ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2007Historisches Museum in St. Gallen: Wayang – Licht und Schatten

KULTUR

Historisches Museum in St. Gallen: Wayang – Licht und Schatten

PP 6, Ausgabe November 2007, Seite 530

Scheiper, Renate V.

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LNSLNS Um sich in das Spiel von Göttern, Dämonen und Ahnen hineinzuversetzen, muss man nicht bis Java fahren. Zurzeit kann man sich auch in der Schweiz einen Eindruck von dem indonesischen Schattentheater verschaffen.

Die Zuschauer unterscheiden problemlos die Guten von den Bösen. Einfache Bauern und Dorfbewohner, aber auch Städter auf Java, Sumatra und Bali fiebern mit im Geschehen der berühmten Schattenspiele, in denen Wayang-Figuren spannende Geschichten von Göttern, Dämonen und Ahnen erzählen. Wenn Europäer dagegen vor der Leinwand sitzen und die für sie nicht unterscheidbaren Schatten gestikulieren oder gar aufeinander einschlagen, macht sich zunächst Ratlosigkeit breit.
Um so ein Wayang-Spiel zu erleben und sich hineinversetzen zu können, braucht man nicht einmal in die Ferne zu fliegen, sondern nur in die Schweiz nach St. Gallen zu fahren. Dort sind die typischsten der flachen, Kulit genannten, aus Büffelhaut geschnitzten und kostbar bemalten Figuren des Wayang zu sehen. 300 zwischen 30 und 70 cm große Exponate sind, durch Stellwände in verschiedene inhaltliche Bereiche getrennt, geschickt an den Wänden drapiert. 200 weitere Wayang-Gegenstände vervollständigen die Thematik.
Fotos: Renate V. Scheiper
Fotos: Renate V. Scheiper
Nach dieser Vorbereitung kann der Besucher in einem abgedunkelten Raum das Schattentheater, wie Wayang übersetzt heißt, nun fast „live“ erleben: Er sitzt vor einer großen Leinwand, auf der die Schatten der Figuren agieren. Er kann aber auch hinter die Leinwand gehen und beobachten, wie der einzige menschliche Akteur, Dalang genannt, virtuos die Figuren mit Büffelhornstäbchen handhabt, die man nun von dieser Seite der Leinwand im Original sieht – scheinbar. Denn das Museums-Team hat auf Java eine Wayang-Aufführung filmisch so gekonnt festgehalten, dass man meint, auch der Dalang stehe leibhaftig hinter der Leinwand. Alle Instrumente des zu einem Wayang-Spiel gehörenden Gamlan-Orchesters, wie Trommeln, Flöten, Metallofone, Holz- und Saiteninstrumente, sind nach traditioneller Anordnung aufgestellt. Nur die dazu gehörenden Sängerinnen fehlen. Doch die entsprechende Musik wird eingespielt.
Ein Videofilm im Nebenraum, an verschiedenen Orten Indonesiens und Balis aufgenommen, lässt die Museumsbesucher förmlich mit den dortigen Zuschauern um den Ausgang des Spiels bangen. Der Überlinger Zoologe, Dr. Walter Angst, aus dessen Bestand alle Exponate stammen, wurde vor 35 Jahren erstmals auf diese Kunstgattung aufmerksam, als er sich monatelang in abgelegenen Gegenden Indonesiens aufhielt. Es war ihm aufgefallen, dass die Parkwächter jeweils samstags die ganze Nacht begeistert Radioübertragungen von Wayang-Spielen hörten. Sein Interesse war geweckt, und er begann, mit wissenschaftlicher Akribie methodisch zu sammeln. Seine 18 000 Wayang-Figuren und weitere tausend Gegenstände bilden die thematisch vollständigste und weltweit größte Sammlung dieser Art.
In den nächtlichen Wayang-Vorführungen – denn nur nachts erscheinen die Schatten von Ahnen und Göttern – geht es um Geschichten aus hinduistischen Epen wie Mahabharata und Ramayana. Einige Formen von Wayang können auch tagsüber stattfinden mit Golek genannten vollplastischen Puppen, von denen ebenfalls eine Auswahl im Museum vertreten ist. Ein Kurzfilm zeigt die kunstvolle und mühsame Herstellung der zauberhaften Golek- und Kulit-Figuren. Zudem wird die Ausstellung bereichert durch zwei Kisten mit kompletten Sätzen von Figuren, deren Zahl zwischen 60 und 350 liegt und die der Fundus eines jeden Dalang ist.
Um dieses wichtige Kulturerbe Indonesiens zu würdigen und zu erhalten, wurde Wayang 2003 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Renate V. Scheiper


Informationen: Im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen ist die Ausstellung „Wayang – Licht und Schatten“ bis zum 15. Juni 2008 zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, Museumsstr. 50, CH-9000 St. Gallen, Telefon: 00 41-(0)71-2 42 06 42, E-Mail: info@hmsg.ch, Internet: www.hmsg.ch. Dazu ist die umfassende Publikation von Walter Angst „Wayang Indonesia – die phantastische Welt des indonesischen Figurentheaters“ erschienen (Stadler Verlag, Konstanz, 58 Euro).
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