ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Strukturierte Supervisionsmethode nach Lansen/Haans: Machtfragen erkennen und benennen

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Strukturierte Supervisionsmethode nach Lansen/Haans: Machtfragen erkennen und benennen

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 510

Balke, Nora

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LNSLNS Durch die Konfrontation mit kultureller Fremdheit als auch mit „Verrücktheit“ treten bei Supervisoren ähnliche Dynamiken auf. Das Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (bfzo) bietet eine Ergänzungsausbildung an, die sich damit auseinandersetzt.

Der Schwerpunkt der Ergänzungsausbildung zum Supervisor im Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (bzfo) liegt auf interkultureller Supervision und Supervision von Mitarbeitern im psychiatrischen Feld. Die von der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) anerkannte Ausbildung wird seit nunmehr vier Jahren angeboten. Die verstärkte Nachfrage an Unterstützung durch speziell ausgebildete Supervisoren war Anlass für die Etablierung dieses Kurses. Als Dozenten konnten unter anderem die niederländischen Experten Johan Lansen und Ton Haans gewonnen werden, die als Trainer international in den beiden Schwerpunktbereichen tätig sind. Durch ihre langjährige Erfahrung wurde deutlich, dass ähnliche Dynamiken bei Supervisanden durch die Konfrontation mit Fremdheit, interkulturell bedingt oder durch „verrückt sein“ auftreten. Um ein nicht beschädigendes Vorgehen in der Supervision sicherzustellen und einen ausreichend angstfreien Rahmen zu schaffen, muss der Supervisor besonders strukturiert vorgehen.
Supervision gehört mittlerweile zu den Qualitätsstandards jeder klinischen Einrichtung. In einem möglichst konkurrenz- und angstfreien Setting findet dabei eine gemeinsame Reflexion des Supervisors, des Supervisanden und gegebenenfalls der beteiligten Gruppe/des Teams statt. Der Supervisor ist ein erfahrener Berater oder Therapeut mit einer Zusatzausbildung. Seine Aufgabe ist es, die kritische Reflexion zu stimulieren und ein höheres Maß an professioneller und persönlicher Selbsterkenntnis zu fördern.
Neben der Ergänzungsausbildung (30 Ausbildungstage innerhalb von anderthalb Jahren) in Berlin werden mittlerweile Kurse in Krisengebieten durchgeführt. In der Ergänzungsausbildung werden die Basiskonzepte der Supervision nach Elisabeth Holloway vermittelt. Dabei wird insbesondere auf bestimmte Aufgaben und Funktionen des Supervisors geachtet (1). Aufbauend auf diesem Modell entwickelten Johan Lansen und Ton Haans 1995 die strukturierte Fallsupervisionsmethode. Dabei arbeiten die Supervisoren mit Identifikationsrunden, in denen Team- und Gruppenmitglieder sich mit relevanten Aspekten des präsentierten Falls identifizieren. Dies gibt einen klaren Rahmen vor und bindet alle Teilnehmer gleichermaßen in den Supervisionsprozess mit ein. In der gemeinsamen Reflexion werden neue Perspektiven auf die professionelle Situation ermöglicht. Der Supervisor arbeitet mit den Problemlösungspotenzialen jedes einzelnen Teammitglieds.
Bedrohliche Aspekte
Unterschiedliche kulturelle Hintergründe oder extreme Zustände des Patienten sind Aspekte des Andersseins, die für Supervisanden potenziell bedrohlich sein können. Durch die klare Struktur des Supervisionsprozesses über Identifikationen kann diese Bedrohlichkeit reduziert werden, und die Probleme können leichter angesprochen werden.
Der Traum von einer friedlichen Integration unterschiedlicher Kulturen in einer Gesellschaft, der in den Neunzigerjahren propagiert wurde, hat sich als Illusion erwiesen. In jeder Gesellschaft, in der Menschen unterschiedlicher Kulturen innerhalb einer Landesgrenze zusammenleben, gibt es soziale Gegensätze, Spannungen und unterschiedliche Machtverhältnisse. Wenn diese vor dem Hintergrund der universellen Menschenrechte und dem Grundgedanken der Demokratie aufgegriffen und reflektiert werden, spricht man von Interkulturalismus. Von interkultureller Supervision ist die Rede, sobald Menschen verschiedener kultureller Hintergründe beteiligt sind.
