ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2007Gesundheitstelematik: Reizthema Gesundheitskarte

EDITORIAL

Gesundheitstelematik: Reizthema Gesundheitskarte

Dtsch Arztebl 2007; 104(45): A-3057 / B-2693 / C-2601

Krüger-Brand, Heike E.

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LNSLNS Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) stößt bei den Ärzten überwiegend auf erbitterte Kritik. Seit dem letzten Deutschen Ärztetag hat sich der Widerstand gegen das Telematikprojekt eher noch verstärkt. Damals hatte das Ärzteparlament die Gesundheitskarte „in der bisher vorgestellten Form“ abgelehnt und eine Neukonzeption des Projekts gefordert. Hauptkritikpunkte waren und sind die mangelnde Sicherheit der sensiblen Patientendaten, die Störung der Abläufe in den Praxen, der fehlende medizinische Nutzen und die ungeklärte Finanzierung. Beim nächsten Ärztetag in Ulm soll noch einmal ausführlicher darüber diskutiert werden, wie sich Telematik und die elektronische Kommunikation auf die ärztliche Berufstätigkeit und speziell auf das Arzt-Patienten-Verhältnis auswirken.
Entsprechend heftig waren deshalb die Reaktionen der Ärzte auf die Ankündigung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, die flächendeckende Ausgabe der Gesundheitskarte aufgrund der guten Ergebnisse in den Testregionen zu beschleunigen und schon im zweiten Quartal 2008 damit zu beginnen. Doch was für eine Karte wird dann ausgegeben? Eine intelligente Prozessorchipkarte, die die Funktionen der heutigen Krankenversichertenkarte (KVK) offline simulieren kann, wie Kritiker des Projekts spotten. Die neue Karte enthält keine zusätzlichen medizinischen Daten, und es werden keine Daten online übertragen. Allenfalls ist sie fälschungssicherer durch das aufgebrachte Passfoto. Darüber hinaus gibt es noch viele Unwägbarkeiten. So ist beispielsweise noch unklar, welche Lesegeräte beim Rollout verwendet werden sollen – sogenannte MKTplus-Terminals, die an den Praxisrechner angeschlossen werden und die sowohl die KVK als auch die eGK lesen können, oder spezielle E-Health-Terminals, die besondere Sicherheitsfunktionen enthalten (SICCT-Standard) und in das Praxisnetz integriert werden müssen.
Für die Ärzte wird sich mit dem MKTplus-Szenario vorerst nichts – weder im Guten noch im Schlechten – an den Arbeitsabläufen ändern. Außerdem werde die Ausstattung mit den Lesegeräten kostenneutral erfolgen, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung versprochen, die derzeit mit den Krankenkassen eine entsprechende Finanzierungsvereinbarung aushandelt. Klar ist allerdings auch, dass eine solche Minimallösung vom angestrebten Ziel – einer Verbesserung der medizinischen Versorgung – meilenweit entfernt ist. Ein Boykott des Projekts durch die Ärzteschaft wird auf Dauer die Einführung der eGK nicht verhindern, denn diese ist von einer großen parlamentarischen Mehrheit beschlossen worden und wird Umfragen zufolge auch von der Bevölkerung mehrheitlich nicht infrage gestellt. Für den Aufbau einer flächendeckenden Tele­ma­tik­infra­struk­tur für das Gesundheitswesen sind weitere Tests jedoch unabdingbar, um Stärken und Schwächen der Technik aufzudecken. Die Ärzte sollten alles daransetzen, das Projekt in ihrem Sinn, das heißt im Sinne einer selbstbestimmten Berufsausübung und einer guten Patientenversorgung, weiter zu beeinflussen und zu gestalten. Dazu gehört auch, dass sie ihre Forderung nach einer Neukonzeption konkretisieren und eine eigene Vision entwickeln, wie eine Gesundheitstelematik unter solchen Vorzeichen aussehen könnte.
Vor diesem Hintergrund startet das Deutsche Ärzteblatt in lockerer Folge eine Serie zur Gesundheitstelematik und zur eGK, um über konzeptionelle und praktische Fragen zu informieren und eine sachliche Diskussion zu unterstützen. Den Anfang macht in diesem Heft das Interview mit Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, dem Telematikbeauftragten der Bundes­ärzte­kammer.

Heike E. Krüger-Brand
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
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