ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2007MEDICA 2007, Gesundheitstelematik: Anforderungen an die Informationstechnik steigen

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MEDICA 2007, Gesundheitstelematik: Anforderungen an die Informationstechnik steigen

Dtsch Arztebl 2007; 104(44): A-3038 / B-2676 / C-2595

Krüger-Brand, Heike E.

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Elektronische Gesundheitskarte, Telemedizin, neue Medien – Informations- und Kommunikationstechnologien durchdringen zunehmend das Arbeitsumfeld der Ärzte. Vor allem sektorübergreifende Lösungen stehen im Zentrum der Medizinmesse.
Die elektronische Gesundheitskarte (eGK) ist zwar bereits seit mehreren Jahren ein Thema der Medica. Anders als früher sollen sich die Besucher in diesem Jahr aber erstmals über konkrete, praktische Ergebnisse aus den Testregionen der Karte informieren können. Seit Anfang 2007 hat man in sieben bundesweit verteilten Testregionen sukzessive mit ersten Testmaßnahmen begonnen. Allerdings handelt es sich dabei zunächst um das sogenannte MKTplus-Szenario („Release 0“): Dabei wird lediglich offline geprüft, ob die auf der eGK gespeicherten Versichertenstammdaten (wie etwa Name, Geburtsdatum, Krankenkasse und Versichertennummer) zuverlässig ausgelesen werden können. Weil diese Tests nach Meinung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums so erfolgreich verlaufen sind, soll der bundesweite Rollout der elektronischen Gesundheitskarte vorgezogen werden und bereits im zweiten Quartal 2008 beginnen. Kritiker monieren, dass die Karte, die dann schrittweise bundesweit ausgegeben werden soll, nicht viel mehr können wird als die bisherige Krankenversichertenkarte (KVK). Allenfalls ist sie fälschungssicherer durch das zusätzlich aufgebrachte Passfoto. Dennoch ermöglicht dieses Vorgehen eine überaus sanfte Migration von der KVK zur eGK, weil es noch nicht die Einführung der gesamten, komplexen Tele­ma­tik­infra­struk­tur beinhaltet. Im ersten Schritt werden die neuen Kartenterminals wie bisherige Kartenlesegeräte für die KVK direkt am Primärsystem angeschlossen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt – nach Abschluss der Pilottests und der Lösung aller technischen und datenschutzrelevanten Fragen – werden der Konnektor und die Einbindung der Kartenterminals in das Praxisnetzwerk folgen. Für die Leistungserbringer bedeutet das: Sie müssen mit der Aufrüstung ihrer Praxis-EDV nichts überstürzen, sollten aber für den Rollout (das MKTplus-Szenario) bei der Auswahl eines eGK-fähigen Kartenterminals darauf achten, dass dieses später nachgerüstet werden kann.
In den Testregionen beginnt der Release 1
In den Testregionen hat derweil die nächste Testphase („Release l“) begonnen. Dabei werden erstmals elektronische Rezepte (eRezepte) und Notfalldatensätze auf den Gesundheitskarten gespeichert und ausgelesen. Hierfür müssen die am Test beteiligten Ärzte, Apotheker und Krankenhäuser mit dem notwendigen Equipment ausgestattet werden. Dies umfasst spezielle, nach dem Sicherheitsstandard SICCT (Secure Interoperable ChipCard Terminal) ausgerichtete Kartenterminals, die mit dem Heilberufsausweis kommunizieren können und über eine LAN-Schnittstelle netzwerkfähig sind. Als weitere Komponente wird der Konnektor benötigt, der Arztpraxen und Krankenhäuser sicher ans Netz anbindet und die Funktionen zur Verfügung stellt, die für die sichere digitale Authentifizierung und die digitale Signatur erforderlich sind. Konnektoren gibt es als Hardware- und als Software-Variante. Den Konnektor als kleine Box zeigen unter anderem ICW InterComponentWare (Halle 15/E48) und Siemens (Halle (l O/A18), wohingegen Mak Data System eine Softwarelösung vorstellt (Halle 15/D26). Sowohl über die Testphase als auch über die einzelnen Komponenten der künftigen Infrastruktur können sich Besucher während der Medica informieren.
Die für die Einführung der eGK verantwortliche Betriebsgesellschaft gematik ist mit einem eigenen Stand vertreten (Halle 16/B21; siehe auch das Interview). Eine Liste der von ihr zertifizierten Anbieter, darunter auch der Praxissoftwareanbieter, ist im Internet unter www.gematik.de abrufbar. Darüber hinaus ist die eGK am Mittwoch, 14. November, Diskussionsthema im Rahmen der Sonderschau Medica Media (Halle 16).
Erste Anwendungen für Heilberufsausweise
