ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007HIV/Aids: Wie Aids die Weltwirtschaft schwächt

THEMEN DER ZEIT

HIV/Aids: Wie Aids die Weltwirtschaft schwächt

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2932 / B-2582 / C-2505

Brunne, Viviane

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Persönliches Leid, das sich ökonomisch auswirkt: In Afrika sterben infolge von Aids die Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die ältere Generation muss sich um die Enkel kümmern. Foto: VISUM
Persönliches Leid, das sich ökonomisch auswirkt: In Afrika sterben infolge von Aids die Menschen im erwerbsfähigen Alter. Die ältere Generation muss sich um die Enkel kümmern. Foto: VISUM
Die mikro- und makroökonomischen Auswirkungen der Immunschwächekrankheit werden gerne unterschätzt – auch in Deutschland.

So schwer das HI-Virus für Impfstoffe und Therapeutika zu fassen ist – so leicht entwindet es sich auch der Ökonomie. Verschiedene makroökonomische Untersuchungen kommen zu unterschiedlichen, sogar widersprüchlichen Ergebnissen – abhängig davon, welche Annahmen über die Auswirkungen von Aidsepidemien zugrunde gelegt werden.
International gibt es einen deutlichen Trend, ökonomische Fragen im Zusammenhang mit Aids zu diskutieren. Weltweit gibt es 40 Millionen HIV-Infizierte, davon 740 000 in West- und Zentraleuropa; weitere 1,7 Millionen in Osteuropa und Zentralasien, in Deutschland etwa 50 000. Die Mehrzahl der Betroffenen ist im reproduktiven – und damit erwerbsfähigen – Alter; ein Wirtschaftsfaktor, der nicht unterschätzt werden kann.
Dabei hat Aids verschiedene ökonomische Dimensionen: Auswirkungen auf der Unternehmensebene, auf Volkswirtschaften, auf die Attraktivität von Investitionsstandorten, auf die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit, auf Marketingstrategien und auf die soziale Verantwortung der Firmen. Diese Facetten von „Aids & Economy“ haben alle auch Einfluss auf Deutschland.
Je nach Branche kann sich Aids unterschiedlich auf Unternehmen auswirken. Man unterscheidet direkte, indirekte und systemische Kosten. Zu den direkten Kosten gehören steigende Ausgaben für Gesundheitsprogramme, für die Sozial- und Gesundheitsversicherung oder für die Neurekrutierung und Ausbildung von Beschäftigten. Einige Unternehmen im südlichen Afrika sind sogar dazu übergegangen, jede Position mit zwei bis drei Arbeitnehmern zu besetzen, um angesichts der hohen krankheitsbedingten Fluktuation vorzubauen.
Indirekte Kosten entstehen zum Beispiel durch Abwesenheit vom Arbeitsplatz oder durch Unwohlsein bei der Arbeit, was sich auf die Produktivität auswirkt. Als systemische Auswirkungen werden negative Effekte auf den Zusammenhalt am Arbeitsplatz und die Belastung der Arbeitsatmosphäre bezeichnet. Dazu gehören auch der allgemeine Ausbildungs- und Erfahrungsstand, die Fähigkeit, betriebsinternes Wissen zu behalten und weiterzugeben.
Um mit diesen Folgen der Aids-epidemie besser umzugehen, haben sich größere Unternehmen mit Niederlassungen in Hochprävalenzländern international zusammengeschlossen: Die Global Business Coalition (GBC) und die Global Health Initiative (GHI) des World Economic Forums (WEF) sind die bekanntesten Foren für Unternehmen, die sich mit HIV/Aids beschäftigen wollen. Zu den Mitgliedern gehören auch bekannte deutsche Unternehmen wie Volkswagen, BMW oder Deutsche Post World Net.
Allerdings agieren die Unternehmen eher intuitiv als strukturiert, wie eine weltweite Umfrage unter mehr als 10 000 Firmenvertretern in 117 Ländern ergab (WEF/GHI 2006). So haben nur etwa neun Prozent eine quantitative Risikoanalyse über die Auswirkungen von HIV für das eigene Unternehmen erhoben. Dabei geht jedes zweite Unternehmen (46 Prozent) davon aus, dass Aids die Unternehmensaktivitäten beeinflusst, 17 Prozent erwarten sogar einen starken Einfluss.
