SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: Romeo

Dtsch Arztebl 2007; 104(45): [96]

Berles-Riedel, Ruth

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Zeichnung: Elke Steiner
Zeichnung: Elke Steiner
„Warum konnte mir geholfen werden und meinem Sohn nicht mehr? Wäre es doch lieber umgekehrt gewesen!“

Er sah aus wie alle die Fahrer: Kräftig gebaut, nicht zu dick, schweigsam und zupackend hilfsbereit, auch viel älter aussehend, er war erst Ende 30. Das kam sicherlich vom vielen Schichtdienst.
Es klopfte an meine Sprechzimmertür, kurz und bestimmend. Herein trat Romeo, von dem die Geschichte handelt. Er schob seine Mutter zu mir hin mit der dringenden Bitte, sie doch gleich anzusehen. Seiner Meinung nach sei sie ein Notfall und ihre Behandlung sei bisher irgendwie falsch „gelaufen“, es dulde keinen Aufschub. Die Mutter, Mitte 50, erschöpft, kurzatmig schon im Stehen, blass, mit bläulichen trockenen Lippen, sehr zurückhaltend und gewinnend hübsch.
Sie berichtete schwer atmend von einer „Bronchitis“, die anscheinend etwas mit ihrer beruflichen Arbeit als Fleischbeschauerin zu tun habe. Es würde aber immer schlimmer mit diesem Stichhusten. Es klang mysteriös für mich. Als sie auf gezielte Fragen antwortete, der Auswurf sei „rostbraun“ – sie sagte wirklich unbewusst den typischen Fachausdruck für das Symptom bei schwerem Herzklappenfehler – da klingelten in mir alle Alarmglocken.
Und da war ich schlagartig wachsam: Zuerst hörte ich gleich ihre Herzgegend ab, es war kein normales Herzklopfen, sondern wie ein schleifendes, schweres Maschinengeräusch. Auch war das Herz beträchtlich zu beiden Seiten vergrößert, Stauung der Halsschlagadern, der Leber, und die Unterschenkel waren stark geschwollen.
Mein ärztlicher Instinkt sagte mir: Da muss sofort etwas geschehen und stellte sie einem „Herzprofessor“ vor, ohne Zeit zu verlieren. Die Ultraschalluntersuchung, gleich durchgeführt, ergab den ausgesprochen überraschenden, höchst seltenen Befund eines Tumors im rechten Herzvorhof. Der Rettungshubschrauber brachte die Frau sofort nach Bad Berka, wo sie am selben Tag am Herzen operiert werden konnte und der Tumor in letzter Minute herausgenommen wurde. Es war gutartig und heilbar. Es wuchs auch nie wieder einer nach.
Ich fühlte, dass ich das „kleine Zünglein an der Waage“ gewesen war, dass alles sich zum Guten hatte wenden lassen. Noch jetzt bin ich stolz darauf, denn die Sache ist so selten, dass nur die wenigsten Kollegen so ein Krankheitsbild zu Gesicht bekommen, und ich war glücklicherweise an einer Stelle in einer großen Klinik, wo es sich sofort sichern und regeln lassen konnte zum glücklichen Ausgang!
Drei Jahre später traf ich im Schuhgeschäft diese Mutter wieder. Sie ging auf mich zu, und ich wollte auf der Stelle „unsichtbar“ werden, aber sie sprach mich an. Ich sei doch ihre Frau Doktor und Lebensretterin? Sie habe mir etwas mitzuteilen.
Sie war in strenger Trauerkleidung von oben bis unten. Wegen einer schlimmen Geschichte: Der Romeo, der einzige Sohn, der sie damals zu mir gebracht hatte, ja: Für ihn selbst kam eines Tages jede Hilfe zu spät. Er sei an einem Wespenstich beim Biertrinken im Freien erstickt.
Er hatte ein Kinderfest organisiert, da er eine vierjährige kleine Tochter hatte, für sie alles mobilisiert, dass die Kinder Freude miteinander haben sollten. Er hatte einen Bauernhof bei den Tälerdörfern mit seiner Frau ausgebaut. Er war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr gewesen, die zusammen das Fest gestaltet hatte. Als die dringliche medizinische Hilfe eintraf, war er schon tot: am Wespenstich erstickt in Minuten.
Sie fragte mich traurig und bitter: „Warum konnte mir geholfen werden und meinem Sohn nicht mehr? Wäre es doch lieber umgekehrt gewesen!“ Ein Luftröhrenschnitt zur rechten Zeit hätte genügt, aber ein Fachkundiger war nicht zur Stelle in dem entscheidenden Augenblick. Manchmal hängt das Leben an ein paar Sekunden und Minuten.
Romeos Tochter müsste jetzt so 17 Jahre alt sein und wurde zusammen von Mutter und Großeltern erzogen.
Dr. Ruth Berles-Riedel
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