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ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2007Marburger Bund: Das Ende einer Ära

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Marburger Bund: Das Ende einer Ära

Flintrop, Jens

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Abgang – nach 18 Jahren an der Spitze des MB will sich Frank Ulrich Montgomery mehr denn je seinen Aufgaben bei der Ärztekammer Hamburg und bei der Bundesärztekammer widmen. Fotos: Jochen Schneider
Abgang – nach 18 Jahren an der Spitze des MB will sich Frank Ulrich Montgomery mehr denn je seinen Aufgaben bei der Ärztekammer Hamburg und bei der Bundes­ärzte­kammer widmen. Fotos: Jochen Schneider
Erwartungsgemäß wählte die 112. Haupt­ver­samm­lung Rudolf Henke zum neuen Vorsitzenden. Er löste Frank Ulrich Montgomery ab, der nicht mehr kandidiert hatte.

Eine Bitte hatte Dr. med. Frank Ulrich Montgomery noch an die 203 Delegierten im Berliner Estrel-Hotel, bevor er aus dem Scheinwerferlicht trat: Die Haupt­ver­samm­lung möge so weise sein, bei den Vorstandswahlen den fälligen Generationenwechsel zu vollziehen, dabei aber zugleich für Kontinuität an der Spitze des Verbandes zu sorgen. Der Souverän folgte diesem Wunsch: Einerseits wählte die Versammlung den langjährigen Zweiten Vorsitzenden Rudolf Henke (Aachen) zum Nachfolger Montgomerys – was eine reibungslose Fortführung der Amtsgeschäfte verspricht. Andererseits gehören jetzt mit Dr. med. Andreas Botzlar (München), Dr. med. Hans-Albert Gehle (Bochum), Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Scholz (Gießen) und Torsten Gericke (Laatzen) gleich vier neue Mitglieder dem Gremium an. Alle hatten als Streikführer vor Ort im Rahmen des Arbeitskampfes im vergangenem Jahr eine wichtige Rolle gespielt. Die in ihren Ämtern bestätigten Dr. med. Josef Ungemach (Mannheim), Dr. med. Christoph Emminger (München) und Patrick Weinheim (Hamburg) als Vertreter des Studenten-Sprecherrats komplettieren den neuen Vorstand.
Kritik an kirchlichen Trägern
Zuvor hatte Montgomery heftige Kritik an den konfessionellen Krankenhausträgern geübt. Trotz christlichem Selbstverständnis sei die Ausbeutung ärztlicher Arbeitskraft in den 720 kirchlichen Krankenhäusern nach Informationen des Marburger Bundes (MB) mit am schlimmsten. Dies zeige eine Detailauswertung der großen MB-Mitgliederbefragung, an der sich im Sommer 19 000 Klinikärzte beteiligt hatten.
Demnach beklagen 66 Prozent der Ärzte in konfessionellen Krankenhäusern, dass die gesetzlichen Höchstarbeitszeitgrenzen nicht eingehalten werden (über alle Träger hinweg sagen dies 59 Prozent). 81 Prozent der Ärzte in kirchlichen Krankenhäusern arbeiten wöchentlich mehr als 50 Stunden (79 Prozent). Dabei wird die genaue Arbeitszeit in 60 Prozent der Fälle gar nicht erfasst (49 Prozent). Zudem wird Mehrarbeit in den konfessionellen Krankenhäusern schlecht honoriert. Während 61 Prozent der Ärzte in allen Krankenhäusern angeben, dass geleistete Überstunden nicht vergütet werden, sind es in konfessionellen Krankenhäusern 72 Prozent. Schlecht sind auch die Erfahrungen der Ärztinnen und Ärzte auf einem anderen Gebiet: 74 Prozent der Befragten in konfessionellen Krankenhäusern geben an, dass ihr Arbeitgeber keine ausreichenden Möglichkeiten anbietet, Familie und Beruf zu vereinbaren. Im Bundesdurchschnitt bemängeln dies „nur“ 71 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Klinikärzte.
„Eines Privilegs muss man sich bewusst sein und verantwortungsbewusst damit umgehen“, betonte Montgomery und verwies auf das Recht der Kirchen, ihre Angelegenheiten eigenständig und ohne Tarifverträge zu regeln („Dritter Weg“). Wer aber Privilegien missbrauche, laufe Gefahr, diese zu verlieren. In einem einstimmig gefassten Beschluss fordert die 112. MB-Haupt­ver­samm­lung deshalb die konfessionellen Krankenhausträger dazu auf, die in den MB-Tarifverträgen festgelegten Arbeits- und Einkommensbedingungen zu übernehmen. Der „Dritte Weg“ sei nur dann legitimiert, wenn christliche Werte die Dienstgemeinschaft tatsächlich prägten und nach außen sichtbar würden: „Wo im kirchlichen Krankenhaus das Christliche zurücktritt und sich das Gewinnstreben übermächtig in den Vordergrund drängt, wo versucht wird, sich durch Lohndumping Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, ist für das kirchliche Privileg kein Raum mehr.“