Insofern liegen deutsche Firmen mit ihrem mehrheitlich mäßigen Interesse am Thema international durchaus im Trend, denn auch in den heute stark betroffenen Ländern haben Unternehmen erst begonnen, sich der Herausforderung zu stellen, als Aids wirklich sichtbar wurde und Menschen in großer Zahl zu sterben begannen.
Der GHI-Bericht ergab: Erst wenn die nationale HIV-Prävalenz 20 Prozent überschreitet, lassen sich die Firmen dazu bewegen, Strategiepapiere zu verabschieden, die den Umgang mit Aids am Arbeitsplatz festschreiben und in denen gegebenenfalls weitere Programme wie Beratung, Tests und Therapie festgehalten werden. Angesichts der Inkubationszeit von mehreren Jahren, kommt Prävention für viele dann zu spät, die Antworten sind allenfalls reaktiv.
Da der Fokus der Medienberichterstattung auf alten und neuen Hochprävalenzgebieten in Afrika, Asien und Osteuropa liegt, entsteht bei Arbeitgebern aus Industrienationen leicht der Eindruck, Aids sei „weit weg“ und hätte mit ihren Unternehmen nichts zu tun. Zudem können HIV-Infizierte dank guter Therapiemöglichkeiten immer besser in das Arbeitsleben integriert werden. Eine Kohortenstudie aus der Schweiz
aus dem Jahr 2003 ergab, dass dort 70 Prozent der Betroffenen einer bezahlten Beschäftigung nachgehen, davon 68 Prozent in Vollzeit.
In Deutschland gibt es keine genaue Übersicht, wie viele der HIV-infizierten Menschen in das Arbeitsleben integriert sind. Einen Anhaltspunkt bieten aber die Daten aus dem Kompetenznetz HIV/AIDS. Danach ist bei 13 728 Patienten bei Erstaufnahme eine Mehrheit von 7 283 berufstätig (davon 5 920 in Vollzeit und 1 363 in Teilzeit oder stundenweise). 5 221 Personen sind zurzeit nicht berufstätig, 75 sind Auszubildende und 99 haben eine vorübergehende Freistellung (1 050 unbekannt; Stand August 2007).
Wie die Schweizer Studie zeigt, halten HIV-Infizierte ihre Krankheit vor ihrem Arbeitgeber nach Möglichkeit geheim. Dabei ist die positive Integration von HIV-Patienten in die Arbeitswelt eine echte Win-win-Situation: Die produktive Teilnahme am Arbeitsleben kann sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Immer wieder berichten Patienten, dass sie zufriedener und ausgeglichener sind, wenn sie auf diese Art und Weise am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Dadurch können am Ende auch Ausgaben für Gesundheitsleistungen eingespart werden, und die Unternehmen profitieren von hoch motivierten Arbeitskräften. Die genauen Zusammenhänge gilt es, mit konkreten Daten zu belegen.
Gleichzeitig wäre es wünschenswert, wenn sich die öffentliche Seite verstärkt für die Integration von Infizierten in das Arbeitsleben engagieren würde. Arbeitgeber, die bewusst Menschen mit HIV einstellen, beklagen zuweilen, dass sie die Konsequenzen – Immunschwächekrankheit der Mitarbeiter – allein tragen müssen.
Angespannte Gesundheitsetats
Die realen Auswirkungen der Epidemien auf die jeweilige Volkswirtschaft sind schwer zu fassen. Die meisten Modelle stellen für Endemiegebiete nur einen relativ moderaten Abfall des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fest. Gleichwohl bedeutet ein Rückgang von lediglich ein bis zwei Prozentpunkten pro Jahr, dass das BIP nach 25 Jahren rund 30 Prozent niedriger ist als ohne Aids. Noch deutlicher sichtbar werden die Einflüsse der Epidemie, wenn man sie für einzelne Bereiche differenziert. In Hochprävalenzgebieten ist besonders der Gesundheitssektor betroffen. Dort übersteigt der Investitionsbedarf für die Bekämpfung von HIV/Aids die gesamten bis dato zur Verfügung stehenden öffentlichen Gesundheitsbudgets. In Südafrika beispielsweise plant die Regierung, innerhalb von fünf Jahren 80 Prozent aller therapiebedürftigen Südafrikaner in Behandlungsprogramme einzuschließen. Dafür werden 45 Milliarden Südafrikanische Rand (4,7 Milliarden Euro) veranschlagt; diese Summe übersteigt den gesamten bisherigen Gesundheitsetat um 20 Prozent.