Interkulturelle Kompetenz
Das bzfo erhält häufig Anfragen aus anderen Ländern, meist Krisengebieten, in denen Unterstützung/Ausbildung durch Supervisoren gewünscht wird, die nicht dem eigenen Kulturkreis angehören. Der Supervisor befindet sich in seiner Arbeit vor Ort in einem Austausch mit Supervisionsteilnehmern einer ihm unvertrauten Kultur. Er wird konfrontiert mit Machtfragen, moralischen und kulturellen Werten. Obwohl argumentiert werden kann, dass Supervision westlich orientiert ist, bedeutet dies nicht, dass individuelle Autonomie der Gedanken und kritische Reflexion nur in einer westlichen Umgebung gelingen. Durch respektvolles Nachfragen der Sitten und Gebräuche eröffnet sich sowohl dem Supervisor als auch den Supervisanden oftmals erst der Raum, bekannte Werte oder Traditionen infrage zu stellen. Sensible Machtverhältnisse, beispielsweise bezüglich Kastendenken oder Genderfragen, können erkannt und benannt werden. Durch die Erlaubnis, eigene Wertvorstellungen infrage zu stellen und die anderer Menschen kennenzulernen, wird eine Vielzahl von Veränderungen für alle Beteiligten möglich.
Je heterogener die Gruppe ist, desto komplexer wird der Supervisionsprozess. Durch jede Person, selbst durch nicht anwesende Patienten, wird die jeweilige kulturelle Identität eingebracht. Interkulturelle Kompetenz ist aber auch nötig, wenn Supervisoren in ihrem Heimatland mit Supervisanden aus verschiedenen Kulturen arbeiten. Nach Ton Haans ist die Grundlage der interkulturellen Supervision aufrichtiges Interesse: „Ein echtes Interesse an Menschen, nicht nur an ihrem psychologischen Make-up, sondern auch daran, wie sie mit den alltäglichen Widersprüchen umgehen und neue professionelle Möglichkeiten in ihr eigenes kulturelles System integrieren – das sind notwendige Bedingungen für einen erfolgreichen Supervisionsprozess . . . Der Supervisor muss die Expertenmacht des Supervisanden, seine eigene Kultur betreffend, einbinden. Dennoch sollte er die Werte dieser nicht unhinterfragt akzeptieren . . . Es liegt in der Verantwortung des Supervisors, Themen rund um die kulturellen Unterschiede anzusprechen. Dabei muss er sein Interesse und Unsicherheit transparent machen.“
Das Modell der strukturierten Supervisionsmethode nach Lansen/Haans ermöglicht es, Machtfragen als solche zu erkennen und benennen zu können. Kulturelle Unterschiede können akzeptiert, als befruchtend erlebt und in die Arbeit integriert werden.
Nora Balke, Dipl.-Psych.
Institutsleiterin Ergänzungsausbildung
Supervision im bzfo, E-Mail: n.balke@bzfo.de


Weitere Informationen im Internet:
Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin:
www.bzfo.de
Deutsche Gesellschaft für Supervision: www.dgsv.de
Österreichische Vereinigung für Supervision:
www.oevs.or.at
Ton Haans: www.xs4all.nl/~haanst/Engels/index.htm
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1.
Holloway EL: Clinical supervision. A systems approach. Hrsg. Sage,1995.
2.
Lansen J, Haans T: Clinical Supervision for Trauma Therapists. In: Wilson J, Drozdek B (Hrsg.). Broken Spirits. The treatment of traumatized asylum seekers, refugees, war and torture victims. New York: Brunner Routledge 2004.
1. Holloway EL: Clinical supervision. A systems approach. Hrsg. Sage,1995.
2. Lansen J, Haans T: Clinical Supervision for Trauma Therapists. In: Wilson J, Drozdek B (Hrsg.). Broken Spirits. The treatment of traumatized asylum seekers, refugees, war and torture victims. New York: Brunner Routledge 2004.

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