ArchivDeutsches Ärzteblatt44/200760 Jahre Bundes­ärzte­kammer: „Wir wissen, was wir wert sind.“

POLITIK

60 Jahre Bundes­ärzte­kammer: „Wir wissen, was wir wert sind.“

Dtsch Arztebl 2007; 104(44): A-2983 / B-2629 / C-2549

Gerst, Thomas

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Jörg-Dietrich Hoppe:„Wir haben in Deutschland eine implizite Rationierung. Menschen mit der gleichen Krankheit werden unterschiedlich behandelt.“ Fotos: Georg J. Lopata
Jörg-Dietrich Hoppe:„Wir haben in Deutschland eine implizite Rationierung. Menschen mit der gleichen Krankheit werden unterschiedlich behandelt.“ Fotos: Georg J. Lopata
Mit einer Veranstaltung im Großen Saal des Roten Rathauses in Berlin wurde das Jubiläum feierlich begangen.

Der gestrenge Blick des Begründers der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung in Deutschland geht über die Köpfe der Festgäste hinweg, die sich am 25. Oktober im Berliner Roten Rathaus zur 60-Jahr-Feier der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) eingefunden haben. Bismarcks Reform war, wie Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Bergdolt, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln, in seinem Festvortrag „Ärzte und Wettbewerb“ darlegte, „nicht ganz so unschuldig, wie das manchmal dargestellt wird“. Bismarck habe gesunde Menschen für die boomende Groß- und Schwerindustrie gebraucht. Mit der Reform sollte Deutschland im wirtschaftlichen und militärischen Wettbewerb mit den Großmächten gestärkt werden.
Das rund 20 Quadratmeter große Gemälde „Der Berliner Kongress von 1878“ von Anton von Werner, das den Großen Saal des Rathauses schmückt, zeigt Otto von Bismarck als „ehrlichen Makler“ inmitten der Außenminister und anderer hochrangiger Vertreter der damaligen europäischen Großmächte. Fürsten und Minister gaben der Bundes­ärzte­kammer zur Jubiläumsveranstaltung allerdings nicht die Ehre, dafür aber viele Mitglieder des Bundestages, die in den Fraktionen für die Gesundheitspolitik zuständig sind. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt hatte so kurz vor dem Bundesparteitag der SPD vordringlichere Termine. Der Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), Dr. Klaus Theo Schröder, überbrachte die besten Wünsche der Ministerin, die sich bereits auf dem Weg nach Hamburg befinde. „Deshalb habe ich heute das Vergnügen, mit Ihnen hier zu feiern.“
Festlich: Der Große Saal im Roten Rathaus mit dem Gemälde „Der Berliner Kongress von 1878“ bot den geeigneten Rahmen für die Jubiläumsfeier.
Festlich: Der Große Saal im Roten Rathaus mit dem Gemälde „Der Berliner Kongress von 1878“ bot den geeigneten Rahmen für die Jubiläumsfeier.
Die Aufgabenvielfalt der Bundes­ärzte­kammer, betonte Schröder in seinem Grußwort, lasse sich schon an den Themen der Deutschen Ärztetage ablesen. Als ein kritischer Begleiter im deutschen Gesundheitswesen habe die Bundes­ärzte­kammer in den vergangenen Jahrzehnten sehr viel zur Leistungsfähigkeit des deutschen Gesundheitswesens beigetragen. Schröder hob als Verdienste der BÄK das Engagement für die Qualitätssicherung und ihre wichtige Rolle im Transplantationswesen hervor. Trotz Differenzen in vielen gesundheitspolitischen Fragen könne man auf eine ganze Reihe erfolgreicher Kooperationen zurückblicken. Dies gelte auch für den gemeinsam von BMG, BÄK und Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) gestifteten Preis zur Aufarbeitung der Geschichte der Ärzteschaft in der NS-Zeit. Das BMG unterstütze das Vorhaben der beiden Ärzteorganisationen, diese Preisverleihung in einem Zweijahresrhythmus zu einer regelmäßigen Einrichtung zu machen.
