ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Schwarze Deutsche: Treuloses Vaterland

KULTUR

Schwarze Deutsche: Treuloses Vaterland

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2966 / B-2615

Jachertz, Norbert

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Marianne Bechhaus-Gerst: Treu bis in den Tod. Links Verlag, Berlin, 2007, 200 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro
Marianne Bechhaus-Gerst: Treu bis in den Tod. Links Verlag, Berlin, 2007, 200 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro
Mahjub war zehn Jahre alt, als er 1914 in Lettow-Vorbecks Truppe eintrat, um Deutsch-Ostafrika gegen die Briten zu verteidigen. Sein Vater, einer der sprichwörtlichen treuen Askaris, hatte sich zuvor schon reaktivieren lassen. Der Sohn folgte, ein Kindersoldat – würde man heute sagen. 1917 wurde er verwundet und kam in britische Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg saß der jugendliche Askari wie viele seiner Mitkämpfer zwischen den Stühlen. Den neuen Herren war er suspekt, die Deutschen konnten mit ihm so recht nichts anfangen. Dennoch ging er nach Deutschland, war er doch des Kaisers Soldat. Auch glaubte er, dieses Vaterland sei ihm etwas schuldig und werde sich schon nicht lumpen lassen.
Mahjub schlug sich als Steward auf deutschen Schiffen, als Kellner in Berlin, Komparse in Kolonialfilmen und „exotischen“ Afrikaschauen, auch als Kiswahili-Lektor an der Berliner Universität durch, diente in der Weimarer wie in der Nazizeit bereitwillig der Kolonialpropaganda, heiratete und hatte Liebschaften. Dadurch geriet er schließlich ins Netz der Nazis. Die hatten ihn anfangs noch als Vorzeige-Askari genutzt, doch schließlich obsiegten die rassistischen Vorurteile. Mahjub wurde 1941 wegen Rassenschande denunziert. Zu einer Verurteilung kam es mangels rechtlicher Handhabe nicht. Stattdessen wurde Mahjub ins KZ Sachsenhausen eingewiesen. Hier starb er nach drei Jahren im November 1944. Die Kölner Afrikanistin Marianne Bechhaus-Gerst hat die Lebensgeschichte Mahjubs, der offiziell Bayume Mohamed Hussein, eingedeutscht Husen, hieß, sorgfältig rekonstruiert. Sie erzählt sie einfühlsam, Mahjub scheint ihr bei den Recherchen ans Herz gewachsen zu sein. Bei aller Sympathie verliert sie nicht die kritische Distanz und erkennt in Mahjub auch den Lebenskünstler, Aufschneider und Frauenhelden. Zugleich erinnert die Autorin an ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte. Und das liest sich in ihren Worten keineswegs so heroisch, romantisch oder gar lustig wie in den Geschichten und jugendbewegten Liedern von Heia Safari oder der Äquatorsonne.
Deutschland ist mit seinen „Schutzbefohlenen“, seinen schwarzen „Untertanen“, einschließlich der Askaris, schäbig umgegangen. Den Sold blieben die Deutschen ihren schwarzen Mitkämpfern lange schuldig. Erst 1928 war es soweit. Mahjub wurde das ihm Zustehende überhaupt verweigert, er meldete sich nämlich erst 1929, ein Jahr zu spät. Stattdessen halfen ihm hin und wieder das Auswärtige Amt und Kolonialvereine, die auf eine Rückgabe der Kolonien spekulierten und deshalb eine negative Presse scheuten. Nicht einmal mit dem „Ehrenkreuz des Weltkrieges“ durfte er ausgezeichnet werden. Nach einem peinlichen bürokratischen Gerangel wurde entschieden, dass es (schwarzen) Afrikanern nicht zustehe. Die Schwarzen Deutschen besaßen Ausweise, die sie als unmittelbare Reichsangehörige oder deutsche Schutzbefohlene deklarierten. Staatsangehörige waren sie damit nicht. Die Nazis zogen sogar diese Ausweise ein und ersetzten sie durch Fremdenpässe. So auch bei Mahjub.
Dem treuen Askari erwies sich Deutschland als treuloses Vaterland. Immerhin, das Buch von Bechhaus-Gerst findet heute, spät genug, einige Beachtung. Und vor der Brunnenstraße 193 in Berlin, wo Mahjub mit Familie zuletzt wohnte, wurde soeben ein „Stolperstein“ ins Pflaster eingelassen. Norbert Jachertz

Marianne Bechhaus-Gerst: Treu bis in den Tod. Links Verlag, Berlin, 2007, 200 Seiten, kartoniert, 24,90 Euro
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