ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2007Fernsehfilm „Contergan“: Das Schicksal der Opfer

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Fernsehfilm „Contergan“: Das Schicksal der Opfer

Dtsch Arztebl 2007; 104(44): A-3014 / B-2653 / C-2570

Tuffs, Annette

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Eine einzige Tablette führt zur Katastrophe. Foto: WDR/Willi Weber
Eine einzige Tablette führt zur Katastrophe. Foto: WDR/Willi Weber
Der umstrittene Spielfilm-Zweiteiler „Eine einzige Tablette“ über den Arzneimittelskandal darf jetzt – wie geplant – im Fernsehen ausgestrahlt werden. Den grandiosen Film sollte man sich nicht entgehen lassen.

Selten ist über einen Fernsehfilm, den bislang nur wenige gesehen haben, so viel geschrieben worden. Dass er nun am 8. und 9. November 2007 in der ARD ausgestrahlt wird, bedeutet nicht nur einen Sieg der künstlerischen Freiheit, sondern ist auch ein wichtiger Schritt zur Bewältigung einer medizinischen Katastrophe in Deutschland.
„Contergan“, ein Zweiteiler von je 90 Minuten Länge, ist schon vor drei Jahren gedreht worden und hat sich nun mühsam seinen Weg bis zur Ausstrahlung erkämpft – allerdings ist dies nur ein Etappensieg, denn weitere Gerichtsverfahren sind anhängig. Die Firma Grünenthal, Hersteller des verhängnisvollen Schlafmittels Contergan, hat mit allen juristischen Mitteln versucht nachzuweisen, dass der Spielfilm dokumentarischen Charakter und historische Mängel hat (zuungunsten von Grünenthal) und deshalb verhindert werden müsse (siehe DÄ, Heft 25/2007).
„Contergan“ ist in der Tat nicht historisch korrekt, aber das will dieser grandiose Spielfilm auch gar nicht sein. Denn er schildert vor allem das Schicksal einer betroffenen Familie, deren Kind ohne Arme und mit nur einem Bein geboren wurde, und baut seine Handlung lediglich auf dem historischen Geschehen der Arzneimittelkatastrophe auf. Er fragt ganz generell: Wie geht eine Familie mit dem Schicksal der schweren Behinderung ihres Kindes um? Wie erträgt sie die Stigmatisierung und Isolation? Und welche Machtspiele und Konflikte treten bei den Verantwortlichen auf, wenn eine Firma ein schädliches Produkt auf den Markt bringt, daran lange wider besseres Wissen festhält und die Konsequenzen scheut?
Das Schicksal der Opfer wird an der Geschichte der kleinen Katrin und ihrer Eltern Paul und Vera Wegener erzählt. Paul Wegener ist Anwalt und erstreitet in einem jahrelangen, zermürbenden Prozess – mit Unterstützung des engagierten Kinderarztes Dr. Lange – die einmalige Abfindung für die Contergan-Opfer durch die Firma Grünenthal. An diesem Kampf scheitern beinahe seine Ehe und seine Karriere.
Eine wahre Meisterleistung des Regisseurs Adolf Winkelmann und seines Teams ist es, die Lebenswelt der späten Fünfziger- und Sechzigerjahre so echt auf die Leinwand zu bannen, dass man den schlechten Kaffee und die Abgase der Wirtschaftswunder-Autos förmlich zu riechen meint. Das miefige Ambiente, die gedämpfte Aufbruchstimmung sind auch der Hintergrund für aus heutiger Sicht unfassbare Reaktionen von Ärzten und des Krankenhauspersonals in der Geburtsklinik, als die ersten behinderten Kinder geboren wurden („Eine Schande für die Klinik. Dafür gibt es Heime.“).
Ensemble hervorragender
und engagierter Darsteller
Das Ensemble ausgezeichneter Schauspieler agiert in diesem Spielfilm besonders engagiert. Allen voran die junge Denise als Katrin, die durch eine sehr seltene genetische Erkrankung ohne Arme und mit nur einem Bein geboren wurde, und die nicht nur die Behinderung und die seelische Verwundung der betroffenen Kinder, sondern auch ihre unglaublichen Fertigkeiten und ihre Stärke zeigt. Katharina Wackernagel und Benjamin Sadler spielen sehr überzeugend ihre Eltern, die ihr Schicksal annehmen, sich aber gegen die Umstände auflehnen und den enormen Belastungen fast nicht gewachsen sind. Aber auch die Vertreter der Firma Grünenthal und ihre Anwälte werden differenziert in ihren Abhängigkeiten und psychischen Konstellationen dargestellt; zu nennen sind hier Peter Fitz als väterlicher Konzernchef und Matthias Brandt als zaghafter Produktionsleiter.
Annette Tuffs


Spielfilm und Dokumentation

Der Spielfilm „Contergan“ wird am 7. und 8. November 2007 jeweils um 20.15 bis 21.45 Uhr in der ARD ausgestrahlt.
Teil 1: „Eine einzige Tablette“, Teil 2: „Der Prozess“
Der WDR zeigt in seinem dritten Programm zusätzlich zwei Dokumentationen zum Thema Contergan:
- „Contergan – die zweite Chance“, WDR, 6. November, 21.00 bis 21.45 Uhr
- „Menschen hautnah: Schau mich an! Kinder, Kino, Contergan“, WDR,
7. November, 22.30 bis 23.15 Uhr
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