Ein weiteres notwendiges Sicherheitselement der Telematikinfra-struktur ist der elektronische Heilberufsausweis (HBA). Als eine erste Anwendung für den HBA will das Land Nordrhein-Westfalen noch in diesem Jahr mit rund 200 Ärzten den elektronischen Arztbrief testen. Die Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe zeigen am NRW-Stand (Halle 3/D91), wie sich ein strukturierter Arztbrief erstellen, mit dem Arztausweis digital signieren, verschlüsseln und sicher versenden lässt. Der empfangende Arzt kann den im XML-Standard erzeugten Arztbrief in seiner Praxissoftware abrufen, wobei medizinische Daten, wie etwa Diagnosen und Arzneimittel, automatisiert übernommen werden.
Als ein Produkt kann man sich den HBA bereits bei medisign ansehen (Halle 15/A5). Die „medisign Card“ genannte Prozessorchipkarte der Firma ermöglicht den sicheren Zugang zur elektronischen Informations- und Kommunikationsplattform der Zahnärzte ZOD (Zahnärzte Online Deutschland), über das die Zahnärzte vertraulich miteinander kommunizieren und mit Kassenärztlichen Vereinigungen und privatärztlichen Verrechnungsstellen online abrechnen. Die Zahnärzte dürfen ihre ZOD-Karten auch im Umfeld der Gesundheitskarte einsetzen, solange noch kein elektronischer Heilberufsausweis verfügbar ist. Ebenso wie die geplante bundesweite Telematikplattform basiert auch ZOD auf einer Public-Key-Infrastruktur, bei der jeder Teilnehmer eine Prozessorchipkarte als Schlüsselmedium erhält, auf dem seine digitalen Schlüssel unauslesbar und PIN-geschützt gespeichert sind.
Patientengeführte elektronische Gesundheitsakten (oben ein Ausschnitt aus Lifesensor von der Firma Intercomponentware) gibt es inzwischen einige. Wie diese Lösungen im Kontext der freiwilligen Anwendungen der eGK künftig genutzt werden, muss sich noch zeigen. Foto:gematik
Patientengeführte elektronische Gesundheitsakten (oben ein Ausschnitt aus Lifesensor von der Firma Intercomponentware) gibt es inzwischen einige. Wie diese Lösungen im Kontext der freiwilligen Anwendungen der eGK künftig genutzt werden, muss sich noch zeigen. Foto:gematik
Unterstützung des
Qualitätsmanagements
Für die niedergelassenen Ärzte wird das Qualitätsmanagement (QM) immer wichtiger. Eine fachliche Beratung zum Thema erhalten Besucher am Stand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Diese stellt das QM-Programm „QEP – Qualität und Entwicklung in Praxen“ vor (Halle 16/A21). Die KBV hat QEP zusammen mit den KVen speziell für Arztpraxen entwickelt. Inzwischen gibt es auch einige Softwareprogramme, die zur Unterstützung von QM-Prozessen dienen und zum Beispiel bei der Erstellung von QM-Handbüchern und Patientenfragebögen oder bei der Dokumentation wiederkehrender Prozesse nützlich sind. Ein unabhängig von der verwendeten Praxis-EDV zu nutzendes QM-Modul („QmediXX“) präsentiert beispielsweise die MCS AG (Halle 15/G17,18). „QM-Assist“, das Modul des Koblenzer Softwarekonzerns CompuGROUP, unterstützt die Qualitätsmanagementprogramme ISO, QEP und KPQM. Es ist mit den EDV-Systemen der Gruppe (ALBIS, CompuMED, DATA VITAL, MEDISTAR und TurboMED) kompatibel, arbeitet aber auch als Stand-alone-Lösung.
Die KBV zeigt darüber hinaus die elektronische Dokumentation im Rahmen von Disease-Management-Programmen (eDMP). Ab dem l. April 2008 dürfen Vertragsärzte DMP nur noch elektronisch erfassen. Dafür steht künftig ein indikationsübergreifender Datensatz zur Verfügung, der sowohl für das DMP Diabetes mellitus Typ I und II als auch für koronare Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma bronchiale und chronisch-obstruktive Lungenerkrankungen geeignet ist.
Das Softwarehaus TurboMED (Halle 15/D18) informiert außerdem über eine Exportfunktion, über die Anwender des gleichnamigen Systems Daten in das dialysespezifische Qualitätssicherungssystem der KBV und in das Benchmarking-system QuasyNeT einspeisen können, um die Qualität ihrer medizinischen Behandlung von Dialysepatienten mit denen anderer Dialysepraxen zu vergleichen. Ein anderes Beispiel ist die QM-Software „Qmax“ der Merck Pharma GmbH, die unter anderem in einem Projekt zur Betreuung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz eingesetzt wird und die ebenfalls ein Benchmarking unterstützt (siehe Deutsche Kran­ken­ver­siche­rung, Halle 16/B33).
Wachsende Anforderungen durch neue Versorgungsformen
