ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2007KBV kontrovers zum neuen EBM: Es wird kein Schlaraffenland geben

POLITIK

KBV kontrovers zum neuen EBM: Es wird kein Schlaraffenland geben

Dtsch Arztebl 2007; 104(44): A-2985 / B-2632 / C-2551

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

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Großer Andrang bei KBV kontrovers: Während der Vormittag ganz im Zeichen der EBMReform stand, ging es am Nachmittag um Grundsätzliches: „Ambulante Versorgung: mehr oder Um-Verteilung“ lautete eine der Fragen. Fotos: Georg J. Lopata
Großer Andrang bei KBV kontrovers: Während der Vormittag ganz im Zeichen der EBMReform stand, ging es am Nachmittag um Grundsätzliches: „Ambulante Versorgung: mehr oder Um-Verteilung“ lautete eine der Fragen. Fotos: Georg J. Lopata
Die Weichen für den Euro-EBM ab 2009 sind gestellt. Die Politik zeigt sich zufrieden und verspricht mehr Geld. Doch bei Ärzten und Krankenkassen reichen die Reaktionen von vorsichtigem Optimismus bis hin zu offener Skepsis.

Franz Knieps gab sich erleichtert und gut gelaunt. Fristgerecht hatte sich die gemeinsame Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen am 19. Oktober auf den neuen Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) geeinigt. Er wird das Leistungsgeschehen in den Praxen in
erster Linie über Pauschalen abbilden und diese mit Punkten bewerten, die im Vergleich zu heute um rund zehn Prozent höher liegen. „Wir sind froh, dass wir keine Ersatzvornahme erarbeiten mussten“, sagte der Abteilungsleiter im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Es sei die letzte Chance für die gemeinsame Selbstverwaltung gewesen, die Struktur des EBM weiterzuentwickeln. „Die Politik hätte sonst über ein gänzlich anderes System nachdenken müssen“, erklärte Knieps vor den Teilnehmern von „KBV kontrovers“. Die Diskussionsveranstaltung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mit dem Titel „Die Honorarreform: reich an Chancen oder arm an Perspektiven“ hatte am 25. Oktober in Berlin so viele Interessenten angelockt, dass kaum alle im Saal Platz fanden.
Knieps positionierte sich eindeutig: „Nun haben wir die echte Chance, ein verständliches, gerechtes und umfassendes Vergütungssystem zu errichten. Die Verdienstchancen werden sich verbessern, und das müssen sie auch. Wir
müssen für junge Ärztinnen und Ärzte attraktive Rahmenbedingungen schaffen.“ Die Politik, so betonte der BMG-Abteilungsleiter, strebe mit der Honorarreform keine kostenneutrale Lösung an. Mehr Geld für die ärztlichen Honorare müsse bei Bedarf über höhere Beitragssätze finanziert werden. Gleichzeitig betonte Knieps jedoch auch: „Es wird kein Schlaraffenland geben.“ Man könne nicht auf jegliche Mengensteuerung verzichten. „Das System würde vor die Wand fahren“, warnte Knieps.
Dabei ist die Mengensteuerung nur eine der umstrittenen Fragen, die in den kommenden Monaten noch entschieden werden müssen. Knackpunkte der Reform sind insbesondere die Morbiditätsorientierung des neuen EBM und die Einigung auf
einen bundesweiten Orientierungspunktwert, an dem sich ab 2009 die Höhe des ärztlichen Honorars bemessen wird. Das dürfte erklären, warum der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Köhler, weniger zufrieden wirkte als Knieps. Zwar betonte Köhler: „Der entscheidende Gewinn aus dieser Honorarreform ist, dass bei einem steigenden Bedarf an ärztlicher Leistung durch höhere Morbidität künftig auch mehr Geld zur Verfügung stehen soll.“ Um aber angesichts der künftigen Pauschalierung Menge und Qualität der erbrachten Leistungen darzustellen, sei eine zusätzliche Dokumentation unbedingt erforderlich. Zumal es Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigungen sei, die Morbidität der Versicherten abzuschätzen.
Andreas Köhler: "Erst mit den Euro-Gebührenordnungen auf regionaler Ebene wird es zu einer Entspannung der wirtschaftlichen Lage kommen."
Andreas Köhler: "Erst mit den Euro-Gebührenordnungen auf regionaler Ebene wird es zu einer Entspannung der wirtschaftlichen Lage kommen."
Von 2010 an, versprach der KBV-Vorsitzende, werde den Ärztinnen und Ärzten flächendeckend ein Dokumentationssystem zur Verfügung stehen, dass den bürokratischen Aufwand bei dieser zusätzlichen Dokumentation in Grenzen halte und den Praxisablauf nicht störe. Gelinge es den KVen, die Morbidität so zu schätzen, dass sie den Behandlungsbedarf wirklich abbilde, bestehe die Hoffnung, dass das Morbiditätsrisiko tatsächlich wieder auf die Krankenkassen verlagert werde. „Wir sind zuversichtlich“, sagte Köhler.
Allerdings warnte der KBV-Vorsitzende vor überzogenen Erwartungen. „Die chronische Unterfinanzierung des Systems wird nicht sofort behoben.“ Das Übergangsjahr 2008 bis zum Inkrafttreten des Euro-EBM werde noch schwierig für die Vertragsärzte und -psychotherapeuten. „Erst mit den Euro-Gebührenordnungen auf regionaler Ebene wird es zu einer Entspannung ihrer extrem schwierigen wirtschaftlichen Lage kommen“, betonte Köhler.
Auf die Frage, wie man den bundesweiten Orientierungspunktwert für die ärztlichen Leistungen an
die regionalen Verhältnisse anpassen kann, ohne dass es zu Verwerfungen zwischen den einzelnen KVen kommt, kann zurzeit jedoch noch niemand eine befriedigende Antwort geben. Die wirtschaftlichen Bedingungen seien nicht einmal innerhalb einer KV einheitlich, räumte Köhler ein. „Wie wir das austarieren, ist
mir noch nicht klar.“ Gerade in
wirtschaftlich schwachen Gebieten mit entsprechend finanzschwachen Krankenkassen sei die Morbidität, an der sich künftig die Gesamtvergütung bemessen soll, häufig sehr hoch. Man könne sich deshalb bei der Anpassung des Orientierungspunktwerts nicht an der Wirtschaftskraft eines Landes orientieren. Wirtschaftlich starke Länder wie Bayern hätten dann allerdings Nachteile. „Bayern wird ein Zehntel der bisherigen Vergütung an die Ostländer verlieren“, kritisierte der Vorsitzende der dortigen KV, Dr. med. Axel Munte. Das könne er seinen Ärztinnen und Ärzten nicht vermitteln. Eine Antwort, wie man hier gegensteuern will und in welcher Höhe der regionale Anpassungswert vom Orientierungspunktwert abweichen darf, musste der KBV-Vorsitzende Köhler noch schuldig bleiben.
Auch bei manchen Verbänden überwiegt derzeit noch die Skepsis angesichts des neuen EBM. „Kein Mensch weiß heute, was die Punkte ab 2009 wirklich wert sind“, bemängelte Dr. med. Kuno Winn, Vorsitzender des Hartmannbundes. Ein weiterer Kritikpunkt von ihm: Solange notwendige und wirtschaftliche ärztliche Leistungen über das Regelleistungsvolumen hinaus abgestaffelt vergütet werden, ersetzt man lediglich floatende Punktwerte durch floatende Eurowerte. Bereits die Einführung des EBM 2000plus hat nach Ansicht von Winn schmerzlich belegt, wie aus einem kalkulatorischen Punktwert von 5,11 Cent am Ende in der durchschnittlichen Auszahlung 3,7 Cent wurden.
Bislang hätten sich noch bei keinem neuen EBM die Hoffnungen bestätigt, gibt Dr. med. Klaus Bittmann zu bedenken. Der Bundesvorsitzende des NAV-Virchow-Bundes rechnet zudem mit Verwerfungen zwischen den Bundesländern wie zwischen Arztgruppen, wenn von 2009 an der einheitliche Orientierungspunktwert festgesetzt wird. Dass die Politik allerdings Honorarerhöhungen akzeptieren wird, selbst wenn dadurch der Beitragssatz erhöht werden muss, hält er für möglich. Schließlich gebe es zunehmend Überlegungen bei Ärztinnen und Ärzten, sich aus dem KV-System zu verabschieden. Möglich also, dass die Große Koalition ein spürbares Honorarplus ermöglicht – sozusagen, um die Ärzte bei Laune zu halten.
Heike Korzilius, Sabine Rieser


