einmal in ruhiger Umgebung allein zu fühlen, zu erspüren, was ihnen gut- tue, ihre eigene Fantasiewelt aufzubauen. Viele Kinder hätten psychische Probleme, stammten aus konfliktbeladenen Elternhäusern. „Es ist sehr individuell, was hier oben passiert“, sagt die Sozialpädagogin. „Es gibt Kinder, die schlafen hier ein. Manche bleiben 40 bis 50 Minuten im Raum.“ Immer dürfen sie sich eines der Objekte, wie den Sternenteppich oder die leuchtenden Glasfaserketten, aussuchen, ein Musikstück wählen, um dann auf ihre individuelle Reise zu gehen.
Doch wie viele soziale Projekte steht und fällt die Arbeit der engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der Finanzierung. Drei Jahre lang hat die Aktion Mensch das Projekt gefördert. Inzwischen ist die Förderung ausgelaufen. Die Stelle von Bill finanziert zurzeit der Verein Armut und Gesundheit, der von Spenden lebt, die von Pfeiffer-Meierer unter anderem das rheinland-pfälzische Bildungsministerium. Die Stelle eines Sozialpädagogen, der dreimal wöchentlich mit den Jungen und jungen Männern gekocht oder Sport getrieben hat, musste entfallen. „Dabei sind die jungen Männer, die nichts zu tun haben, immer das größte Problem“, sagt Bill. Seit deren Freizeitprogramm zusammengestrichen wurde, habe die Gewaltbereitschaft wieder zugenommen. „Es wird wieder mehr gekifft, Schlägereien nehmen zu.“
Ein weiteres Problem sei auch die Fluktuation in der Siedlung. „Vier Jahre lang ist in unserem Gemeinschaftscontainer nichts geklaut oder zerstört worden.“ Einige Männer aus der Siedlung hatten maßgeblich am Bau mitgewirkt. „Jetzt sind hier viele neue Familien, und vorgestern haben einige Mädchen erstmals was in die Balken geritzt. Man merkt, die sind noch nicht eingebunden, und die alten Bewohner haben sich fürchterlich aufgeregt.“ Es sei eben wichtig, die Fähigkeiten der Bewohner zu fördern, ihnen zu zeigen, dass sie etwas bewegen und verändern können. „Ein positives Selbstkonzept ist ein wichtiges Zeichen von Gesundheit“, findet Bill.
Heike Korzilius

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