ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Die wichtigsten Beschlüsse zum neuen EBM für 2008: Mehr Punkte, aber noch nicht mehr Geld

POLITIK

Die wichtigsten Beschlüsse zum neuen EBM für 2008: Mehr Punkte, aber noch nicht mehr Geld

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 495

Merten, Martina; Rieser, Sabine

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LNSLNS Mit ihren Argumenten für eine bessere Honorierung der Ärzte hat die KBV punkten können – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat ein Plus von rund zehn Prozent verhandelt. Doch zunächst gibt es nur für extrabudgetäre Leistungen mehr Geld.

Nach oben soll es mit den Honoraren gehen, signalisiert KBV-Vorstand Dr. med. Andreas Köhler. Doch das geht erst von 2009 an. Foto: Georg J. Lopata
Nach oben soll es mit den Honoraren gehen, signalisiert KBV-Vorstand Dr. med. Andreas Köhler. Doch das geht erst von 2009 an. Foto: Georg J. Lopata
Auf die Frage, wer als wahrer Gewinner aus den Verhandlungen um den neuen Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) hervorgegangen ist, könnte man „Jürgen Wasem“ antworten. Denn dem Professor am Lehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen ist gelungen, woran manche nicht geglaubt hatten. Wasem hat als unparteiischer Vorsitzender des Erweiterten Bewertungsausschusses – sozusagen dem höchsten Schiedsamt aus Vertretern der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) – eine Einigung über die Inhalte des neuen EBM erreicht. Fristgemäß liegt dessen Grundstruktur nun vor.
Das war knapp und nicht einfach. Schließlich musste Wasem „zwei völlig konträre Positionen zusammenzuführen“, betonte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. med. Andreas Köhler bei der Vorstellung der Verhandlungsergebnisse am 22. Oktober. Vielleicht ist der eigentliche Gewinner aber auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Ulla Schmidt (SPD) hatte einen „ständigen Gast“ in den Ausschusssitzungen plaziert. „Wir waren von unserer Aufsichtsbehörde eng gecoacht“, bemerkte Köhler ironisch.
Fakt ist: Der neue, sogenannte Pauschalen-EBM kann zum 1. Januar 2008 eingeführt werden. „Zufriedenstellend“ ist aus Sicht der KBV, dass sich eine wichtige Stellgröße für die Honorare verbessern wird. Der kalkulatorische Arztlohn wird von derzeit 95 553 Euro pro Jahr auf 105 571,80 Euro erhöht. Basis ist eine Arbeitsleistung von 51 Wochenstunden. Damit wird die Leistung des einzelnen Arztes um durchschnittlich zehn Prozent höher bewertet, die Punktmenge steigt entsprechend. Mit dieser Festlegung hat der Erweiterte Bewertungsausschuss dem Argument der KBV Rechnung getragen, dass die Gehälter der Ärzte in den Krankenhäusern erhöht worden seien. Auch die Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent konnte die KBV erfolgreich geltend machen.
Dass die Vertragsärzte künftig mehr Honorar benötigten, weil sie wegen der gestiegenen Anforderungen in der ambulanten Versorgung mehr Praxismitarbeiterinnen einstellen müssten, wurde im Ausschuss nicht akzeptiert. Auch der Einwand, die sogenannte kalkulatorische Produktivität der Ärzte sei in den letzten Jahren gesunken, weil die Bürokratie in den Praxen zugenommen habe, fand kein Gehör.
Deshalb hält sich die Freude über den Kompromiss bei der KBV in Grenzen. Dazu kommt, dass die rund zehnprozentige Erhöhung der Punktmenge in 2008 nur auf dem Papier einem Honorarzuwachs von rund 2,4 Milliarden Euro entspricht. Denn sie greift im nächsten Jahr noch nicht. 2008 ist das Honorarvolumen noch budgetiert. Die Punktmengenerhöhung von zehn Prozent führt daher zunächst lediglich dazu, dass der Punktwert im kommenden Jahr um ebenfalls zehn Prozent sinkt. Lediglich bei extrabudgetären Leistungen, beispielsweise Impfungen oder Präventionsangeboten, könnte die Mengenerhöhung ins Gewicht fallen. Dementsprechend stellen sich die Krankenkassen für 2008 zunächst nur auf geringe Ausgabensteigerungen ein.
Die Hausärzte können nach Ansicht Köhlers gleichwohl mit dem Verhandlungsergebnis zufrieden sein. 75 Euro pro Quartal werden sie im Jahr 2008 allerdings noch nicht bekommen. Nach Angaben der Krankenkassen lag der durchschnittliche Punktwert zuletzt bei rund 3,7 Cent. Damit würde ein Hausarzt im nächsten Jahr knapp 58 Euro für die Behandlung eines Patienten erhalten (siehe Kasten „Wert der Pauschalen“). Würde bei einem Versicherten der volle Morbiditätszuschlag angerechnet, wären es circa 70 Euro. Sinkt der Durchschnittspunktwert jedoch um rund zehn Prozent, dann würde ein Hausarzt nur rund 52 Euro erhalten.
Köhler leugnete bei der Präsentation der Verhandlungsergebnisse nicht, dass man vom Wunschergebnis der Hausärzte im nächsten Jahr noch entfernt sei. Aus durchschnittlich 1 562 Punkten müsse man erst noch 80 oder 85 Euro für das Jahr 2009 verhandeln, sagte er. Aber die Grundlagen sind seiner Meinung nach gelegt. Denn der Erweiterte Bewertungsausschuss hat der Einführung eines Morbiditäts-/Chronikerzuschlags zugestimmt. Ihn darf der Hausarzt künftig dann abrechnen, wenn er einen Patienten mit einer oder mehreren schwerwiegenden Erkrankungen behandelt. Kassen und KBV beziehen sich dabei auf die Richtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses, in der definiert wird, was eine schwerwiegende chronische Erkrankung ist.
Die Hausärzte hatten zudem 13 Zuschläge für zusätzliche Investitionen und/oder Qualifikationen – wie beispielsweise Sonografie oder Kleinchirurgie – gefordert. Nun ist beschlossen, dass der Qualitätszuschlag Psychosomatik übernommen wird, der Zuschlag kindgerechte Hilfen jedoch in der Versichertenpauschale aufgeht. Für alle übrigen Zuschlage gilt: Sie werden eingeführt, versehen mit einer Qualitäts­sicherungs­ver­ein­barung, aber erst mit Wirkung zum 1. Juli 2008.
Die Fachärzte werden nach Ansicht der KBV von der Steigerung der Punktmenge profitieren, wenn auch in unterschiedlichem Umfang (siehe Kasten „Auswirkungen für Fachärzte“). Im Detail wurden für die Fachärzte unter anderem folgende Veränderungen beschlossen:
l Für strahlentherapeutische Leistungen wird es von Januar 2008 an eine Bundesempfehlung zur extrabudgetären Vergütung geben.
l Für die Betreuung von Patienten mit onkologischen Erkrankungen wird eine Zusatzpauschale eingeführt. Allerdings werden die Grundpauschalen angepasst, weil die Kassen eine punktzahlneutrale Einführung verlangt hatten. Mit der Onkologie-Vereinbarung werden sich die Leistungsinhalte nicht überschneiden.
Köhler weiß, dass sich manches Verhandlungsdetail schwer vermitteln lässt. So wird zwar in Zukunft vor allem mit Hilfe von Pauschalen abgerechnet. Doch sowohl den Krankenkassen wie auch der KBV ist daran gelegen, dass das Leistungsgeschehen transparent bleibt. Denn das Misstrauen ist groß. Die Kassen argwöhnen, dass die Ärzte in Zukunft nicht nur pauschal abrechnen, sondern pauschal weniger tun als bisher. Die KBV sorgt sich, dass sie bei Honorarverhandlungen schlechte Karten haben könnte, wenn sie die tatsächlichen Leistungen der Vertragsärzte nicht belegen kann. Deshalb wird eine sogenannte Teilleistungsdokumentation eingeführt. Vereinfacht dargestellt, sollen die Ärzte in Zukunft mithilfe einer entsprechenden Abrechnungssoftware anklicken, ob sie nur den bislang obligatorischen Inhalt einer Leistung erbracht haben oder auch den fakultativen Teil.
Was er Ärztinnen und Ärzten für 2008 raten könne, wurde Köhler gefragt. Eines auf jeden Fall, antwortete der, nämlich „ alle ihre erbrachten Leistungen zu dokumentieren“. Unter dem Budgetdeckel hätten Ärzte in manchen Fällen darauf verzichtet, Leistungen zu dokumentieren, weil sie sie sowieso nicht mehr abrechnen konnten. Doch die umfassende Auflistung sei als Vorbereitung auf das Jahr 2009 wichtig, wenn wieder einzelne Leistungen an Bedeutung gewönnen.
Die KVen, räumte er ein, sehen das möglicherweise anders. Denn egal wieviel und was die Ärzte dokumentieren, mehr Geld gibt es 2008 ja noch nicht. Diesen Widerspruch werden die KVen über die Honorarverteilungsmaßstäbe austarieren müssen. Keine leichte Aufgabe, denn die führen auch so schon seit Jahren zu Konflikten.
Martina Merten, Sabine Rieser


