ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Die Lage spitzt sicher weiter zu

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Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte: Die Lage spitzt sicher weiter zu

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): A-2971 / B-2619 / C-2539

Martin, Wolfgang

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Der Facharztbedarf in den Kliniken kann immer weniger gedeckt werden. Bedenklich ist zudem, dass die Weiterbildungsquote kontinuierlich sinkt.

Der Nachfrageboom nach Fachärztinnen und Fachärzten ist ungebrochen: In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres wurden wieder 24 Prozent mehr entsprechende Stellenanzeigen im Deutschen Ärzteblatt geschaltet als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Insgesamt waren es bereits 4 570. Dabei legten auch die Akutkrankenhäuser mit einem Plus von 18 Prozent noch einmal deutlich zu.
Foto: fotolia
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Die Lage spitzt sich immer mehr zu: Der Facharztbedarf in den Krankenhäusern kann immer weniger gedeckt werden, weil zu wenige Ärztinnen und Ärzte mit abgeschlossener Weiterbildung nachrücken. Dabei sieht die Entwicklung bei einem ersten Blick auf die offizielle Ärztestatistik gar nicht so dramatisch aus. Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung ist seit Beginn der 90er-Jahre keinesfalls stark eingebrochen. Waren es im Jahr 1992 insgesamt 68 700, wurden im letzten Jahr 66 300 Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gezählt. Nun muss allerdings eine andere Entwicklung mit berücksichtigt werden: Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der im Krankenhaus beschäftigten Fachärztinnen und Fachärzte stark gestiegen, von 55 300 auf fast 82 000 im letzten Jahr. Damit werden aber auch mehr Fachärztinnen und Fachärzte benötigt, um die ausscheidenden Kollegen zu ersetzen.
Und der Ersatzbedarf wächst wegen der Überalterung der Ärzteschaft immer schneller. So werden bis zum Jahr 2010 bundesweit 40 000, bis zum Jahr 2015 rund 75 000 der derzeit in Klinik und Praxis tätigen Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen.
Bleibt die Zahl an Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung aber insgesamt konstant, reicht die Zahl der nachrückenden Fachärzte irgendwann nicht mehr aus – erst recht nicht bei einer so starken Nachfragebelebung, wie sie seit einiger Zeit zu beobachten ist. Diese Entwicklung ist schon länger absehbar. Bereits seit dem Jahr 2000 übersteigt die Zahl der im Krankenhaus beschäftigten Fachärztinnen und Fachärzte die der Weiterbildungsassistenten. Kamen im Jahr 1992 noch 1,24 Assistenzärzte auf einen Facharzt, waren es 2006 nur noch 0,81.
Alarmzeichen: Die Kliniken bevorzugen fertige Fachärzte
Für den Rückgang der Weiterbildungsquote lassen sich zwei Hauptgründe nennen:
Da ist zum einen der hinlänglich beschriebene Negativtrend, dass sich immer weniger Ärztinnen und Ärzte für eine klinische Tätigkeit entscheiden. Dabei sind die Kritikpunkte bekannt: Mangelhafte Qualität der ärztlichen Weiterbildung, schlechte Arbeitsbedingungen, unzureichende Vergütung sowie Schwierigkeiten, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Die Auswirkungen bekommen die Krankenhäuser bereits bei der Suche nach Weiterbildungsassistenten deutlich zu spüren. So ist es inzwischen fast unmöglich, Weiterbildungsstellen in der Neurologie zu besetzen. Und auch die Suche nach Assistenzärzten in der Inneren Medizin und in der Chirurgie gestaltet sich immer schwieriger.
