ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Charité: Eher unwahrscheinlich
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Nachdem eine Krankenschwester des Mordes an fünf Patienten auf einer kardiologischen Intensivstation der Charité überführt worden ist, stellt Sabine Rieser im DÄ die Frage, ob sich zukünftig ein solcher Vorfall durch eine geänderte Organisation der Verantwortung verhindern ließe. Als Lösung hat die von der Charité eingesetzte Kommission vorgeschlagen, die Intensivstationen fachübergreifend zu größeren Einheiten zusammenzulegen. Es gäbe in Deutschland noch sehr viele fachbezogene Intensivstationen, dies habe organisatorische und medizinische Nachteile. Das ist zunächst schwer verständlich. Was ist Intensivmedizin? Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hat in dem Band „Stellungnahmen/Empfehlungen zum Problem der Intensiv- und Notfallmedizin“, 2. Auflage, Herausgeber A. Karimi und W. Dick, November 1993, Seite 97, erklärt: „Alle in der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin zusammengeschlossenen Fachgebiete sind der Meinung, dass die Intensivmedizin weder ein selbstständiges Fachgebiet noch ein Teilgebiet sein kann, sondern integraler Bestandteil der Mutterfächer bleiben muss“. Intensivpatienten sind damit also infolge spezifischer Erkrankungen oder Verletzungen Schwerkranke und gefährdete Patienten, die einer spezifischen Behandlung bedürfen. Sie haben ein Anrecht auf die Behandlung durch den bestqualifizierten verfügbaren Arzt für ihr Krankheitsbild. Eine fachübergreifende Leitung der Intensivstation bedeutet, die Leitung einem Arzt, der weniger für die spezifischen schwersten Krankheitsfälle ausgebildet ist, zu übertragen. Fachspezifische Intensivstationen stellen daher eher einen medizinischen Vorteil für die Patienten dar. Sind fachübergreifende Intensivstationen wirtschaftlicher als fachspezifische? Es entspricht nicht den wirtschaftlichen Berechnungen im eigenen Klinikum, dass die Übertragung der Verantwortung für spezifische Intensivstationen an die Kollegen zum Beispiel der Anästhesie, eine Kostenersparnis erbrächte. Das Gegenteil ist der Fall: Die Mehrarbeit bei einer solchen Übertragung von Verantwortung wäre durch die Kollegen der Anästhesie nur durch einen Stellenaufwuchs zu schultern, während gleichzeitig die fachspezifisch ausgebildeten Intensivmediziner ständig bereitgehalten werden müssten, da die fachärztliche Beurteilung jederzeit verfügbar sein muss . . . Es ist daher in der Summe weniger personalaufwendig, wenn nur die sowieso erforderlichen Fachärzte die fachspezifische Intensivmedizin betreiben. Zum gleichen Ergebnis kommen die Publikationen von Cremer et al. „Interdisziplinäre oder fachgebundene Intensiveinheit? Was ist die richtige Organisationsform?“ f & w, 6/2006, 23. Jahrgang, Seite 648–651 . . . Es ist zudem gänzlich unwahrscheinlich, dass in einer größeren organisatorischen Einheit, in der die einzelnen Mitarbeiter eine gewisse Anonymität haben, Straftaten schneller aufgedeckt werden als in einer kleineren und daher überschaubaren organisatorischen Einheit . . .
Prof. Dr. med. R. Firsching,
Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Magdeburg,
Leipziger Straße 44, 39120 Magdeburg
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