ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Fortbildung: Nachweisfrist endet Juni 2009

POLITIK

Fortbildung: Nachweisfrist endet Juni 2009

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 500

Gieseke, Sunna; Gerst, Thomas

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Ärzte, die sich bisher noch wenig um Fortbildungspunkte gekümmert haben, sollten sich bald damit auseinandersetzen. Der Vorsitzende des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung sieht das Punktesammeln kritisch; er denkt über neue Wege zum Kompetenzerhalt nach.

Auf dem Papier scheint der Fall klar. Über einen Zeitraum von fünf Jahren müssen sich niedergelassene Vertragsärzte und -psychotherapeuten in einem bestimmten Umfang fortbilden. Für diejenigen Ärzte, die seit Inkrafttreten der „Regelung zur Fortbildungsverpflichtung der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten“ am 1. Juli 2004 niedergelassen sind, endet dieser Zeitraum am 30. Juni 2009. Spätestens dann müssen sie gegenüber ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) den Nachweis erbringen, dass sie der Fortbildungspflicht nachgekommen sind. Dafür müssen sie in diesen fünf Jahren mindestens 250 Punkte durch die Teilnahme an von den Ärztekammern anerkannten Fortbildungsmaßnahmen zusammengetragen haben.
Um die in dem Nachweisverfahren anfallende Datenflut zu bewältigen, setzen die Bundes­ärzte­kammer und die Lan­des­ärz­te­kam­mern gemeinsam seit dem Jahr 2005 ein elektronisches Erfassungssystem ein. Jeder Arzt erhielt einen Fortbildungsausweis mit einem Barcode und einer 15-stelligen Fortbildungsnummer. Die von den Ärztekammern anerkannten Fortbildungen erhalten ebenfalls eine Kennnummer; diese wird nach Teilnahme an einer Fortbildung vom Veranstalter in Verbindung mit der Fortbildungsnummer des Arztes an einen zentralen Server übermittelt und von dort an die jeweils zuständige Lan­des­ärz­te­kam­mer weitergeleitet. Übergangsweise können die Ärzte aber auch aufklebbare Barcode-Etiketten mit ihrer Fortbildungsnummer verwenden.
Foto: Peter Wirtz
Foto: Peter Wirtz
In den meisten Ärztekammern sind mittlerweile auch die online abrufbaren individuellen Fortbildungspunktekonten freigeschaltet; jeder Arzt kann sich so nach Anmeldung über ein geschütztes Passwort stets einen Überblick über die ihm bereits gutgeschriebenen Fortbildungspunkte verschaffen.
Das System läuft mittlerweile stabil; viele Ärzte nutzen die Möglichkeit, ihren Punktestand abzufragen. Allerdings besteht bei den Ärztekammern Unsicherheit darüber, wie viele Fortbildungsnachweise noch nicht elektronisch erfasst wurden und von den Ärzten noch zu Hause aufbewahrt werden. Man ist etwas in Sorge darüber, in welchem Umfang diese dann kurz vor dem Stichtag im Juni 2009 vorgelegt werden. In Niedersachsen gebe es eine Reihe von Ärzten, die ihren Barcode zur Registrierung der Fortbildungspunkte noch nicht eingesetzt hätten, erläutert Wolfgang Heine-Brüggerhoff, Leiter der Akademie für ärztliche Fortbildung der Ärztekammer Niedersachsen. Was diese konkret an Fortbildung geleistet hätten, darüber könne nur spekuliert werden. In Niedersachsen seien die individuellen Punktekonten seit Mai 2007 einsehbar; die Mehrheit der berechtigten Ärzte habe bisher diese Möglichkeit aber noch nicht genutzt.
Dass die „Compliance“ der Ärzte beim elektronischen Fortbildungsnachweis gelegentlich noch suboptimal ist und sich noch nicht alle ausreichend damit auseinandergesetzt haben, bestätigt eine telefonische Nachfrage bei zufällig ausgewählten Ärztinnen und Ärzten. „Das neue System interessiert mich eher nicht“, sagt eine niedergelassene Ärztin in Mecklenburg-Vorpommern. „Wenn ich meinen Kontostand erfragen will, werde ich auch weiterhin bei der Ärztekammer anrufen.“ Eine HNO-Ärztin aus Nordrhein-Westfalen erklärt, sie habe zwar schon einmal davon gehört, nutze die Online-Einsichtnahme aber noch nicht. Die Neuerung scheint einigen suspekt zu sein. „Wenn man schon diesen Aufwand betreibt, hoffe ich nur, dass auch die Buchführung seitens der Kammern stimmt. Ich werde weiterhin meine Zertifikate sammeln, da ich dem elektronischen System misstraue“, sagt Dr. med. Wolfgang Schwartz, HNO-Arzt in Braunschweig. Das bestätigt auch Dr. med. Torsten Diederich. „Die elektronische Erfassung der Fortbildungspunkte ist ein netter Versuch, allerdings landen nicht alle Punkte online. Das habe ich bei der Überprüfung meines Punktestands festgestellt“, betont der schleswig-holsteinische Allgemeinarzt.