Eine weitere – und oft vernachlässigte – Ursache für die zurückgehende Weiterbildungsquote liegt in der zunehmenden Öko­nomi­sierung des Gesundheitswesens. Der steigende Kostendruck und die Leistungsverdichtung in den Krankenhäusern bilden den Hauptgrund für die zusätzliche Einstellung von Fachärztinnen und Fachärzten in den letzten Jahren. Sukzessive wurde der Facharztstandard erhöht, um die Leistungsfähigkeit der Abteilungen zu erhöhen. Doch Facharztstellen werden oftmals auf Kosten von Weiterbildungsstellen eingerichtet. Vordergründig ist es für die Krankenhäuser attraktiver, Fachärzte einzustellen, die universell einsetzbar sind. In Assistenzärzte muss man noch Zeit und Geld investieren – wobei die Vorgaben der aktuellen Weiter­bildungs­ordnung es speziell kleinen Krankenhäusern auch nicht gerade leicht machen, attraktive Weiterbildungsstellen anbieten zu können.
Warnzeichen: Seit dem Jahr 2000 übersteigt die Zahl der in den Krankenhäusern beschäftigten Fachärzte die der Weiterbildungsassistenten.
Warnzeichen: Seit dem Jahr 2000 übersteigt die Zahl der in den Krankenhäusern beschäftigten Fachärzte die der Weiterbildungsassistenten.
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Wo die eigenen Weiterbildungskapazitäten zurückgefahren werden, ist man bei auftretenden Vakanzen stärker auf den freien Markt angewiesen. Wenn dieser aber nicht genügend Nachwuchsmediziner zur Verfügung stellt und viele Krankenhäuser gleichzeitig die gleichen Fachärzte suchen, kommt es schnell zu massiven Engpässen. Sofern hier nicht gegengesteuert wird, gibt es im Krankenhausbereich irgendwann die gleiche Situation wie in anderen Bereichen der Wirtschaft: In regelmäßigen Abständen wird von deutschen Unternehmen der Fachkräftemangel beklagt; die Bereitschaft auszubilden nimmt aber trotzdem immer weiter ab.
Aber nicht nur die Krankenhäuser sind bei der Werbung um Weiterbildungsassistenten/-innen gefordert. Auch die Berufsverbände und Fachgesellschaften müssen größere Anstrengungen unternehmen, um über ihre Fachgebiete zu informieren – und dies sollte eigentlich bereits an den Universitäten geschehen. Den Medizinstudierenden ist vielfach nicht klar, wie das Berufsbild in den einzelnen Fachgebieten aussieht und welche Tätigkeitsformen es gibt. Wie sollen sie sich aber dann für die passende Weiterbildung entscheiden?
Kongress für junge Ärzte und Medizinstudierende
Um den (angehenden) Ärztinnen und Ärzten eine Orientierungshilfe zu geben und sie beim Start ins Berufsleben zu unterstützen, hat das Deutsche Ärzteblatt eine neue Veranstaltung ins Leben gerufen. Am 2. und 3. November findet in Berlin erstmals der Kongress „Perspektiven und Karriere“ statt. Er wendet sich vorrangig an Medizinstudierende sowie Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung und informiert über die unterschiedlichen ärztlichen Tätigkeitsfelder sowie über Trends und Entwicklungen auf dem ärztlichen Arbeitsmarkt und in einzelnen Fachrichtungen. Dabei steht bewusst nicht die große Gesundheitspolitik im Mittelpunkt, sondern die Nähe zur Berufspraxis. Darüber hinaus haben die Teilnehmer die Möglichkeit, Gespräche mit erfahrenen Karriereberatern, Personalverantwortlichen von Krankenhäusern und Klinikgruppen sowie Vertretern ärztlicher Berufsverbände zu führen. Die Kongressteilnahme ist für die Ärztinnen und Ärzte sowie die Medizinstudierenden kostenfrei. Notwendig ist lediglich eine Anmeldung im Internet unter www.perspektiven-und-karriere.de.
Der Kongress wurde von der Ärztekammer Berlin als Fortbildungsveranstaltung anerkannt und wird den Ärztinnen und Ärzten mit sieben Fortbildungspunkten zertifiziert.
Dr. Wolfgang Martin
E-Mail: mainmedico@t-online.de
Warnzeichen: Seit dem Jahr 2000 übersteigt die Zahl der in den Krankenhäusern beschäftigten Fachärzte die der Weiterbildungsassistenten.
Warnzeichen: Seit dem Jahr 2000 übersteigt die Zahl der in den Krankenhäusern beschäftigten Fachärzte die der Weiterbildungsassistenten.
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Warnzeichen: Seit dem Jahr 2000 übersteigt die Zahl der in den Krankenhäusern beschäftigten Fachärzte die der Weiterbildungsassistenten.

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