ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Mammakarzinom: „Armut ist ein Karzinogen“

MEDIZINREPORT

Mammakarzinom: „Armut ist ein Karzinogen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2922 / B-2575 / C-2498

Zylka-Menhorn, Vera

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Brustkrebs „erobert“ die Welt: Titelgeschichte des TIME-Magazins vom 15. Oktober 2007
Brustkrebs „erobert“ die Welt: Titelgeschichte des TIME-Magazins vom 15. Oktober 2007
Im Jahr 2020 werden 70 Prozent aller Frauen mit Brustkrebs auf der Welt in Entwicklungsländern leben.

Schätzungsweise eine Million Frauen auf der Welt werden dieses Jahr mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert. Während ehemals vor allem die weibliche Bevölkerung der westlichen Industrienationen betroffen war, hat sich das Mammakarzinom inzwischen zu einer globalen Erkrankung entwickelt: Epidemiologen beobachten eine deutliche Zunahme in Asien, Afrika, Osteuropa und Lateinamerika. Inzwischen gehen Schätzungen davon aus, dass im Jahr 2020 bereits 70 Prozent aller Brustkrebsfälle in den Entwicklungsländern auftreten werden.
Dieser Trend war für die US-Organisation „Susan G. Komen for the Cure“ Anlass, Ende September in Budapest eine internationale Konferenz für Ärzte, Patientinnen und Wohlfahrtsgruppen zu organisieren. Die 1982 gegründete Stiftung gilt als eine der weltweit größten Brustkrebshilfe-Organisationen und kann auf etwa 80 000 freiwillige Mitarbeiter – auch in Deutschland – zählen. Die Vorträge der Delegierten aus 30 Nationen machten deutlich, wie sehr die finanziellen Möglichkeiten eines Landes über Leben und Tod der (weiblichen) Bevölkerung entscheiden. Stiftungsgründerin Nancy Brinker brachte es in Budapest auf den Punkt mit ihrer Aussage: „Armut ist ein bekanntes Karzinogen.“
Mit Bedacht hatte man Ungarn als Veranstaltungsort ausgewählt, gilt der Staat doch als Vorzeigemodell für eine erfolgreiche Präventionsarbeit. Dort wird jeder Frau im Alter zwischen 45 und 65 Jahren jährlich eine kostenlose Mammografie ermöglicht, sogar die Fahrtkosten zur Untersuchung werden den Frauen ersetzt. In der ungarischen Todesursachenstatistik der Frauen fiel Brustkrebs daraufhin vom ersten auf den dritten Platz.
Von einer solch umfassenden Betreuung ist man in Indien weit entfernt. In Puna, wo 3,5 Millionen Frauen leben, gibt es nur ein einziges medizinisches Zentrum, das eine umfassende Brustkrebsbehandlung anbietet. Es verwundert daher nicht, dass die Hälfte aller indischen Brustkrebspatientinnen überhaupt keine Therapie erhält. In der Ukraine sind zwar flächendeckend Mammografie-Geräte vorhanden, aus Mangel an Filmmaterial müssen die Ärzte aber von Fall zu Fall entscheiden, ob sie die erforderliche Frontal- und Seitenaufnahme anfertigen, oder ob sie es bei einer Einstellung belassen, um doppelt so viele Frauen in den Genuss der Diagnostik kommen zu lassen. Und in Kenia? „Wenn man nicht zu den Auserwählten gehört, die genügend Geld für eine Reise in eine Industrienation haben, kann man nur noch auf den Tod warten“, so die Kenianerin Mary Onyango, die ihre Krebsdiagnose im Alter von 40 Jahren erhielt.
Doch es ist nicht nur die mangelnde oder unterversorgte Gesundheits-Infrastruktur, welche die Brustkrebsraten in den Entwicklungsländern ansteigen lässt. Zynischerweise ist es auch eine Folge der verbesserten Hygiene und Ernährung, die die durchschnittliche Lebenserwartung in den Niedrig- und Mittellohnländern von 50 Jahren in 1965 auf 65 Jahre in 2005 ansteigen ließ. Damit erreichen Frauen die Lebensphase, in der Brustkrebs am häufigsten auftritt. Aber auch der Einfluss „westlicher“ Lebensgewohnheiten – wie fetthaltiges Essen, mangelnde Bewegung, Übergewicht und Geburtenrückgang – ist nicht zu unterschätzen.
Es ist bekannt, dass Frauen, die weniger als zwei Kinder gebären, ein höheres Brustkrebsrisiko haben als Frauen mit häufigen Schwangerschaften. „Bislang hat Kinderreichtum die Inderinnen vor dem Mammakarzinom bewahrt“, berichtete Dr. med. Vinod Raina, Onkologe aus Neu-Delhi. Der Epidemiologe Dr. Wei Zheng von der Vanderbilt University in Nashville wollte den Einfluss des Geburtenrückgangs sogar beziffern: „Die Veränderung im Reproduktionsverhalten hat einen Anteil von 30 bis 40 Prozent auf das Brustkrebsrisiko.“
