ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2007Ärztemangel: Hausarztpraxis nicht mehr attraktiv
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Die von den Autoren aufgezählten vielfältigen Ursachen eines Ärztemangels sind nur ein Teil des wachsenden Problems . . . So bedarf die Zunahme der Zahl der berufstätigen Ärzte nach der aktuellen Statistik für das Jahr 2006 einer differenzierten Betrachtung . . .
- Die Zunahme der Arztzahlen kommt heute primär nicht der hausärztlichen Versorgung zugute. Sie wird vornehmlich im stationären Bereich zur Deckung der Arbeitszeitregelung benötigt. So stieg die Zahl der Ärzte ohne Gebietsbezeichnung im Krankenhaus auf 66 300 (2001: 54 500). Insgesamt ist die Gruppe der Ärzte ohne Gebietsbezeichnung, die sich zum größeren Teil aus den stationär tätigen Ärzten in Weiterbildung rekrutiert, kleiner geworden – von 98 220 auf 91 724.
- Viele engagierte und klinisch gut ausgebildete Fachärzte streben zudem heute nach dem Facharztdiplom eine Zusatzqualifikation in Schwerpunkten oder Teilgebieten an.
- Aufgrund der verminderten Weiterbildungsmöglichkeiten dürften die Nachwuchszahlen in einigen Jahren nicht mehr ausreichen, um den Bedarf durch Praxisaufgabe zu decken.
- Von 119 600 Vertragsärzten (2001: 116 000) sind 60 600 (2001: 56 300) Fachärzte; 59 000 (2001: 59 700) Hausärzte.
Die Attraktivität der Niederlassung in eigener Praxis oder einer Gemeinschaftspraxis hat sich seit Beginn der 90er-Jahre in allen Bereichen für die fertigen Fachärzte deutlich vermindert. In den Jahrzehnten davor strebte der fertig weitergebildete Arzt schnellstmöglich eine Niederlassung in eigener Praxis an, da die unselbstständige und meist zeitlich limitierte Tätigkeit in der Klinik nur für wenige erstrebenswert war. Heute ist die (Teilzeit-)Tätigkeit im Krankenhaus doch viel häufiger langfristig interessant und arbeitsrechtlich abgesichert. Der Arzt ist zu Beginn seiner Weiterbildung nach einer zwölf- bis 13-jährigen Schulzeit und dem Medizinstudium mit elf bis zwölf Semestern in sechs Jahren (ohne Zivil- oder Wehrdienstzeit) mindestens 25 Jahre alt und je nach Fachgebiet etwa 30 Jahre alt, wenn er eine fünfjährige Weiterbildung abgeschlossen hat. In der Regel braucht er wenigstens ein weiteres Jahr Spielraum, da nicht garantiert ist, dass er in der Mindestweiterbildungszeit alle Inhalte der Weiter­bildungs­ordnung erfüllen kann. Bis der Facharzt dann eine Praxis übernehmen kann, vergehen im Allgemeinen nochmals ein bis zwei Jahre „Vorbereitungszeit“, sodass er frühestens mit 31–33 Jahren praxisreif ist. Wenn es zu einem stetigen Rückgang des Nachwuchses für die hausärztliche Praxis kommt, müssen schon bald neue Strukturen entwickelt werden, die den Bedürfnissen der Patienten in Stadt und Land gerecht werden können. Die Integration bzw. Vernetzung stationär-ambulant tätiger Fachärzte sowie die Praxiskooperationen und -netze sind zukunftsfähige Modelle . . . Die Einrichtung von Kinderbetreuungseinrichtungen in Krankenhäusern und die Einrichtung von Teilzeitstellen dürften – anders als die Autoren meinen – nicht wesentlich zur Attraktivität des Arztberufs beitragen. Mit der Einrichtung von Teilzeitstellen, die schon seit Jahrzehnten geübt wird, wird die Weiterbildungszeit verlängert und die Weiterbildungsqualität verschlechtert. Sie sollte Einzelfällen vorbehalten bleiben. Auch führte sie oft zur Ausnutzung der Betroffenen, die häufig mehr Arbeitszeit erbringen als vereinbart. Die Inhalte der Weiterbildung optimal zu vermitteln, bedarf erheblicher Anstrengungen und Kosten, die in jedem Fall gut angelegt sind. Für die Weiterbildungsvermittlung, besonders in den operativen Fächern, bedarf es einer erheblich größeren Zahl erfahrener Fachärzte und einer strukturierten Weiterbildung mit Verpflichtung . . .
Prof. Dr. Helmut Helwig, Alemannenstraße 20, 79117 Freiburg
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