ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Körperpsychotherapie: Konzepte der Selbstregulation

WISSENSCHAFT

Körperpsychotherapie: Konzepte der Selbstregulation

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 519

Geuter, Ulfried

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Körperpsychotherapie befasste sich bei ihrem 3. Kongress in Berlin mit Konzepten zu einem Begriff, der in verschiedenen Fachgebieten sehr heterogen diskutiert wird.

Der Begriff der „Selbstregulation“ wird in der Psychologie und Psychotherapie in den letzten Jahren breit diskutiert, jedoch in eher heterogener Weise. „Selbstregulation“ war das Leitthema des 3. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie (DGK), der vom 20. bis 23. September in Berlin stattfand. Die akademische Psychologie setze diesen Begriff weitgehend gleich mit Selbstkontrolle und verstehe darunter, wie ein Mensch sein Verhalten auf vorgegebene Ziele ausrichte, erklärte Gustav Marlock, Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Das körperpsychotherapeutische Verständnis der Selbstregulation sei weit von diesem Begriff entfernt. Ohne selbst eine konzise Definition zu geben, verdeutlichte er, welche Dimensionen Selbstregulation enthält. In erster Linie werde in der Körperpsychotherapie unter Selbstregulation die Regulation der Affekte durch affektmotorische Handlungen verstanden. Marlock fragte weiter, ob nicht einige seelische Störungen, wie zum Beispiel die zunehmenden Tic-Störungen bei Kindern, darauf zurückzuführen seien, dass affektmotorische Äußerungen der Kinder unterbunden würden. Die Fähigkeit von Kindern zur Selbstregulation versage auch, wenn man ihre Möglichkeiten zur freien Entwicklung ihrer Bewegung einschränke.
Am Beispiel der Arbeit des Pikler-Instituts in Budapest zeigte Marlock, dass die Resilienz der Kinder gedeihen kann, wenn man ihrer Eigenbewegung und ihrem Eigensinn Respekt zollt. Selbstregulation hänge bis in die Tiefen vegetativer Prozesse auch von einer gelungenen Interaktion ab, wie von dem Umgang der Erzieher mit diesem Respekt. Sie benötigt Beziehung und „Eigenräume“, wie Winnicott sagte. Die Besonderheit der Körperpsychotherapie sah Marlock darin, dass der Bezug zum Selbst auf allen von dem Hirnforscher Antonio R. Damasio aufgezeigten Funktionsebenen des Selbst über die Sinne hergestellt werde, in einer „sinnlichen Selbstreflexivität“. Dies bezeichnete er als den grundlegenden Arbeitsmodus der Körperpsychotherapie. Der Kontakt mit dem Körper bringe ein Mehr an Intelligenz und führe zu einer Re-Assoziation der dissoziierten Inhalte der Gefühlsbewegungen des „Proto-Selbst“ und des „Kern-Selbst“ im Sinne Damasios.
Argumente aus der
Hirnforschung
Unterstützung erhielten die Körperpsychotherapeuten durch zwei Vorträge des Hirnforschers Prof. Dr. Gerald Hüther und des Psychosomatikers und Psychoneuroimmunologen Prof. Dr. Joachim Bauer. Hüther machte deutlich, dass es sich bei der Selbstregulation um eine biologische Grundausstattung alles Lebendigen handle. Menschen kommen mit der Fähigkeit der Selbstregulation zur Welt, sie könne ihnen aber abhanden kommen, wenn sie sich an Verhältnisse anpassten, die gegen ihre Bedürfnisse gerichtet seien. Hüther betonte, dass sich das Gehirn in seiner Entwicklung über die Erfahrungen strukturiere, die aus dem Körper kommen. Nur vom Körper her sei daher auch ein Neuaufbau von Erfahrungen und das Anlegen neuer neuronaler Verschaltungen möglich. Hüthers Begriff der Selbstregulation ging damit weiter oder tiefer, als er meist in der Psychologie in Verbindung mit technischen Vorstellungen eines Selbstmanagements oder vor dem Hintergrund kybernetischer Regelkreismodelle gebraucht wird. Auch Bauer erläuterte, dass die neurobiologische Forschung der Körperpsychotherapie Argumente für ihren Ansatz an die Hand gebe. So sei es inzwischen erwiesen, dass zwischenmenschliche Bindung, Musik und Bewegung die Produktion derjenigen Botenstoffe anrege, die das Motivationssystem im Gehirn steuern.
