ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Interview mit Dieter Best und Jürgen Doebert, Psychologische Psychotherapeuten: „Die Selbstverwaltung soll das irgendwie hinkriegen“

POLITIK

Interview mit Dieter Best und Jürgen Doebert, Psychologische Psychotherapeuten: „Die Selbstverwaltung soll das irgendwie hinkriegen“

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 497

Bühring, Petra

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LNSLNS Die Honorarexperten der Psychotherapeuten über die EBM-Reform, die Erhebung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu den Praxiskosten, und warum eine angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen nach wie vor unsicher ist.

Dieter Best ist Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV, im Arbeitsausschuss des Bewertungsausschusses sowie Mitglied in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV.Fotos: Petra Bühring
Dieter Best ist Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV, im Arbeitsausschuss des Bewertungsausschusses sowie Mitglied in der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV.
Fotos: Petra Bühring
Bringt der EBM 2008 positive Veränderungen in Bezug auf die Honorierung psychotherapeutischer Leistungen?
Dieter Best: Positiv hervorzuheben ist, dass wir mit dem GKV-Wettwerbsstärkungsgesetz, also der jüngsten Gesundheitsreform, einige spezielle Regelungen durchbekommen haben, die die Psychotherapeuten schützen beziehungsweise ihnen eine angemessene Vergütung sichern sollen. Ein wichtiger Punkt ist, dass der Gesetzgeber festgelegt hat, dass die zeitgebundenen psychotherapeutischen Leistungen weiterhin als Einzelleistungen vergütet werden. Das gilt für ärztliche und Psychologische Psychotherapeuten, Psychiater, Nervenärzte und Fachärzte für psychosomatische Medizin und ist im EBM 2008 so geregelt worden.

Jürgen Doebert: Diese Veränderungen, die der Kollege Best gerade erwähnt hat, werden aber erst 2009 relevant werden. 2008 wird zunächst die gerade im Erweiterten Bewertungsausschuss beschlossene Erhöhung der Punktzahlen wirksam. Da weder die Regierung noch die Krankenkassen dies mit einer realen Erhöhung der Honorare verbunden sehen wollen, führt die Erhöhung jedoch zu einer Absenkung des Punktwerts. Ob die eine oder andere Arztgruppe trotzdem von der Erhöhung der Punktzahlen profitieren wird, wird sich zeigen.
Die Anpassung des EBM 2008 bezieht sich eigentlich nur auf die Vorschrift des Gesetzgebers, dass möglichst viel pauschaliert werden soll. Das gilt für die Hausärzte und für die Einführung einer Grundpauschale im fachärztlichen Bereich. In den „Psych“-Fächern ist die Pauschalierung ganz gering, nämlich nur Ordinationsgebühren und Konsultationsgebühren, während in anderen Fächern noch Leistungen der jeweiligen Facharztkapitel und auch Gesprächsleistungen einbezogen sind.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigu
Jürgen Doebert ist Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV und Mitglied im Arbeitsausschuss des Bewertungsausschusses.
Jürgen Doebert ist Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie der KBV und Mitglied im Arbeitsausschuss des Bewertungsausschusses.
ng (KBV) hat eine Erhebung über die Praxiskosten für die Fachbereiche Psychotherapie, Psychiatrie, Nervenheilkunde, Neurologie, Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie und -psychotherapie durchführen lassen. Zunächst einmal, warum?
Doebert: Weil alle diese Arztgruppen und die Psychotherapeuten darüber geklagt haben, dass die Kalkulation ihrer Praxiskosten im EBM viel zu niedrig sei. Bisher wurden bei uns Kosten von 25 000 Euro berücksichtigt. Der Bewertungsausschuss hatte allerdings schon 40 600 Euro festgelegt, das Bundessozialgericht sogar 45 000 Euro.

Wie war der Rücklauf der Kostenerhebung?
Doebert: Erfreulich war, dass sich trotz der Ferienzeit – die Erhebung war im August – viele Kollegen die Zeit genommen haben, den Fragebogen, der immerhin drei bis vier Stunden Zeit in Anspruch nahm, auszufüllen. Insgesamt gingen 1 900 auswertbare Fragebögen ein. Davon rund 1 100 von Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Das ist ein gigantisches Ergebnis.

Inwieweit waren die Psychotherapeuten an der Entwicklung des Fragebogens beteiligt?
Best: Das lief sehr einvernehmlich ab. Die Psychotherapeuten wurden einbezogen, das zeigt sich auch an den Fragen: Es wurden zum Beispiel auch solche aufgenommen, die sich auf die kostenlosen Leistungen von Ehepartnern, Familienangehörigen oder Bekannten für die Praxis beziehen, weil die wenigsten Psychotherapeuten sich eine Angestellte leisten können.

Doebert: Das wirklich Neue, das diese Untersuchung bietet, war die Erfassung der sogenannten delegierbaren Leistungen. Das ist all das, was der Inhaber der Praxis selbst erbringt, was aber eigentlich Tätigkeit einer Angestellten oder Helferin wäre. Die Leistungen von bezahlten und unbezahlten Hilfskräften und die vom Praxisinhaber selbst erbrachten Tätigkeiten summieren sich zu etwas mehr als einer Halbtagskraft.

Wenn man also diese Leistungen mit einbezieht, was hat die Kostenerhebung für die psychotherapeutische Praxis ergeben?
Best: Die Praxiskosten liegen danach deutlich über dem bisherigen EBM-Ansatz von 25 000 Euro pro Jahr, nämlich bei etwa 35 000 Euro. Die Vorhersagen der Berufsverbände wurden also bestätigt: Die Kosten waren viel zu niedrig kalkuliert. Das erhöht unsere Glaubwürdigkeit enorm.

