ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Charité: Offene ethische Diskussion gefragt
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. . . Unzweifelhaft ist zuzustimmen, dass das Vertrauen unserer Gesellschaft in das Leben schützende Handeln von uns Ärzten und Pflegenden ein unverzichtbar hohes moralisches Gut ist. Unzweifelhaft ist zuzustimmen, dass unzumutbare äußere Arbeitsbedingungen das Risiko von emotionaler Verhärtung und von unmenschlichem Handeln erheblich erhöhen können und dass schädliche Rahmenbedingungen durch organisatorische Maßnahmen vermieden werden müssen. Wir erleben stereotype Proklamationen organisatorischen Handelns offiziell Verantwortlicher (die Klinikumsleitung, Präsidenten medizinischer Fachgesellschaften, Spitzenvertreter der Ärzteschaft), worin gezeigt wird, wie man sich in der Öffentlichkeit zu rechtfertigen hat. In der repressiven Kommerzialisierung der Medizin werden wir gelehrt, die menschliche Zuwendung und die menschliche Nachdenklichkeit der Ökonomie nachzuordnen und die Proklamationen der Qualitätssicherung zu erfüllen. Wir werden gelehrt, die persönliche menschliche Zuwendung vor der ökonomischen Kontrolle zu verbergen und werden zu menschlichem Handeln allenfalls mit moralischem Druck erpresst. Im Ethikunterricht, in Qualitätszirkeln und in anonymen Fehlermeldesystemen wird diese Spannung noch erhöht. Um diesen Konflikt nicht aushalten zu müssen, um fehlerhaftes Handeln Einzelner von uns weisen zu können, verurteilen wir sie moralisch und forensisch. Was lernen wir in der ausschließlichen Proklamation des richtigen Handelns und Denkens, in der offiziellen Nichtzulassung zweifelnden Nachdenkens über die Grenzfragen? Zwischen dem eigenen zweifelnden Denken und den proklamierten Grundsätzen, zwischen dem Leiden individueller Menschen unter dem medizinischen lebensverlängernden Handeln und der Starre der offiziell proklamierten Vorschriften und Maßnahmen richtigen ethischen Handelns gibt es einen nicht zur Diskussion zugelassenen Widerspruch. Undiskutierte und individuell nicht auflösbare Widersprüche werden – wie eh und je – mit Tabuisierung, Abspaltung und Verdrängung behandelt. In den offiziellen Verlautbarungen der verfassten Ärzteschaft vermisse ich eine nicht nur proklamierende, sondern nachdenkliche, wechselseitig respektvolle und vorbehaltlos offene ethische Diskussion dieser unserer gesellschaftlichen Mitschuld. Eine solche Diskussion wäre hilfreich, Fehlhandlungen zu vermindern.
Priv.-Doz. Dr. Johann F. Spittler, Alsenstraße 14,
45711 Datteln
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