Wie heterogen der Begriff der Selbstregulation in der Körperpsychotherapie selbst verwendet wird, wurde in einer abendlichen Gesprächsrunde deutlich. Der Körperpsychotherapeut Manfred Thielen erinnerte daran, dass Wilhelm Reich schon von einer „organismischen Selbstregulation“ gesprochen hat, die sich mit der interaktiven Regulation bedingt. Das trifft sich mit Allan Schores Unterscheidung von Auto-Regulierung und Ko-Regulierung, eine Unterscheidung, die der modernen, rein interaktionistischen Theorie der Psychoanalyse entgegentritt, in der die ehemals einseitige Betrachtung des 1-Personen-Patienten einer radikalen Sicht von Beziehungsgeschehen gewichen ist, das die organismische und innerpsychische Autoregulation nicht mehr behandelt.
Thielen betonte, die praktische körperpsychotherapeutische Arbeit rege die Selbstregulation dadurch an, dass sie unausgedrückte Gefühle erschließe. Andreas Wehowsky hingegen ordnete den Begriff der Selbstregulation in ein Konzept der Selbststeuerung nach Julius Kuhl ein. Er verwies auf den praktischen Ansatz des Neurofeedback, bei dem Patienten bewusst und intendiert die elektrischen Muster ihrer Hirnprozesse verändern. Angela von Arnim, die die Methode der „Funktionellen Entspannung“ vertrat, verstand Selbstregulation systemisch-konstruktivistisch als Autopoiese und legte den Fokus körperpsychotherapeutischer Arbeit darauf, im Körper leibliche Ressourcen zu erschließen: das, was sich von selbst bewegt, was von selbst funktioniert, wie zum Beispiel die Impulse, die aus den basalen Stammhirnrhythmen kommen. Mona-Lisa Boyesen, Vertreterin der „biodynamischen Psychologie“, stellte Selbstregulation als ein psychophysisches Geschehen vor, bei dem die Residuen unabgeschlossener emotionaler Prozesse über das Verdauungssystem so verarbeitet werden, dass es zu einem inneren Wohlgefühl kommt. Wolf Büntig verwies auf ein Kernanliegen der Psychotherapie. Er hob hervor, dass Menschen nur dann, was sie fühlen, und das, was sie von innen in ihrem Körper wahrnehmen, mit Bedeutung, mit Sinn füllen können, zur Selbstregulation fähig seien.
Für die Perspektive der relationalen Psychoanalyse, dass Selbst und Objekt niemals getrennt sind und die Psyche eine soziale Entität ist, machte sich Peter Geißler stark. In einem Vortrag über multimodale Traumatherapie benutzte Ralf Vogt einen Begriff der Selbstregulation, der physiologische, affektive, kognitive und behaviorale Prozesse einschließt. Bettina Schroeter fragte in ihrem abschließenden Vortrag, was in der Therapie wirklich wirke. Sie sieht es als die Fähigkeit, sich selbst auf einer Ebene zu regulieren, auf der man der eigenen Präsenz, der Existenz des eigenen lebendigen Daseins gegenwärtig ist, was auch immer im Außen geschehe.
Kritik an
„Mütterlichkeitsstörungen“
Zu einer besonderen Auseinandersetzung führte ein Vortrag von Hans-Joachim Maaz über psychosomatische Störungen. Maaz betrachtete sie als somatisierte frühe Beziehungsstörungen, bei denen durch Mängel in der Mutter-Kind-Beziehung das Kind die Fähigkeit zur Selbstregulation verliere. Die Existenzangst des Kindes, nicht gewollt zu sein, die Verlustangst, nicht geliebt zu werden, und die Individualisierungsangst, nicht so gemocht zu werden, wie man ist, bezeichnete Maaz daher als Mütterlichkeitsstörungen. Das empfanden einige der weiblichen Teilnehmerinnen als frauenfeindlich.