Schwartz sieht dem Stichtag im Jahr 2009 gelassen entgegen, er hat schon jetzt seine Punkte beisammen. Auch Diederich hält die Sorge vor der 250-Punkte-Grenze für unbegründet. „Es hat mich selbst erstaunt, wie schnell es geht, diese Fortbildungspunkte zusammenzukriegen.“ Er selbst erhalte im Hausarztbereich viele Punkte ohne finanziellen Aufwand, wohingegen Fachärzte häufig viel Geld für die Fortbildungen hinlegen müssten. „Und wenn man dann auch noch die Praxis schließen muss, ist der Aufwand schon beachtlich“, sagt Schwartz. „Das verschweigt die Politik gerne.“ Eine niedergelassene Fachärztin, Mutter zweier Kinder, ist dagegen unsicher, ob sie die ausreichende Zahl an Fortbildungspunkten bis zum Stichtag sammeln wird. „Dann soll mir die Kammer eben einen Brief schreiben“, sagt die alleinerziehende Mutter, „aber mit meinen Kindern bleibt mir nicht genügend Zeit, auf Fortbildungen zu gehen.“ Sie habe aber das Gefühl, dass sie sich genügend für ihre Patienten fortbilde. Die Allgemeinärztin aus Mecklenburg-Vorpommern gibt zu bedenken, dass für die Ärzte kaum Zeit für die Fortbildungen bleibe. „Grundsätzlich sind diese Fortbildungen gut und wichtig, aber der Druck durch die Politik ist nicht in Ordnung. Eine gewisse Freiheit sollte man den Ärzten schon lassen.“
Kompetenzerhalt müsse künftig bei der ärztlichen Fortbildung wieder mehr im Vordergrund stehen, meint der Vorsitzende des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung, Franz- Joseph Bartmann. Foto: Georg J. Lopata
Kompetenzerhalt müsse künftig bei der ärztlichen Fortbildung wieder mehr im Vordergrund stehen, meint der Vorsitzende des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung, Franz- Joseph Bartmann. Foto: Georg J. Lopata
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Für Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und seit Juli 2007 Vorsitzender des Deutschen Senats für ärztliche Fortbildung, überwiegen in seinem Kammerbereich die positiven Erfahrungen mit dem Nachweis der Fortbildungspflicht auf elektronischem Weg. „Lediglich 400 der fast 5 000 Vertragsärzte in Schleswig-Holstein haben bisher noch keine Punkte auf ihrem Fortbildungskonto.“ Es seien bereits mehr als 2 500 Zertifikate über das Erreichen der geforderten Punktezahl ausgegeben worden; im Gegensatz zu anderen Ärztekammern beginne dann für die zertifizierten Ärzte in Schleswig-Holstein ein neuer, fünf Jahre dauernder Nachweiszeitraum. So werde auch der bürokratische Aufwand entzerrt, der ansonsten rund um den Stichtag 2009 zu bewältigen wäre. Ab dem Jahr 2008 werde jedem Arzt in Schleswig-Holstein der individuelle Kontostand zusammen mit der Beitragsveranlagung mitgeteilt. Klagen von Ärzten, die Fortbildung sei ein zu kostspieliges Unterfangen, kann Bartmann nur bedingt nachvollziehen. „Die dafür aufzubringenden Kosten bewegen sich in aller Regel am unteren Rand dessen, was bei vergleichbaren Berufsgruppen als normal empfunden wird.“
Auffällig sei, betonte Bartmann, dass nach dem Beginn der gesetzlichen Regelung über den Nachweis der Fortbildungspflicht die Beteiligung der Ärzte an den von den Fortbildungsakademien traditionell angebotenen Präsenzveranstaltungen rapide zurückgegangen sei. Dies sei nicht zuletzt auf die starke Konkurrenz medialer Anbieter zurückzuführen, die es den rein auf den Punkteerwerb fixierten Nutzern zum Teil recht leicht machten. Es gebe zudem viele neue Anbieter auf dem Markt, die vor allem in den Flächenländern leichter zu erreichen seien als die Akademien.
Bartmann: Punktesystem ist unbefriedigend
Grundsätzlich sieht der Vorsitzende des Deutschen Senats für ärztli-
che Fortbildung die gegenwärtige „punktefixierte“ Fortbildung kritisch. Häufig seien Ärzte mehr auf die Punktezahl als den Inhalt einer Fortbildungsmaßnahme fixiert, meint Bartmann. „Das Punktesystem ist unbefriedigend und wenig zielführend im Sinne der ursprünglichen Intention – nämlich Kompetenzerhalt.“ Der Senat für ärztliche Fortbildung werde sehr bald schon erörtern, sagte Bartmann, wie man in Zukunft wieder zu inhaltlichen Schwerpunkten zurückkehren und damit besser als mit dem untauglichen Punktesystem den notwendigen Kompetenzerhalt nach erfolgreichem Abschluss der Weiterbildung sicherstellen könne.
Befragt zur aktuell öffentlichkeitswirksam vorgebrachten Kritik am Pharmasponsoring in der Fortbildung, verwies Bartmann auf einen erheblichen Bewusstseinswandel in den vergangenen Jahren. Sowohl die Pharmaindustrie als auch die Ärzteschaft hätten Kodizes entwickelt, die den Umgang mit pharmagesponserter Fortbildung regelten. Erst Ende Mai 2007 habe der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer auch diesbezüglich Empfehlungen zur ärztlichen Fortbildung beschlossen. Allerdings gebe es dort und im Senat eine kontroverse Diskussion darüber, wie man mit dem Einfluss der Pharmaindustrie auf das Fortbildungsgeschehen umgehen solle. Bartmann: „Langfristig erscheint es mir wünschenswert, von pharmagesponserter Fortbildung wegzukommen.“
Sunna Gieseke, Thomas Gerst

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