Wie werden diese Praxiskosten jetzt im neuen EBM berücksichtigt werden?
Best: Die Krankenkassen haben die Ergebnisse grundsätzlich akzeptiert, aber doch an mehreren Stellen auf Korrekturen bestanden, sodass daraus – zusammen mit den anderen Ergebnissen der Verhandlungen zwischen KBV und Krankenkassen – insgesamt nur eine Erhöhung der Punktzahl um 260 Punkte geworden ist, also auf 1 755 Punkte.
Man muss sich nun aber verdeutlichen, dass das Honorar ein Produkt aus Punktzahl und Punktwert ist. Ab dem Jahr 2009 wird ein Orientierungspunktwert für alle Ärzte und Psychotherapeuten gelten, der deutlich niedriger ist als der derzeitige, der bundesdurchschnittlich für Psychotherapie bei 5,11 Cent liegt. Durch diesen ganz starken Punktwertabfall um etwa 30 Prozent sinkt insgesamt das Honorar stärker, als die Punktzahlanhebung ausgleichen kann. Das heißt die Punktzahlanhebung von jetzt 1 495 Punkten für eine Sitzung auf 1 755 Punkte kompensiert nicht den Punktwertabfall von 5,11 Cent auf vermutlich 3,7 oder 4 Cent im Jahr 2009.

Um die angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen im EBM sicherzustellen, wurde ja von der Politik ein eigener Passus in das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz übertragen (§ 87 Abs. 2c SGB V). Die Punktzahl müsste also deutlich höher liegen?
Best: Genau, die Punktzahlen müssten deutlich höher angesetzt werden, damit im Endergebnis das herauskommt, was die Psychotherapeuten zurzeit bekommen. Wie diese angemessene Vergütung sichergestellt werden kann, ist eine komplizierte Frage. Angemessene Vergütung wird ja immer begriffen im Vergleich zu ärztlichen Einkommen in der Weise, dass ein Psychotherapeut mit maximalem Einsatz wenigstens den Durchschnitt des Einkom-mens der Fachärzte erreichen können muss – eine Forderung des Bundessozialgerichts (BSG).
Bei der betriebswirtschaftlichen Kalkulation somatisch-ärztlicher Leistungen und psychotherapeutischer Leistungen gibt es jedoch eine grundsätzliche Problematik: Ein Arzt kann die kalkulierte Leistung in der Zeit unterschreiten. Angenommen, eine Prozedur ist mit zehn Minuten kalkuliert, dann kann er dies durch Geschicklichkeit oder durch den Einsatz von Personal oder Apparaten in dieser Zeit auch unterschreiten, also mehr Leistungen pro Zeiteinheit erbringen. Damit kann er sein Einkommen vermehren. Deshalb ist es enorm wichtig, dass die Vergütung unserer Leistungen immer gemessen wird an den ärztlichen Einkommen, sodass wir am medizinischen Fortschritt und an der Einkommensentwicklung der Ärzteschaft teilhaben können.

Die angemessene Vergütung ist also in Gefahr?
Doebert: Die Chancen, diesen Grundsatz doch noch zu gewährleisten, sind eigentlich gut, weil es eben im Gesetz steht und wir die Regierung auf unserer Seite haben, die sagt: Die Angemessenheit der Vergütung muss erreicht werden, die Selbstverwaltung soll das irgendwie hinkriegen. Denkbar ist ein eigener Orientierungspunktwert für die Psychotherapeuten – wogegen sich der Gesetzgeber allerdings eindeutig ausgesprochen hat. Denkbar ist auch ein Zuschlag zur Punktzahl oder zum Punktwert. Man darf auf die Kreativität der Selbstverwaltung gespannt sein.

Der Justiziar der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, RA Martin Stellpflug, hat einmal gesagt, dass es keine Leistungserbringergruppe gebe, die wegen der Hononare so oft vor Gericht ziehen musste, wie die Psychotherapeuten. Wird das so weitergehen?
Doebert: Wir hoffen natürlich stark, dass der Grundsatz der angemessenen Vergütung so umgesetzt wird, dass wir nicht wieder den mühsamen Weg bis zum Bundessozialgericht kraxeln müssen.

Welchen Einfluss haben Sie darauf?
Doebert: Dadurch, dass wir beide Mitglieder im Arbeitsausschuss des Bewertungsausschusses sind – was ja ein Novum ist im Gegensatz zu früher –, rechne ich schon damit, dass wir unsere Argumente dort so einbringen können, dass der Beschluss, der bis Ende Oktober 2008 gefasst wird, so ausfallen wird, dass wir nicht mehr zum BSG marschieren müssen. Aber sicher bin ich mir nicht.
Die Fragen stellte Petra Bühring.


Neuerungen im EBM 2008

Kapitel 35.2:
Antragspflichtige Leistungen gemäß Psychotherapie-Richtlinien
in Einzelbehandlung 1 755 Punkte
in Gruppenbehandlung 870 Punkte

Kapitel 35.1:
Probatorische Sitzungen 1 755 Punkte
Biografische Anamnese
(künftig auch für Verhaltenstherapie) 1 395 Punkte

Besuchsziffern (ab 01411) gelten künftig auch für Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP)

Kapitel 23.2:
Psychotherapeutische Grundpauschalen
(ersetzen Ordinations- und Konsultationsgebühr)
für PP 230 bis 300 Punkte
für KJP 810 Punkte
Psychotherapeutisches Gespräch
als Einzelleistung (mind.10 Minuten) 305 Punkte

Der EBM 2008 kann von der Homepage der KBV heruntergeladen werden: www.kbv.de/11203.html
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