WERT der PAUSCHALEN

Punktzahlbewertung im hausärztlichen Versorgungsbereich je Behandlungsfall

- EBM 2000plus bis zum 31. 12. 2007: 1 289 Punkte*
- EBM 2008 von 1. 1. 2008 an:
– Versichertenpauschale (Durchschnitt) 945 Punkte
(Versicherte bis 6 Jahre: 1 000 Punkte;
von 6 bis 59 Jahre: 900 Punkte;
von 60 Jahren an: 1 020 Punkte)
– Morbiditätszuschlag 495 Punkte
(anzusetzen in schätzungsweise
38 % der Fälle)
– zusätzlich 429 Punkte
je Behandlungsfall

maximal 1 869 Punkte*
durchschnittlich 1 562 Punkte*
* zuzüglich Kostenerstattungen und Laboratoriumsuntersuchungen



Auswirkungen für FACHÄRZTE

Anpassungen des durchschnittlichen Leistungsbedarfs in Punkten
- alle Facharztgruppen + 5,38 %
- Orthopädie + 0,15 %
- Pathologie – 13,77 %
- Radiologie + 10,16 %
- Strahlentherapie + 32,88 % (de facto niedrigeres Ergebnis,
weil die Steigerung zum Teil kompensiert wird durch eine Anpassung der
Kostenpauschale 40840)
- Neurologie + 5,65 %
- Psychiatrie + 6,86 %
- KJPP + 14,65 %
- Psychotherapie + 16,30 %
- Psychosomatische Medizin + 14,34 %
KJPP: Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie
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