ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2007Perspektiven im Arztberuf: Die Stimmung ist schlechter als die Lage

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Perspektiven im Arztberuf: Die Stimmung ist schlechter als die Lage

Dtsch Arztebl 2007; 104(45): A-3065 / B-2701 / C-2607

Flintrop, Jens

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Skeptische Blicke: Der Nachwuchs muss erst wieder für den Arztberuf begeistert werden.
Skeptische Blicke: Der Nachwuchs muss erst wieder für den Arztberuf begeistert werden.
Für aufstrebende Klinikärzte ist das Angebot an guten Stellen besser denn je. Dennoch flüchten immer noch viele junge Ärzte in andere Länder und Berufe.

Dieser Kongress war nicht der erste, den der Deutsche Ärzte-Verlag speziell für Medizinstudierende und junge Klinikärzte konzipiert hat. Bereits von 1998 bis 2003 organisierte der Verlag des Deutschen Ärzteblattes jährlich den Via-Medici-Kongress (gemeinsam mit dem Thieme Verlag). „Die Veranstaltungen standen allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen“, wie Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe zur Eröffnung des neuen Kongresses „Perspektiven und Karriere“ betonte. Damals sei es wegen eines Ärzteüberschusses darum gegangen, dem Ärztenachwuchs Alternativen zur kurativen Tätigkeit aufzuzeigen. „Heute gibt es hingegen einen Ärztemangel, und wir sind hier, um Sie für eine kurative Tätigkeit in Deutschland zu begeistern“, sagte der Präsident der Bundes­ärzte­kammer zu den rund 500 Zuhörern im Berliner Langenbeck-Virchow-Haus. „Offensichtlich waren wir mit Via Medici so erfolgreich, dass zu viele Ärztinnen und Ärzte nicht kurative Tätigkeiten ergriffen haben“, ergänzte Rüdiger Sprunkel, Verlagsleiter Deutsches Ärzteblatt, schmunzelnd.
Vollbeschäftigung bei Ärzten
Wer Medizinstudierende für den Arztberuf begeistern wolle, müsse bei deren Ansprechpartnern in den Kliniken ansetzen, meinte Dr. med. Olaf Guckelberger, Oberarzt an der Berliner Charité: „Wir, die wir jetzt im System tätig sind und täglich mit den jungen Ärzten zu tun haben, leben die Freude am Arztsein vor.“ Die Abwanderung von Ärzten könne folglich nur gestoppt werden, wenn man die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern verbessere. Guckelberger: „Die Perspektiven im Arztberuf scheinen glänzend – nur wird dies von wenigen jungen Leuten so wahrgenommen, weil die Stimmung in den meisten Kliniken so schlecht ist.“
Rolf Schwanitz, parlamentarischer Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, hatte zuvor darauf verwiesen, dass die Arbeitslosenquote unter Ärzten gerade einmal bei 1,6 Prozent liege: „Das ist faktisch Vollbeschäftigung.“ Wie groß das Angebot an freien Arzstellen derzeit ist, zeigt ein Blick auf den Stellenmarkt im Deutschen Ärzteblatt. Gesucht werden Assistenzärzte, Weiterbildungsassistenten, Fachärzte, Oberärzte und auch Chefärzte. Wurden im Jahr 2004 noch 7 242 Stellenanzeigen geschaltet, so erhöhte sich die Zahl auf 13 527 im Jahr 2006. Und es zeichnet sich ab, dass am Ende dieses Jahres erneut ein Höchststand erreicht wird.
Die Arbeitgeber buhlen um
ärztliche Bewerber
Insbesondere die privaten Klinikbetreiber reagieren auf die Misere und sind mehr denn je bemüht, sich als attraktive Arbeitgeber für Ärzte zu profilieren. Die HELIOS Kliniken GmbH beispielsweise versucht, die jungen Ärzte mit einem außergewöhnlich gut strukturierten Weiterbildungsangebot für sich zu begeistern. Die RHÖN-KLINIKUM AG wiederum setzt verstärkt darauf, dass der Nachwuchs ein gehobenes Interesse daran hat, bei Diagnose und Therapie immer auf die modernsten medizinisch-technischen Geräte zurückgreifen zu können.
„Innovationen erweitern die Freiheitsgrade der Ärzte“, argumentierte der RHÖN-Vorstandsvorsitzende Wolfgang Pföhler. Deshalb zähle es zu den drei ökonomischen Prinzipien des Konzerns, medizinische und technische Innovationen möglichst schnell für die Krankenversorgung verfügbar zu machen. Die weiteren RHÖN-Grundsätze lauteten: „Medizinische Kernprozesse optimieren und standardisieren“ und „sachgerechte Arbeitsteilung zwischen Ärzten, Pflege- und Fachpersonal“. Aus den beiden Prinzipien ergibt sich das aus dem Industrie bekannte Flussprinzip, mit der die Kosten niedrig gehalten werden sollen. Mit dem so eingesparten Geld wird dann unter anderem die hochmoderne medizinisch-technische Ausstattung finanziert, „die von den jungen Ärzten eingefordert wird“.