Um den Druck auf die kirchlichen Träger zu erhöhen, appellierte der neue Bundesvorsitzende Henke zudem an die Ärzte in den kirchlichen Krankenhäusern, „es den Kollegen aus Universitäten und kommunalen Kliniken gleichzutun und den Marburger Bund durch Beitritt zu stärken“. Er selbst komme auch aus einem katholischen Krankenhaus und „auch dort wollen wir faire Arbeitsbedingungen, die volle Vergütung der erbrachten Leistung und die berufliche Unabhängigkeit der Ärzte“.
Einstimmung auf die Tarifrunde 2008
MB-Verhandlungsführer Lutz Hammerschlag stimmte die Delegierten auf die nächste Tarifrunde 2008 ein. Dabei geht es vor allem um die kommunalen Krankenhäuser. Nachdem der MB die Entgelttabelle des Tarifvertrags für die rund 55 000 Ärztinnen und Ärzte an kommunalen Krankenhäusern zum 31. Dezember 2007 gekündigt hat, will Hammerschlag nun „endlich das System knacken, wonach vernünftige Einkommen für Klinikärzte nur über viele Bereitschaftsdienste möglich sind“. In den Verhandlungen über neue Tabellenwerte gehe es deshalb vor allem darum, die Steigerungsstufen in der Entgelttabelle zu verkürzen und weitere Tätigkeiten zu berücksichtigen. Eine lineare Erhöhung aller Tabellenwerte werde dabei nicht angestrebt.
Hammerschlag erwartet harte Verhandlungen mit der Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände (VKA): „Denn nach allem, was wir wissen, will die VKA gar nicht mit uns verhandeln.“ Neben einer besseren Vergütung zählte der Tarifexperte folgende Ziele des MB in den Tarifverhandlungen auf: Erweiterung der Zeitzuschläge bei Bereitschaftsdienst, Rufbereitschaft und Vollarbeit über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus, Feinjustierung der Eingruppierungsregelungen, Alternativen zur Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes und Vereinheitlichung der Tarifverträge in der Fläche. Hammerschlag: „Insbesondere müssen die Arbeitgeber erkennen, dass es mit dem Marburger Bund keinen Tarifvertrag mehr geben wird, in dem unterschiedliche Entgelte für die Ärzte in Ost und West festgeschrieben werden.“
Neues Führungsduo: Rudolf Henke (53), Internist aus Aachen, und Andreas Botzlar (40), Chirurg aus München, stehen seit dem 10. November an der Spitze der Ärztegewerkschaft.
Neues Führungsduo: Rudolf Henke (53), Internist aus Aachen, und Andreas Botzlar (40), Chirurg aus München, stehen seit dem 10. November an der Spitze der Ärztegewerkschaft.
Henke: Raus aus der Abseitsfalle
Der mit 144 von 177 gültigen Stimmen zum Ersten MB-Vorsitzenden gewählte Rudolf Henke versprach, dass der Marburger Bund auch künftig seiner doppelten Rolle als Europas größter Ärzteverband mit freiwilliger Mitgliedschaft und als Deutschlands einzige tariffähige Ärztegewerkschaft gerecht werde. Dabei setzt er auf die Unterstützung möglichst vieler Mitglieder: „Alle angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte gehören in den Marburger Bund, nur so können wir unsere Chancen wirklich komplett nutzen“, appellierte der Aachener Internist an die noch nicht im MB organisierten Ärztinnen und Ärzte – „von der Fernsehcouch aus zugucken, das reicht nicht. Da sitzt man in der Abseitsfalle“. Henke, der seine Heimatstadt Aachen seit 1995 als direkt gewählter Abgeordneter (CDU) im Landtag von Nordrhein-Westfalen vertritt, nannte drei Entwicklungen, die der MB unter seiner Führung bremse müsse:
- Die Entkopplung von Arzt und Patient durch immer mehr Instanzen zwischen ihnen. Als Beispiele dafür verwies Henke auf die Einzelverträge von Krankenkassen, die zu reduzierten Wahlmöglichkeiten für die Patienten führten, und auf die Etablierung von Behandlungsschemata, die keinen Raum für eine individuelle Indikation ließen.
- Die Ausbeutung ärztlicher Hilfsbereitschaft durch wortbrüchige Vertragsparteien. Es sei nicht hinnehmbar, dass die meisten Arbeitgeber eine ordnungsgemäße Arbeitszeiterfassung genauso verweigerten wie eine Überstundenvergütung, betonte Henke. Auch würden viele Oberärzte nicht als solche eingruppiert und Arzt-in-Praktikum-Zeiten nicht anerkannt.
- Den Übergang in eine gleichgültige Gesellschaft der unterlassenen Hilfeleistung. Henke wertet die Verharmlosung des heraufziehenden Ärztemangels durch die Politik ebenso als unterlassene Hilfeleistung wie das Festhalten an den Budgets in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung trotz steigender Kostenbelastung.
Jens Flintrop
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