Die durch die Gesundheitsreform ermöglichten neuen Versorgungsformen, wie zum Beispiel Medizinische Versorgungszentren (MVZ), Teilgemeinschaftspraxen oder Modelle zur integrierten Versorgung (IV) nach § 140 a SGB V, sind ohne informationstechnische Unterstützung kaum realisierbar. Einige Softwarehäuser bieten hierfür inzwischen Lösungen an.
So zeigt etwa Zimmer Medizinsysteme, wie der Onlinedatenabgleich in einer überörtlichen Gemeinschaftspraxis in der neuen Version des Praxisprogramms Data-Al vonstattengehen kann (Halle 9/A60). Ärzte, die in einer Teilgemeinschaftspraxis arbeiten, können über die webbasierte Software „tgpeasy“ der Privatärztlichen Verrechnungsstelle Südwest (PVS) ihre Dokumentation online erstellen, die PVS erstellt aus den Daten die Rechnung und teilt das Honorar unter den beteiligten Ärzten auf (zu sehen am medisign-Stand, Halle 15/A5).
Auch für integrierte Versorgungsnetze haben verschiedene IT-Dienstleister inzwischen Module entwickelt, die zum Beispiel die Formalitäten für die Einschreibung der Patienten in das jeweilige Programm und die Dokumentation unterstützen. So stellt die CompuGROUP für die zur Gruppe des Konzerns gehörenden Systeme beispielsweise die Lösung „IV-Assist“ vor, mit der Ärzte die Patienten direkt aus ihrer Praxis-EDV heraus in Hausarztverträge einschreiben und die Abrechnung vornehmen können (siehe etwa bei MEDISTAR, Halle 15/C8). Ein weiteres Beispiel ist die Software „Hausarzt+“ der ICW InterComponentWare, die das Unternehmen gemeinsam mit der Hausärztlichen Vertragsgemeinschaft des Hausärzteverbandes entwickelt hat (Halle 15/E48).
Beispiel für ein zertifiziertes Lesegerät: Das Card S1ar/medic2 von Celetronic ist ein Gerät, das die Gesundheitskarte einlesen und später zu einem E-Health- Terminal erweitert werden kann. (Halle 15/G5). Foto: Celetronic
Beispiel für ein zertifiziertes Lesegerät: Das Card S1ar/medic2 von Celetronic ist ein Gerät, das die Gesundheitskarte einlesen und später zu einem E-Health- Terminal erweitert werden kann. (Halle 15/G5). Foto: Celetronic
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Vielfalt bei Patientenakten
Zentrales Ziel der angestrebten Te-lematikinfrastruktur ist die Realisierung der elektronischen Patientenakte (EPA) als freiwillige Anwendung der Gesundheitskarte. Inzwischen gibt es eine Vielfalt von Lösungsansätzen und Projekten hierzu, denn nur mittels der EPA ist eine sektor- und einrichtungsübergreifende Versorgung künftig überhaupt erst möglich. So will das Land Nordrhein-Westfalen beispielsweise bis 2015 für jeden Bürger die einrichtungsübergreifende, arztgeführte EPA verfügbar machen und die Bedingungen dafür schaffen, dass Arztpraxen und Krankenhäuser auch bei unterschiedlichen EDV-Systemen gemeinsam auf medizinische Daten eines Patienten zugreifen können. Die erste Ausbaustufe des Projekts, die Schnittstellendefinition der Dokumenten-EPA, wird auf dem NRW-Stand vorgestellt (Halle 3/D91).
Auch die Industrie hat sich angesichts eines vielversprechenden Markts mit unterschiedlichen Konzepten in Stellung gebracht: Siemens Medical präsentiert die Software „Soarian Integrated Care“, mit der beispielsweise bis Ende 2007 in Bamberg 30 Arztpraxen mit den Kliniken und MVZ der Sozialstiftung Bamberg vernetzt werden sollen. Ärzte können dann auf die Befunde der kooperierenden Einrichtungen zugreifen und ihre Patienten zum Beispiel elektronisch zum stationären Aufenthalt anmelden (Halle l O/A18). ICW hat mit der Gesundheitsakte „LifeSensor“ und dem „Professional Exchange Server“ ebenfalls eine Lösung im Portfolio, die für Ärztenetze, IV-Verträge und in Gesundheitsregionen einsetzbar ist. Eine Infrastruktur für die einrichtungsübergreifende EPA auf dieser technischen Basis wird zurzeit zusammen mit der Universität Heidelberg und niedergelassenen Ärzten im Rhein-Neckar-Dreieck erprobt. Eine Neuentwicklung ist darüber hinaus die serverbasierte EPA „Cordoba“ der CompuGROUP.
Elektronische Fallakte: Auf den Behandlungsfall bezogen
Einem anderen Ansatz folgt die vom Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik im Auftrag der Deutschen Krankenhausgesellschaft und privater Klinikketten entwickelte elektronische Fallakte (eFA), die zurzeit in mehreren Projekten erprobt wird. Sie soll als Standard für den interoperablen Austausch sämtlicher Daten zu einem Behandlungsfall etabliert werden und dabei als Mehrwertdienst auf der Tele­ma­tik­infra­struk­tur der eGK aufsetzen. Anbieter für die eFA sind unter anderem die Unternehmen iSOFT (Halle 15/C32) und die GMD (Halle 15/A42).
Heike E. Krüger-Brand