Versicherungsprämien steigen
Die Aidsepidemie verändert darüber hinaus die solidaritätsbasierten Versicherungssysteme. So ist in einigen Ländern die mittlere – erwerbstätige – Generation stark dezimiert. Statt dass die Erwachsenen die Großeltern pflegen, müssen diese nun die Pflege ihrer Enkel übernehmen. In Hochprävalenzländern verändert sich zudem die Relation der Beitragszahler zu den Anspruchnehmern. Immer häufiger stellen Versicherungen daher ihre Angebote um: Prämien steigen, oder das Leistungsspektrum wird vermindert. Auch in Deutschland bedarf die HIV-Infektion hochpreisiger Therapien, die die Solidarsysteme belasten.
Sogar die Attraktivität eines Landes als Investitionsstandort wird durch seine HIV-Prävalenz beeinflusst: Denn höhere Kosten für Gesundheitsleistungen, sinkende Nachfrage nach bestimmten Gütern (weil das Haushaltseinkommen sinkt) oder angespannte öffentliche Haushalte, die Investitionen in die Infrastruktur nicht tätigen können, erscheinen ökonomisch wenig reizvoll. Die Folge: Internationale Ratingagenturen stufen stark betroffene Länder schlechter ein. Beispielsweise sind südafrikanische Unternehmen aufgrund von Aids mit einer höheren Risikoprämie belegt.
Man könnte annehmen, dass ausländische Investoren das Land in Scharen verlassen; doch das Gegenteil ist der Fall: Mit einem Wirtschaftswachstum von fünf Prozent ist Südafrika hoch attraktiv; allein 600 deutsche Unternehmen haben im Land am Kap Standorte aufgebaut. Eine südafrikanische Studie bestätigt, dass bei mehr als 90 Prozent der Unternehmen die Investitionsentscheidung nicht durch HIV beeinflusst worden ist. Gleichzeitig gaben 56 Prozent der großen, 46 Prozent der mittleren und 27 Prozent der kleinen Unternehmen an, dass die Epidemie bereits jetzt einen negativen Einfluss auf die Profitabilität habe.
Die Sorge um die Auswirkungen von Aids zeigt sich eher daran, dass einzelne Unternehmen versuchen, ihr individuelles Risiko zu minimieren („burden shifting“): So wird ein enger Stab an hoch qualifizierten Arbeitskräften, die gut in Aufklärungs- und Versicherungsprogramme eingebettet sind, gefördert, während der Pool an geringer qualifizierten Arbeitskräften abgebaut wird. Oder einzelne Arbeitsbereiche werden ausgelagert, und das Risiko der HIV-Infektion wird dadurch externalisiert und individualisiert. Dabei lässt sich nur selten ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen solchen Umstrukturierungsmaßnahmen und Aids nachweisen.
Regierungsmaßnahmen
können Vertrauen schaffen
Fast unmöglich ist es, die Auswirkungen von HIV/Aids auf ausländische Direktinvestitionen einzuschätzen. Es lässt sich kaum feststellen, ob sich ein Unternehmen aufgrund von Aids gegen ein Hochprävalenzland als Standort entschieden hat. Meist spielen hier verschiedene Faktoren eine Rolle. In Südafrika wirken sich aus Sicht westlicher Investoren unter Umständen die Politik des „Black Economic Empowerment“, die Angst vor Nachteilen für Weiße und die hohe Kriminalität auf die Attraktivität des Standortes aus.
Wichtig, so Entwicklungsökonom Prof. Dr. Michael Grimm (International Graduate School in Development Studies, Den Haag), ist dabei auch die Regierungsstrategie im Kampf gegen Aids. Werden Pro-aktiv-Maßnahmen ergriffen, wächst das Vertrauen der internationalen Wirtschaft. Brisant ist es jedoch, dass neue Epidemien derzeit gerade in den Ländern entstehen, die Schlüsselpositionen in der internationalen Wirtschaft einnehmen: China, Indien und Russland. Eine Destabilisierung der Wirtschaft in diesen Ländern wird mit hoher Wahrscheinlichkeit im eng vernetzten globalen Wirtschaftssystem bald in Deutschland und Europa spürbar sein.
Entwicklungszusammenarbeit