EBM-ZEITPLAN

Mit der Einigung über den „Pauschalen-EBM“ 2008 im Erweiterten Bewertungsausschuss sind die Arbeiten an einer neuen Gebührenordnung noch lange nicht zu Ende. So sieht der Zeitplan für die nächsten Monate aus:
- Bis 31.10.: letzte redaktionelle Anpassungen. Angestrebt wurde bis zu diesem Termin auch die Neustrukturierung der Gebührenordnungspositionen für die schmerztherapeutische Versorgung gemäß der Qualitäts­sicherungs­ver­ein­barung Schmerztherapie.
- Bis 15.11.: Überprüfung
– der Leistungsbewertungen im EBM 2008
– der bisherigen Beschlüsse zur Festlegung von Regelleistungsvolumen durch die KVen
– der angemessenen Höhe der Vergütung von ausschließlich psychotherapeutisch tätigen Vertragsärztinnen und -ärzten
– der Kriterien zur Verteilung von Gesamtvergütungen, insbesondere der Anteile für die haus- und die fachärztliche Versorgung
- Bis zum Jahresende: KBV- und KV-Informationsveranstaltungen zum neuen EBM
- Bis 1. Juli 2008: Einführung von elf Qualitätszuschlägen für Hausärzte nach Abschluss einer Qualitäts­sicherungs­ver­ein­barung
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