Foto: Medica
Foto: Medica
Medica 2007 im Überblick

- Informationen: Die Medizinmesse Medica findet vom 14. bis 17. November 2007 in Düsseldorf statt. 4 300 Aussteller aus 65 Nationen, darunter 70 Prozent ausländische Aussteller, präsentieren ihre Systeme und Lösungen aus der Medizintechnik und der Informations- und Kommunikationstechnologie für das Gesundheitswesen. Schwerpunktthemen des Kongresses sind: Kardiologie, Onkologie, Stoffwechselstörungen und Schmerztherapie sowie neurologische Themen wie Schlaganfall, Depressionen und Demenzerkrankungen. Außerdem gibt es Veranstaltungen zu den Bereichen Ökonomie, Organisation und Recht.
- Internet: www.medica.de
- Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag: 10.00 bis 18.30 Uhr, Samstag 10.00 bis 17.00 Uhr
- Eintrittspreise: Tageskarte 29 Euro, Dauerkarte 72 Euro (preiswertere Tickets online)
- Sonderschauen: Medica Media – Medizinische Informationssysteme und Telemedizin;
elektronische Gesundheitskarte (Halle 16); Medica meet.IT – Anwenderforum für Software für Krankenhäuser, Arztpraxen und Laboratorien (Halle 15); Medica Vision – Innovationsforum für Forschungseinrichtungen und Universitäten (Halle 3)


Australischer Health-Pavillon

Bei der Medica vertreten ist erneut der australische Pavillon (Halle 17/A57). Australien ist nicht nur in der Medizinforschung führend, das australische Gesundheitssystem gilt insgesamt als besonders modern. Sämtliche Aussteller auf dem australischen Gemeinschaftsstand der Medica sind durch die Australian Trade Commission zertifiziert. Zusätzlich zur Auswahl bei der Medica präsentieren sich die Firmen auch im Internetportal www.austradehealth.gov.au/healthportal.

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