Das muss auch den Politikern der G-8-Staaten bewusst gewesen sein, als sie jüngst in Heiligendamm zusätzliche Aktivitäten gegen die internationale Aidskrise vereinbarten. Deutschland sagte zu, die Mittel für die internationale Aidsbekämpfung zu erhöhen und von 2008 bis zum Jahr 2015 insgesamt vier Milliarden Euro (500 Millionen pro Jahr) zur Verfügung zu stellen. Für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat Aids eine Priorität, die bei allen Projekten als „Querschnittsaufgabe“ mitberücksichtigt wird.
Durch Aids werden zahlreiche Entwicklungserfolge, die über Jahrzehnte mühsam erreicht wurden, plötzlich zunichte gemacht. Die Lebenserwartung sinkt zum Teil um mehr als zehn Jahre, die Bildungssituation – besonders der Mädchen – verschlechtert sich, andere Gesundheitsbereiche werden in Mitleidenschaft gezogen. Darunter leidet insgesamt die Effektivitätsbilanz deutscher Entwicklungsgelder.
Neben direkten bilateralen Entwicklungsprojekten, werden mit deutschen Geldern auch multilaterale Programme, wie zum Beispiel der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose, unterstützt. Der dort kalkulierte Finanzbedarf und die tatsächlich verfügbaren Mittel klaffen eklatant auseinander. Der Globale Fonds schätzt, dass bis 2010 sechs bis acht Milliarden US-Dollar pro Jahr nötig sein werden, um universellen Zugang zur Aidstherapie zu finden und weitere Ziele in der Malariaprophylaxe und Tuberkulosebekämpfung zu erreichen. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 konnte der Globale Fonds über 2,3 Milliarden US-Dollar verfügen.
Damit ist ein weiterer ökonomischer Aspekt berührt: die Frage der Finanzierbarkeit internationaler Entwicklungsprogramme. Solange der Globale Fonds und andere internationale Aidshilfsprogramme unterfinanziert sind, werden sich nationale und internationale Gruppen, Regierungen und Aktivisten immer wieder an die finanzkräftigen Staaten der Erde wenden und fordern, mehr Ressourcen beizusteuern – auch dadurch wird Aids für die Bundesrepublik zu einem wirtschaftspolitischen Thema.
Auf der Suche nach finanziellen Mitteln für die Aidsbekämpfung werden dabei immer kreativere Wege eingeschlagen. Aufsehen erregt derzeit die Kampagne „Product Red“, bei der verschiedene Markenanbieter rote Produkte entwickelt haben, deren Einnahmen zum Teil der Aidsbekämpfung zugutekommen. Daran beteiligten sich zum Beispiel die Modefirmen GAP und Armani. Apple entwickelte den roten iPod, Motorola ein rotes Handy und bei American Express können Kunden sich für eine Kreditkarte entscheiden, bei der ein Prozent des Kreditkartenumsatzes an den Globalen Fonds fließen.
War es früher schwierig, Unternehmen für Corporate-Social-Responsibility-Maßnahmen zu einem ambivalenten Thema wie Aids zu bewegen, platzieren sich heute große Marken ganz gezielt. Thomas Spar, Marketingstratege der Agentur Deep Thought (Frankfurt/Main), beobachtet eine „Moralisierung der Märkte“ und ein neues Bedürfnis nach der „Good Economy“. Dies äußere sich in der Bereitschaft einer steigenden Zahl von Personen, auch in Deutschland nachhaltig und verantwortungsvoll zu konsumieren.
Der Ausspruch des Friedensnobelpreisträgers und Gründers der Grameen Bank, Mohammed Yunus, ist bekannt geworden: „Every social problem is a business opportunity“. Man mag dies zynisch finden: Nun soll aus dem Elend der Welt noch Profit geschlagen werden. Gleichzeitig beschreibt es eine Realität: Aids ist ökonomisch und die ökonomischen Auswirkungen der Epidemie penetrieren alle Gesellschaften – in Hochprävalenzländern wie auch in Deutschland. Neue Koalitionen sind nötig, die die Medizin, die Politik und die HIV-Selbsthilfe-Community an einen Tisch bringen. Ein Platz für die Wirtschaft sollte ebenfalls reserviert sein.

Viviane Brunne
Im Kompetenznetz HIV/AIDS verantwortlich für internationale und politische Beziehungen
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