ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen: Schnellstmöglich zum Rausch

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Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen: Schnellstmöglich zum Rausch

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 504

Bühring, Petra

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Foto: VISUM
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Doppelt so viele Jugendliche wie noch fünf Jahre zuvor wurden wegen Alkoholmissbrauchs stationär behandelt. Eine Tagung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung beleuchtete die Hintergründe.

Passanten fanden die 14-Jährige nicht ansprechbar auf einer Bank im S-Bahnhof Frohnau. Die Jugendliche soll mit anderen auf einem Parkplatz Wodka getrunken haben. Von der Feuerwehr wurde das Mädchen in ein nahe gelegenes Krankenhaus eingeliefert.“ – Meldungen über schweren Alkoholmissbrauch, wie diese aus dem Berliner „Tagesspiegel“, findet man inzwischen nahezu täglich in den Zeitungen. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Zahl der alkoholbedingten Kranken­haus­auf­enthalte von Kindern und Jugendlichen verdoppelt: von 9 500 im Jahr 2000 auf 19 400 im Jahr 2005. Ein Viertel aller Jugendlichen betrinkt sich mindestens einmal im Monat mit fünf oder mehr Gläsern Alkohol. „Ziel ist der schnellstmögliche Rausch mit möglichst billigem Alkohol“, fasst Sabine Bätzing das Trinkverhalten der Jugendlichen zusammen. Um dem Problem zu begegnen, hatte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung zu der Tagung „Voll drauf – neue Formen jugendlichen Alkoholkonsums“ am 22. Oktober nach Berlin eingeladen.
Mehr Forschung über die Motivation der Jugendlichen, sich „bis zur Betäubung“ zu betrinken, forderte dabei Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Universität Bielefeld: „Wir wissen sehr wenig.“ Die Verfügbarkeit von Alkohol, fehlende Vorbildfunktion von Erwachsenen sowie Gruppendruck können grundsätzlich genannt werden.
Forschung zur Motivation
Das Ausprobieren von Alkohol gehöre zunächst zu den normalen „Entwicklungsaufgaben“ von Jungen und inzwischen auch von Mädchen. Die meisten hörten aber wieder auf, und nur eine Minderheit werde zu Dauerkonsumenten. Ravens-Sieverer beschreibt die Muster: „Jugendliche, die in der Woche gut funktionieren, treffen sich am Wochenende mit Gleichaltrigen, um sich zu betrinken.“ Die Studien ließen keinen signifikanten Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Alkoholkonsum erkennen. Als Forschungsthese sollte auch psychosoziale oder leistungsmäßige Überforderung zugrunde gelegt werden.
Als Schutzfaktoren vor einem regelmäßigen Alkoholmissbrauch nennt Dr. med. Oliver Bilke, Vivantes Klinikum Berlin-Hellersdorf, das Gefühl von Selbstwirksamkeit, soziale Unterstützung und Bindungssicherheit. Jugendliche seien aber eine grundsätzliche Risikogruppe: Die hormonelle Umstellung, soziale und emotionale Labilität, Neugier und Grenzen testen zu wollen sowie Identitätsfindung machen sie vulnerabel. Kommen noch ungünstige familiäre Verhältnissse hinzu, finden sich einige in psychiatrischer Behandlung wieder. Bilke sieht auf seiner Station alkoholabhängige Jugendliche mit mehreren psychiatrischen Störungen, wie „den 15-Jährigen, der seit fünf Jahren trinkt, um seine Angst, Depression und eine posttraumatische Belastungsstörung zu ,behandeln‘“. Die Therapie von bereits abhängigen Jugendlichen sei schwierig und teuer, betont der Psychiater: „Sinnvoller sind Frühintervention und Prävention.“
Die Drogenbeauftragte legte hierfür Handlungsempfehlungen vor. Eltern und das soziale Umfeld müssten in ihrer Funktion als Vorbilder gestärkt werden und Heranwachsende darin unterstützt werden, alkoholfrei zu leben. Nötig seien „breite lokale Bündnisse“, die auch den Handel mit einbeziehen. Als sehr wichtig erachtet sie Kontrollen zur Einhaltung der Jugendschutzgesetze, beispielsweise durch jugendliche „Testkäufer“. In der Schweiz sei dies bereits eine „erfolgreiche Praxis“. Evaluierte Präventionsprojekte wie „HaLt – Hart am Limit“ müssten flächendeckend eingeführt werden.
Diese und andere Präventionsmaßnahmen sind ebenso wie politische Steuerungsinstrumente zur Alkoholprävention, zum Beispiel Verkaufsverbote, hinlänglich bekannt (siehe „Der Deutschen liebste Droge“ in DÄ, Heft 31–32/2007). Auch auf dieser Tagung waren sich die Experten einig, dass es an der Umsetzung hapert. Prof. Dr. Gerhard Bühringer, Institut für Therapieforschung in München, führt die Hindernisse auch darauf zurück, dass die meisten der Akteure auch Betroffene seien. „Die Mehrheit will ihre Freiheiten nicht einschränken.“
Petra Bühring
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