ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2007Von schräg unten: Ausrede

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Ausrede

Dtsch Arztebl 2007; 104(44): [108]

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Die Bedeutung unserer Arbeit unseren Schutzbefohlenen begreifbar zu machen, ist ein zunehmend schwierigeres Unterfangen. Eigentlich kein Wunder, wenn wir uns mittels Fachtermini wie Abciximab oder PTCA verständlich machen wollen, Wörtern also, die eher einer geschlossenen Buchstabenanstalt entsprungen sind. Aber dann ist es auch kein Wunder, wenn die Menschen für unsere alltäglichen Zwänge wenig Verständnis aufbringen.
Ich tüftele gerade mit einem Patienten über die Therapieoptionen bei hypertropher obstruktiver Kardiomyopathie, als das Telefon unsere differenzialtherapeutischen Abwägungen zwischen Medikation, perkutaner Septumablation und Myektomie bei signifikantem intraventrikulärem Ruhegradienten und septaler Hypertrophie unterbricht. „‘Tschuldigung, Herr Doktor, der Patient, den Sie gerade für eine Woche krankgeschrieben haben, will wissen, warum es nicht für zwei Wochen geht, was soll ich ihm sagen?“ „Die Fortsetzung der AU kann ich erst nach einer Woche in Abhängigkeit vom Krankheitsverlauf feststellen. Alles Weitere geht jetzt nicht, ich bin in einem wichtigen Gespräch.“ Also, wo waren wir stehen geblieben . . ., ach ja, die DDD-Schrittmacherimplantation kommt nur noch bei symptomatischen älteren Patienten mit präexistenten Leitungsstörungen infrage, hat ihren Stellenwert verloren . . . Rrring . . . „. . . das wäre ihm egal, dass Sie in einem wichtigen Gespräch sind, er muss es sofort wissen.“ „Sagen Sie, ich wäre bei einer Behandlung, die ich nicht unterbrechen könnte.“ Wo waren wir? Ach ja, . . . bei Auftreten ventrikulärer und supraventrikulärer Tachykardien als Nachweis einer massiven septalen Hypertrophie ist auch eine prophylaktische Implantation eines Defibrillators in Erwägung zu ziehen . . . Rrrring . . . „Sie könnten ja die Behandlung unterbrechen, meint er, er könne unmöglich warten. Was soll ich tun?“ „Ach, sagen Sie . . . sagen Sie . . . ich wäre halt bei einer Reanimation, verflucht noch mal!“ Also, neben den interventionellen Maßnahmen darf aber die medikamentöse Therapie mit Kalziumantagonisten vom Verapamiltyp sowie Betablockern nicht in den Hintergrund . . . Rrring . . . „. . . er meint, er hätte im Fernsehen gesehen, dass man bei einer Reanimation auch mal ein Päuschen einlegen kann, dann könnten Sie ja . . .“ Es reicht! „Sagen Sie ihm, ich hätte einen schweren Anfall einer akuten Pleura diaphragmatica! Basta!“
„Alles in Ordnung, Herr Doktor, er kommt am Ende der Woche wieder. Er entschuldigt sich, er wusste nicht, dass es dermaßen schlecht um Sie bestellt ist.“
So ist sie halt, die heutige Medizin. Manchmal muss man zu drastischen Mitteln greifen, um sich in Ruhe um seine Schutzbefohlenen kümmern zu können.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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