Was wollen die jungen Ärzte? Olaf Guckelberger, Jörg-Dietrich Hoppe, Heinz Stüwe, Wolfgang Pföhler und Francesco De Meo (von links) diskutieren. Fotos: Georg J. Lopata
Was wollen die jungen Ärzte? Olaf Guckelberger, Jörg-Dietrich Hoppe, Heinz Stüwe, Wolfgang Pföhler und Francesco De Meo (von links) diskutieren. Fotos: Georg J. Lopata
Entlastungen und Logbücher
Bei RHÖN soll sich zudem jeder Arzt auf das konzentrieren können, „was er am besten kann“. Pföhler erläuterte seine Vorschläge für ein neues ärztliches Berufsbild, aus dem sich vier Arzttypen im Krankenhaus ergeben: Ein personenbezogener Berater soll die Patientenführung im Krankenhaus übernehmen, ein Spezialist für hoch differenzierte Einzelfunktionen ist für die eigentliche Behandlung des Patienten zuständig, einem Systembetreuer obliegt die Optimierung der Prozesskette im Krankenhaus und ein Beratungsspezialist konzentriert sich auf die Abgabe von Zweitmeinungen, um im Diskurs mit anderen Spezialisten Diagnose und Therapie zu verbessern. Mit Dokumentations- und Codieraufgaben müsse sich kein Arzt mehr herumschlagen.
HELIOS setzt bei der Rekrutierung des ärztlichen Nachwuchses vor allem auf ein gutes Weiterbildungsangebot. „0,4 Prozent des Umsatzes einer Klinik müssen für die Weiterbildung ausgegeben werden“, erläuterte HELIOS-Geschäftsführer Dr. jur. Francesco De Meo. Um zu erfahren, wie zufrieden sie mit ihrer Weiterbildungssituation sind, hatte der Konzern im Jahr 2006 die bei ihm beschäftigten Ärzte in Weiterbildung befragt. Der Vergleich der Ergebnisse mit einer ähnlichen Befragung in der Schweiz fiel ernüchternd aus. Daraus habe man gelernt, sagte De Meo. Seitdem sei die Weiter- und Fortbildung im Konzern verbessert worden. Wissenschaftliche Aktivitäten würden heute gefördert, es gebe Weiterbildungslogbücher, Hospitations- und Rotationsmöglichkeiten sowie Stipendiaten- und Expertenprogramme. Bis 2010 will der private Klinikbetreiber rund 20 Millionen Euro in die Verbesserung der Weiter- und Fortbildung investieren.
Als erster privater Träger hat HELIOS darüber einen arztspezifischen Tarifvertrag mit dem Marburger Bund abgeschlossen. Darin ist unter anderem geregelt, dass Ärzte im praktischen Jahr eine monatliche Vergütung in Höhe von 400 Euro erhalten. Für Ärztinnen und Ärzte in Elternzeit wurde zudem ein „Rückkehrergeld“ vereinbart. Insgesamt seien die Arbeitsbedingungen und die Vergütungen für die Ärzte verbessert worden, versicherte De Meo. Die jährlichen Mehrkosten infolge des Tarifabschlusses bezifferte er auf 20 Millionen Euro.
Hoppe begrüßte die HELIOS-Aktivitäten zur Verbesserung der Weiter- und Fortbildung im Konzern: „Der zum Teil verbreitete Gedanke, dass ärztliche Weiterbildung Luxus ist und man besser direkt Fachärzte einstellt, ist nicht tragbar. Vor allem aber schneidet sich jedes Krankenhaus, das so denkt, ins eigene Fleisch.“ Kritischer beurteilte der Bundes­ärzte­kammerpräsident den Vorschlag Pföhlers, die Klinikärzte in vier Typen zu unterteilen. Denn die den personenbezogenen Beratern zugeschriebenen Aufgaben zählten zu den „Uraufgaben“ eines jeden Arztes. Spezialisten und Systemberater gebe es in schon heute in fast jedem Krankenhaus. Einzig der Beratungsspezialist zur Abgabe von Zweitmeinungen sei neu, aber: „Was soll das sein?“ Ein Beratungsspezialist könne doch nur akzeptiert werden, wenn er selbst die Kompetenz im Fach habe wie der Spezialist für hoch differenzierte Einzelfunktionen. Die verliere er aber mit der Zeit, wenn er nur noch Zweitmeinungen abgebe.
Plädoyer für den Hausarzt
Den Ärzten seien bei der Berufsausübung vor allem drei Dinge wichtig, betonte Hoppe in Richtung der Klinikarbeitgeber: „Zuallererst pochen wir Ärzte auf unsere Therapiefreiheit – auch in Angestelltenverhältnissen.“ Anständige Arbeitsbedingungen für eine würdige Berufsausübung seien zudem selbstverständlich. Darüber hinaus müssten die Zukunftsperspektiven für die ärztliche Berufstätigkeit auch für die nachrückenden Generationen stimmen. Den Medizinstudierenden und jungen Klinikärzten im Plenum empfahl der Bundes­ärzte­kammerpräsident, ernsthaft darüber nachzudenken, später einmal hausärztlich tätig zu werden: „Denn als Hausärztin und als Hausarzt können Sie gar keinen Misserfolg haben!“
Jens Flintrop
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