Die Prognose der Patientinnen im internationalen Vergleich hängt zudem vom Rezeptorstatus des Brustkrebsgewebes ab, der auch regionale Unterschiede aufweist. Die meisten Frauen europäischer Abstammung erkranken an hormonabhängigem Brustkrebs, sodass sie durch den Östrogenrezeptor-Modulator Tamoxifen und den monoklonalen Antikörper (gegen HER2/neu) Trastuzumab heute eine bessere Überlebenschance haben.
Asiatinnen sowie farbige Frauen in den USA und Afrika hingegen entwickeln eher das Östrogenrezeptor-negative (ER-negative) Mammakarzinom. Seine Prognose ist deutlich schlechter, weil die Erkrankung in der Regel zehn Jahre früher als der ER-positive Typ auftritt und dafür nicht so spezifische Arzneimittel vorhanden sind.
Doch damit nicht genug: 40 Prozent der prämenopausalen afroamerikanischen Brustkrebspatientinnen sind von einer besonders gefährlichen Form des ER-negativen Krebstyps betroffen, der weder östrogen- noch progesteronempfindlich ist (basal-like subtype).
BRCA1- und BRCA2-Gen
Und auch die Gene spielen eine Rolle – wiederum für Asiatinnen mit negativen Folgen. Während nur zehn Prozent der US-Brustkrebspatientinnen Mutationen im BRCA1- und BRCA2-Gen aufweisen, ist diese Veränderung überproportional häufig unter Asiatinnen zu finden. Diese genetische Konstellation ist dafür verantwortlich, dass das Karzinom meist bei Frauen, die jünger als 50 Jahre sind, auftritt und bevorzugt auch die zweite Brust befällt.
Es gibt noch andere Faktoren, welche die Krebserkrankung für Asiatinnen erschweren: Diese Frauen haben ein dichteres Brustdrüsengewebe, in dem sich laut Studien fünfmal häufiger bösartige Tumoren entwickeln. Zudem scheinen die üblichen Dosierungsschemata für Chemotherapeutika, die sich nach Gewicht und Größe richten, bei ihnen nicht zu greifen. Ärzte aus Singapur berichteten, dass einige ethnische Gruppen die Medikamente unterschiedlich absorbieren, sodass sie ihren Patientinnen bis zu 30 Prozent geringere Dosierungen verabreichen, um Nebenwirkungen zu vermeiden. „Die Ärzte müssen selbst Forschung betreiben und das individuell optimale Dosisregime herausfinden“, sagte Dr. Richard Love, Wissenschaftlicher Direktor der International Breast Cancer Research Foundation in Wisconsin.
Kulturelle Unterschiede
Je nachdem, in welchem Land eine Frau an einem Mammakarzinom erkrankt, erfährt sie unterschiedliche Reaktionen auf ihr Leiden. So wird Brustkrebs in einigen Teilen der Welt immer noch als eine Schande (für die Familie) angesehen. Es verwundert daher nicht, dass Frauen in Taiwan, wo flächendeckend Mammografien angeboten werden, sogar dann noch versuchen, ihre Krankheit zu verheimlichen, wenn der Tumor exulzeriert und die befallene Brust bereits schmerzt.
Und Nigerianerinnen hüten das Krebsgeheimnis um jeden Preis, damit ihre Töchter die Chance haben, heiraten zu können. Potenzielle Ehemänner würden durch die Brustkrebsdiagnose der Schwiegermutter abgeschreckt. Die Töchter blieben dann unverheiratet, was wiederum ein Makel für die Familie ist. „Anstatt sich anderen mitzuteilen, ziehen Frauen es vor, in die Kirche zu gehen und darum zu beten, dass die Beule von selbst wieder verschwindet“, sagte die nigerianische Brustkrebspatientin Betty Anyanwu-Akeredolu.
Auch die Unkenntnis darüber, was eine Krebserkrankung überhaupt ist, ebnet Vorurteilen den Weg. In der Annahme, Brustkrebs sei ansteckend, ist es beispielsweise in Indien weitverbreitet, dass erkrankte Frauen mit separatem Geschirr und Besteck essen müssen.
In Ägypten, wo alle drei Minuten ein Mammakarzinom diagnostiziert wird, erfahren die Frauen ebenfalls Repressalien: Für ihre Männer ist die Tumorerkrankung ein gesellschaftlich akzeptierter Grund, an Brustkrebs erkrankte Frauen zu verlassen. Wie der Chirurg Dr. med. Mohamed Shaalan (Kairo) in Budapest berichtete, sprechen sich inzwischen sogar die religiösen Führer des Landes für eine Brustkrebsprävention aus, und mahnen männliche Gemeindemitglieder, ihre Ehefrauen regelmäßig untersuchen zu lassen – „zur Not“ auch durch einen Arzt anstelle einer Ärztin.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Der Artikel basiert auf der Titelgeschichte des TIME-Magazins vom 15. Oktober 2007 (Seite 20–25). Autorin ist die Hongkong-Korrespondentin Kathleen Kingsbury. Hierfür hatten 18 Auslandskorrespondenten Daten aus Nordamerika, Lateinamerika, Afrika, Asien, Europa und dem Mittleren Osten zusammengetragen. TIME-Wissenschaftsjournalist Jeffrey Kluger hatte an der KEMEN-Konferenz in Budapest teilgenommen.

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