ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2007Ärzte-Schach: In Schönheit gestorben

SCHLUSSPUNKT

Ärzte-Schach: In Schönheit gestorben

Dtsch Arztebl 2007; 104(43): [112]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Das Motiv des Schachspiels als Spiel mit dem Tod reicht von seinen Anfängen bis in unsere Tage und findet seinen Niederschlag in zahlreichen Bildern, Gedichten, aber sogar den Schachfiguren selbst, wenn nach der Pestepidemie von 1690 in einem Spiel aus dem Schwäbischen die Lebenden gegen die Toten antreten. Manch einer wird sich auch des Films „Das siebente Siegel“ von Ingmar Bergman erinnern, in dem ein heimkehrender Kreuzfahrerritter mit dem Tod um sein Leben spielt.
Gleichzeitig ist der Tod aber der große Gleichmacher, der alle unterschiedslos, ähnlich wie Schachfiguren, in die Kiste wirft. Der mittelalterliche Prediger am Straßburger Dom, Johann Geiler von Kaisersberg, der gegen die Spielleidenschaft wetterte, aber gleichzeitig wie manch anderer seine Botschaften mit Schachmetaphern würzte, verglich das Figurenkästchen gerne mit dem Beinhaus, in dem die Knochen der Toten durcheinandergewürfelt lägen, ohne dass jemand erkennen könne, ob sie früher einem Bauern oder König gehörten. „Der Tod sagt allen Menschen Schach und wirft sie den Würmern zum Fraße vor“, mahnte Heinrich von Neustadt. Und im „Lübecker Totentanz“ klagt der König:
„Steckt denn des Todes Faust auch Königen ihr Ziel?
So gleicht das Regiment dem Schach- und Königsspiel.
Mein Scepter streckte sich vom Süden bis zum Norden,
Nun bin ich durch den Tod besetzt und Schachmatt worden.“
Selbst Schopenhauer, für den das Schachspiel alle anderen Spiele so sehr wie der Chimborasso einen Misthaufen überragte, diente der Vergleich des Lebens mit dem Schachspiel zur Annahme eines unabänderlichen Schicksals. Das Leben ist eine „missliche Sache“, man spielt im Angesicht des je individuellen Todes ein aussichtsloses Spiel und versucht, es sich in der schlechtesten aller Welten so halbwegs einzurichten.
Doch zumindest beim Schach erstehen die Figuren aus dem Kasten immer wieder zu neuem Spiel, manch einer hofft darauf auch beim eigenen Leben. Gelegentlich aber, im Leben wie im Schachspiel, webt der Spieler, absichtlich oder nicht, sein eigenes Mattnetz, ein „Selbstmatt“.
In der Spitzenpaarung der 6. Runde vom letzten Ärzteturnier zwischen Dr. med. Enrico Marchio und Dr. med. Matthias Birke stand Dr. Marchio als Weißer mit seinen zwei Mehrbauern auf Gewinn. Doch mit zwei durchaus plausiblen Zügen „gelang“ es ihm, ein Selbstmatt zu basteln, das heißt, nach zwei Zügen war sein weißer König plötzlich mitten auf dem Brett matt. Quasi ein „Kunstmatt“. Übrigens ist dies die theoretisch einzige Möglichkeit, um die Mattschlinge um den weißen König in nur zwei Zügen zuziehen zu lassen. Da trifft der Schüttelreim von Dr. med. Helmut Schröder zu: „Auch verlorene Partien können dir noch Lust machen, vielleicht ist die Stellung kurios und du musst lachen.“ Also, Weiß zieht und wird im 2. Zug matt gesetzt – wie geht’s?


Lösung:

Mit dem Auftaktschach 1. De5+! wurde die Dame zentralisiert, was im Damenendspiel oft ratsam ist, hier aber dummerweise dem eigenen König das Fluchtfeld e5 nimmt. Nach 1. . . .Kh7 deckte Weiß seinen angegriffenen Bauern f2 mit der Vorwärtsverteidigung 2. f3??, was die weiße Bauernkette zur harmonischen „Badewannenformation“ (e4-f3-g3-h4) komplettierte, allerdings seinem König auch noch das Fluchtfeld f3 raubte (nahezu jeder andere Zug hätte immer noch gewonnen), sodass dieser nach 2. . . .Dc1+! plötzlich mitten auf dem Brett matt war. „Eine schöne Leich“, sagt man in Bayern.
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