ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Serie: Max Klinger, Ein handschuh (7/8): Ängste / Ruhe

KUNST + PSYCHE

Serie: Max Klinger, Ein handschuh (7/8): Ängste / Ruhe

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 490

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Was sich in den vorangegangenen vier Traumbildern so vermeintlich positiv entwickelt hat, schlägt nun offenkundig in sein Gegenteil um. Das Wasser auf den letzten drei Blättern schwappt mitten hinein ins Zimmer des unruhig schlafenden Max Klinger, der hier als Person gut zu erkennen ist. Wir sehen eine Szene, die an Goya und seine Spukgestalten erinnert. Es handelt sich damit sowohl um einen Rückgriff auf ältere Bilderfindungen als auch um einen Vorgriff auf den Surrealismus mit dem Stilmittel der Vergrößerung einzelner banaler Gegenstände wie dem Handschuh, der hier gleich dreifach auftaucht. Vermutlich griff Klinger hier auf Erkenntnisse der ihm bekannten Traumliteratur vor Freud (1900) zurück, zum Beispiel auf Scherner (1861), Maury (1861) und Saint-Denis (1867).
„Ängste“ (1881), Opus Vl, Blatt 7 (Singer 119), Radierung, 14,3 × 26,8 cm
„Ängste“ (1881), Opus Vl, Blatt 7 (Singer 119), Radierung, 14,3 × 26,8 cm
„Ruhe“ (1881), Opus Vl, Blatt 8 (Singer 120), Radierung, 14,3 × 26,7cm Fotos: Eberhard Hahne
„Ruhe“ (1881), Opus Vl, Blatt 8 (Singer 120), Radierung, 14,3 × 26,7cm
Fotos: Eberhard Hahne
Oberhalb und unterhalb des Armes des gestikulierenden Mannes taucht nun auch wieder das uns schon bekannte Untier gleich zweimal auf. Wir befinden uns mitten in der Schilderung eines Albtraums.
Auch wenn im nächsten Bild offiziell „Ruhe“ einkehrt, sind wir als Betrachter inzwischen skeptisch geworden. Und so entdecken wir schon bald das kleine Untier, wie es unter dem Vorhang der Handschuhe hervorlugt. Es blickt auf ein kleines Tischchen, worauf der Handschuh liegt. Wenn wir auf die Beine des Tisches achten, erkennen wir, dass sie in Schlangenköpfen enden. Offensichtlich verweist uns der Künstler auf den Sündenfall – auf das Thema der Verführung. Ob der Handschuh den Apfel vertritt, werden wir auf dem nächsten Blatt sehen.
Wirklich beunruhigend wird die Szene aber erst, wenn wir uns den harmlos erscheinenden Girlanden zu beiden Seiten des Bildes zuwenden. Sie haben überhaupt keinen Halt im Bildgeschehen. Die nahe liegende Überlegung lautet, dass es sich um Verzierungen eines Spiegels handelt. Wenn wir es aber mit dem Blick in einen Spiegel zu tun haben, dann spielt sich die ganze Szene hinter dem Rücken des Betrachters ab. Hartmut Kraft
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