ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2007Medizin und Ökonomie: Ärzte müssen Heft des Handelns in die Hand nehmen

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Medizin und Ökonomie: Ärzte müssen Heft des Handelns in die Hand nehmen

Dtsch Arztebl 2007; 104(45): A-3072 / B-2706 / C-2612

Gerst, Thomas

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Foto: Fotolia/Michael Kempf
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Als Diskussionsentwurf soll das Positionspapier unterschiedliche Meinungen und Interessen zusammenführen und als Basis dafür dienen, eine gemeinsame Position der Ärzteschaft zu formulieren.

Bis vor zwei Jahren sei sie strikt gegen eine Fortbildung „Medizin und Ökonomie“ für Ärztinnen und Ärzte gewesen. Inzwischen habe sie ihre Meinung dazu jedoch geändert: Die Präsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen, Dr. med. Ursula Stüwe, ist mittlerweile davon überzeugt, dass die Ärzte mit den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Wirtschaftsunternehmens Krankenhaus vertraut sein müssen, um die medizinisch begründeten Versorgungsziele besser umsetzen zu können. Denn es sei nicht zuletzt die Unkenntnis der Ärzte darüber, wie sich allgemein das Gesundheitssystem finanziert und wie ganz konkret das „eigene“ Krankenhaus betriebswirtschaftlich gesteuert wird, die sie scheinbar unausweichlichen Handlungszwängen unterwerfe. Über das Verständnis der Krankenhausökonomie komme man als Arzt automatisch auch zu der Überlegung, wie man Einfluss auf das Versorgungsgeschehen nehmen und die eigenen Vorstellungen durchsetzen könne.
„Ärzte müssen das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen“, betonte Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, der Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Er stellte beim Bundes­ärzte­kammer-Symposium „Medizin und Ökonomie im Widerstreit? Ökonomische Aspekte ärztlicher Tätigkeit“ am 18. Oktober in Berlin die einzelnen Module des von der Bundes­ärzte­kammer konzipierten Fortbildungskurses „Medizin und Ökonomie“ vor. Das Verständnis der betriebswirtschaftlichen Abläufe in der stationären und ambulanten Versorgung und der ökonomischen Grundkonstellation erleichtere die Kommunikation zwischen Arzt und Verwaltung und sei gegenüber primär gewinnorientierten Strategien hilfreich bei der Durchsetzung von Stellenbesetzungen, Budgets und Anschaffungen. So eingesetzt, führe dieses Grundlagenwissen letztlich zu mehr Berufszufriedenheit der Ärzte.
Bartmann räumte aber auch ein, dass unter leitenden Ärzten noch häufig die Einstellung anzutreffen sei, die Kosten hätten bei der medizinischen Versorgung keine Rolle zu spielen. „Diese Einstellung ist heute nicht mehr zu rechtfertigen“, unterstrich Bartmann. Ärzte müssten sich auch ökonomisch verhalten, und sie müssten vor allem lernen, die ökonomischen Informationen zu bewerten, die ihnen präsentiert würden.
Rudolf Henke, Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Ausschusses „Krankenhaus“ der Bundes­ärzte­kammer, zeigte die Traditionen auf, aus denen heraus sich defizitäre ökonomische Denkstrukturen der Ärzte erklären lassen. Nach dem bis 1992 an den deutschen Krankenhäusern geltenden Kostendeckungsprinzip hätten die Ärzte bestimmt, welche Leistungen medizinisch notwendig waren; die Verwaltung habe alles zusammengerechnet und die Krankenkassen bezahlen lassen. Mit der Budgetierung und der Engführung der finanziellen Mittel habe diese Wirtschaftsform ein Ende gefunden. Private Klinikträger hätten in den vergangenen Jahren allein schon deshalb einen Marktvorteil gehabt, weil ihnen die Gesetze des ökonomischen Handelns bereits vertraut waren. Inzwischen habe betriebswirtschaftliches Denken in alle Trägerformen Einzug gehalten; das Instrumentarium der Betriebsführung habe sich weitgehend angeglichen, auch wenn die Zielsetzungen der Träger noch unterschiedlich seien. Dass eine Klinik nach unternehmerischen Grundsätzen geführt werde, sei mittlerweile selbstverständlich; die Bundes­ärzte­kammer bestehe jedoch auf der Position, dass der Gedanke der Daseinsfürsorge weiterhin in den Krankenhäusern fest verankert sein müsse. Es sei nicht hinnehmbar, „dass man den Patienten in den Schraubstock betriebswirtschaftlicher Abläufe zwingt“. Die Ärzte dürften das nicht zulassen, forderte Henke. Erforderlich sei eine medizinische Bilanz, die der ökonomischen Bilanz gegenübergestellt werden könne.
Thomas Gerst
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