Der KBV-Vorsitzende Dr. med. Andreas Köhler nannte als gemeinsame Aufgaben von Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung die Sicherung einer guten medizinischen Versorgung und die Vertretung der ärztlichen Interessen. Mit Stolz könne die BÄK auf ihre 60-jährige Geschichte zurückschauen. Sie werde von allen gehört, die in der Gesundheitspolitik zu entscheiden hätten. Allerdings werde es ihr immer schwerer gemacht, ihren Aufgaben nachzukommen. Eine überbordende Bürokratie und immer weniger Honorar führten zur Abwanderung vieler Ärzte ins Ausland. Köhler: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Arbeit des Arztes wieder mit Freude ausgeübt werden kann.“ Seite an Seite würden sich die Bundes­ärzte­kammer und Kassenärztliche Bundesvereinigung gegen die weitere Drangsalierung der Ärzte wenden; es könne nicht hingenommen werden, dass die Politik unangenehme Aufgaben auf die Ärzte und deren Selbstverwaltung abwälze. Köhlers abschließender Appell an den Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer beleuchtete ein wenig ironisch auch das nicht durchgängig spannungsfreie Verhältnis der beiden ärztlichen Spitzenverbände: „Eine große Bitte: Bleiben Sie nicht immer einfach!“
Rückblick: Auf 25 Ausstellungstafeln präsentierte die Bundesärztekammer auf der Jubiläumsfeier einen Rückblick auf ihre 60-jährige Geschichte. Die Wanderausstellung wird noch einige Wochen im Haus der Bundesärztekammer zu sehen sein; danach wird sie bei verschiedenen Landesärztekammern gezeigt.
Rückblick: Auf 25 Ausstellungstafeln präsentierte die Bundes­ärzte­kammer auf der Jubiläumsfeier einen Rückblick auf ihre 60-jährige Geschichte. Die Wanderausstellung wird noch einige Wochen im Haus der Bundes­ärzte­kammer zu sehen sein; danach wird sie bei verschiedenen Lan­des­ärz­te­kam­mern gezeigt.
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Der Präsident der Jubilarin, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, nahm Lob und Glückwünsche der Gratulanten selbstbewusst entgegen. „Die Bundes­ärzte­kammer selbst findet sich gar nicht so unbedeutend. Wir wissen, was wir wert sind.“ Er beschränkte sich in seinem Schlusswort auf einige wenige Anmerkungen zu Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen im vergangenen Jahrzehnt. Der Staat kümmere sich im Gesundheitswesen immer weniger um die Daseinsvorsorge an sich, sondern vielmehr um die Organisation der Finanzausstattung. Mit Rechtsverordnungen greife er zunehmend in die Durchführung der medizinischen Prozeduren ein. Dahinter stecke die Überzeugung, dass man auf dem Wege der Standardisierung die Kosten besser in den Griff bekommen könne. Für Hoppe bedeutet dies einen Paradigmenwechsel, der sich gegenwärtig im Gesundheitswesen vollzieht. Auch der vielleicht bald schon mögliche Abschluss von Einzelverträgen zwischen Krankenkassen und Krankenhäusern stehe beispielhaft für diese Entwicklung. Derjenige, der bestimmte Prozeduren am billigsten anbiete, bekomme dann den Zuschlag. „Kollegen fühlen sich zunehmend unwohl, weil sie glauben, dass sie ihren ärztlichen Auftrag nicht mehr so durchführen können, wie sie möchten.“
Der BÄK-Präsident wies auf drei problematische Themenkomplexe hin, die auch in einem von der Politik angebotenen Dialog erörtert werden müssten. Als Ergebnis der jahrelangen Kostendämpfung gebe es in Deutschland eine implizite Rationierung. Dies gebe die Politik nicht zu. Aber: „Wir haben sie. Menschen mit der gleichen Krankheit werden in Deutschland unterschiedlich behandelt.“ Dazu komme die zunehmende Bevormundung des ärztlichen Handelns durch Dritte in Form von Vorschriften, die stetig neu geschrieben, überprüft und evaluiert werden müssten. Über das Geld, das man dafür ausgebe, werde nicht gesprochen. Das Misstrauen in das Gesundheitswesen allgemein habe zugenommen und dringe in der Folge mehr und mehr in die individuelle Arzt-Patienten-Beziehung ein.
Thomas Gerst

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