Wilhelm Reichs Beitrag zur Selbstregulation
Ein Höhepunkt des Kongresses waren die Vorträge zum 50. Todestag von Wilhelm Reich am 3. November (siehe auch „Orgastische Potenz und Vegetotherapie“ in diesem Heft). Ilse Schmidt-Zimmermann zeigte in der Würdigung seines Werks, dass Reich sich nicht nur als Psychotherapeut für die Selbstregulation des Individuums einsetzte, für organismische, psychophysische Ganzheitlichkeit und sexuelle Selbststeuerung, sondern auch für selbstgesteuertes Lernen, eine von Schuldgefühlen freie sexuelle Entwicklung der Kinder, solidarische Zwischenmenschlichkeit, selbstbestimmte Arbeitsprozesse und eine von falschen Autoritäten freie Gesellschaft.
Begeistert reagierten die Kongressteilnehmer auf einen Vortrag des Psychologen Karl Fallend. Er zeigte, wie die Ideen von Reich als einem „jungen Wilden“ der Psychoanalyse aus den politischen Umbrüchen einer aus den Fugen geratenen Zeit hervorgingen. Die „fantasierte Grenzenlosigkeit“, die sich in Reichs wissenschaftlichem Schaffen zeigt, sah Fallend in dem rasanten Tempo begründet, in dem sich in Wien nach dem Ersten Weltkrieg das ganze Leben veränderte und für viele junge Menschen die Psychoanalyse das Maß aller Dinge wurde. Aufgrund seiner radikalen politischen Ansichten musste Reich, der 1930 nach Berlin übergesiedelt war, mit einer Psychoanalyse anecken, die sich den neuen politischen Verhältnissen anzupassen suchte.
Am Ende ging Fallend auf das Gerücht ein, Reich sei schizophren gewesen. Ernest Jones hatte dies in seiner Freud-Biografie behauptet, und es wurde danach von Psychoanalytikern oft kolportiert. Seine Herkunft lässt sich entschlüsseln: Reich war in Berlin bei Sándor Radó kurze Zeit in Lehranalyse gewesen, als dieser eine Einladung nach New York bekam. Wie Radó später in einem Interview bestätigte, bat er vor seiner Abreise Reichs Ehefrau Annie, aus Wien zu ihm nach Berlin zu kommen. Er habe Annie gesagt, dass Reich ernsthaft schizophren erkrankt sei. Reich wiederum erzählte 1952 Kurt Eissler, er habe mit Radós Frau Emmy eine erotische Beziehung gehabt, auf die Radó eifersüchtig gewesen sei. Ist also ein eifersüchtiger Lehranalytiker, der seine Schweigepflicht bricht, die Quelle für das Schizophrenie-Gerücht? Fallend stieß kürzlich auf eine weitere, unter Historikern der Psychoanalyse noch unbekannte Information, als er einen Geheimreport von Carl Zuckmayer für den amerikanischen Geheimdienst OSS studierte: Emmy Radó leitete die Auslandsabteilung des OSS und war dort als fanatische Antikommunistin bekannt. Fallend ließ offen, ob sie vielleicht später etwas mit Reichs Schicksal in den USA zu tun hatte.
Dr. Ulfried Geuter


Stanley Keleman

Auszeichnung für sein Lebenswerk
Die nationalen Fachgesellschaften für Körperpsychotherapie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – die diesen Kongress gemeinsam trugen – ehrten Stanley Keleman, den Autor von „Anatomie der Gefühle“ und anderer bekannter Bücher sowie langjähriger Mitstreiter von Alexander Lowen, für sein Lebenswerk. Die Deutsche Gesellschaft für Körperpsychotherapie ernannte ihm zu ihrem Ehrenmitglied. Keleman betonte in seinem Vortrag, dass Menschen willentlich über einen muscular-cortical effort zu einem formenden Prozess der eigenen Entwicklung beitragen können, der sie aus schädlichen charakterlich-körperlichen Strukturen herausführe. Keleman benutzt dafür den Begriff einer formativen Psychologie.
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