POLITIK

Perspektiven im Arztberuf: Steiniger Weg in eine glänzende Zukunft

Dtsch Arztebl 2007; 104(46): A-3144 / B-2766 / C-2670

Gieseke, Sunna; Richter-Kuhlmann, Eva

Private Kliniken versprechen, sich um die Weiterbildung zu bemühen: Parwis Fotuhi (HELIOS),Werner Wyrwich (ÄK Berlin), Justina Engelbrecht (BÄK) und Wolfgang Wagner (Paracelsus) im Gespräch mit DÄ- Redakteurin Eva Richter- Kuhlmann (Mitte). Foto: Georg J. Lopata
Private Kliniken versprechen, sich um die Weiterbildung zu bemühen:
Parwis Fotuhi (HELIOS),Werner Wyrwich (ÄK Berlin), Justina Engelbrecht (BÄK) und Wolfgang Wagner (Paracelsus) im Gespräch mit DÄ- Redakteurin Eva Richter- Kuhlmann (Mitte). Foto: Georg J. Lopata
Der ärztliche Arbeitsmarkt ist günstiger denn je. Dennoch sind strukturierte Weiterbildungsangebote sowie Teilzeitmodelle und Kinderbetreuungsmöglichkeiten für junge Ärztinnen und Ärzte noch schwer zu finden. Für einige Krankenhäuser gelten sie gar noch immer als Luxus.

D ie Formel scheint zumindest auf dem Papier ganz einfach zu sein: ausführliche Informationen sammeln, genau wissen, was man will – dann kommt man effizient zum Facharzttitel. Den jungen Medizinern wird heute eine glänzende Zukunft vorausgesagt: Von allen Seiten werden die angehenden Ärzte umworben. Schließlich herrscht in Deutschland Ärztemangel, und der Nachwuchs wird dringend gebraucht. Sollten sich die jungen Ärztinnen und Ärzte für eine Karriere in Deutschland entscheiden, müssten ihnen nach dem Studium quasi alle Türen offenstehen. Doch der Schein trügt. Noch immer sind gute Weiterbildungsangebote, Teilzeitstellen und Kinderbetreuungsmöglichkeiten an Kliniken Mangelware.
Heftig kritisierten die etwa 500 anwesenden Nachwuchsmediziner beim Kongress „Perspektiven und Karriere“ des Deutschen Ärzte-Verlags Anfang November in Berlin die Facharztweiterbildung in Deutschland. Sie gilt als unstrukturiert und hierarchisch – vor allem im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien, Schweden und der Schweiz. „Dort wird man nicht so verheizt und muss dem Chef nicht hinterherlaufen“, bestätigte auch Prof. Dr. Wolfgang Wagner, Ärztlicher Direktor der Paracelsus-Strahlenklinik Osnabrück.
„Nehmen Sie die Entscheidung für eine Weiterbildungsstätte nicht auf die leichte Schulter“, warnte Dr. med. Parwis Fotuhi, Internist und Leiter der HELIOS Akademie der HELIOS Kliniken GmbH, „sondern überlegen Sie sich genau, was Sie langfristig machen möchten. Die Facharztentscheidung ist eine Entscheidung fürs Leben.“ Zudem sei es wichtig, die Perspektiven des Berufs auszuloten. „Die Geriatrie hat vielleicht nicht so einen guten Ruf, aber sehr gute Perspektiven.“ Auch über die Allgemeinmedizin lohne es sich nachzudenken, hier gebe es gute Chancen, riet Fotuhi.
Ein großes Problem ist immer noch die Qualität der Weiterbildung in Deutschland. Während einige Krankenhäuser bereits exakte Weiterbildungsverträge mit den jungen Ärzten vereinbaren, kümmern sich andere sehr wenig um ihren Nachwuchs. Weiterbildung bleibt ein Abfallprodukt. „Weiterbildung sollte mittlerweile das Interesse des Krankenhauses sein, es gibt aber immer noch Kliniken, die fertige Fachärzte einkaufen. Wer aber in die Weiterbildung investiert, investiert auch in die eigene Zukunft“, betonte Fotuhi. Ein erster Versuch, die Weiterbildung nach einem einheitlichen Muster durch die Ärztekammern zu evaluieren und die Ergebnisse transparent zu machen, sei gescheitert, erklärte Dr. med. Werner Wyrwich, stellvertretender Vorsitzender des Weiterbildungsausschusses der Ärztekammer (ÄK) Berlin. „Es gab einen Aufschrei, weil bestimmte Dinge nicht veröffentlicht werden sollten.“
Offensichtlich lassen sich alte Strukturen nur schwer aufbrechen, und immer noch scheint der Satz zu gelten, mit dem Fotuhi die Anwesenden provokativ ansprach: „Der Einzige, der wirklich an Ihrer Weiterbildung Interesse hat, sind Sie.“ Er riet, die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und die potenzielle Weiterbildungsstätte kritisch auszusuchen. Unter anderem, so empfahl er, sollten sich Bewerber genau über die Leistungszahlen des potenziellen Arbeitgebers erkundigen. Nur dann sei es möglich abzuschätzen, wie oft man beispielsweise tatsächlich selbst operieren könne. Spätestens im Vorstellungsgespräch sei es dann notwendig zu klären, ob es einen Rotationsplan, einen Fortbildungsplan und Logbücher gebe. Zudem solle auch vorab geklärt werden, ob der Arbeitgeber die Kosten für Fortbildungen trage. Der ärztliche Nachwuchs habe ein Recht darauf, über die Ziele in der Weiterbildung zu sprechen, betonte auch Wyrwich. Hilfreich sei es zudem, das Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen zu suchen. Auch der Umgang mit Fehlern sage viel über eine Abteilung aus. Geklärt werden sollte auch, ob es die Möglichkeit gibt, zu forschen und Familie und Beruf miteinander zu verbinden.
Kind kontra Karriere?
Auf großes Interesse stieß bei den Teilnehmern des Kongresses das Thema Berufs- und Lebensplanung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Gerade bei der sehen die Studierenden große Defizite in Deutschland. Dies belegen die Ergebnisse einer Umfrage des Deutschen Ärzteblattes Studieren.de, unterstützt von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland. Mehr als 1 600 Studierende aller medizinischen Fakultäten in Deutschland äußerten sich im Frühjahr/ Sommer zu ihren Einstellungen zum Beruf. Knapp zwei Drittel gaben an, sich vorstellen zu können, aus Deutschland auszuwandern und ausschließlich im Ausland ärztlich tätig zu sein. 76 Prozent der Studierenden begründeten ihren Wunsch nach einer Tätigkeit im Ausland mit einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. An deutschen Krankenhäusern sahen lediglich 14 Prozent die Möglichkeit, ärztliche Tätigkeit und Elternschaft miteinander zu verbinden. Im ambulanten Bereich meinten immerhin etwa drei Viertel der Befragten, Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können und flexiblere Arbeitszeiten vorzufinden.
Manko Kinderbetreuung: Familienfreundliche Krankenhäuser sind noch rar gesät. Foto: Caro
Manko Kinderbetreuung: Familienfreundliche Krankenhäuser sind noch rar gesät. Foto: Caro
„Nicht die Medizin ist familienfeindlich. Die Umstände am Arbeitsplatz Krankenhaus sind es“, betonte Dr. med. Astrid Bühren, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). Sie forderte die Teilnehmer des Kongresses zu mehr Selbstbewusstsein auf. „Wir brauchen Sie, besonders auch die Ärztinnen!“ In der Tat verstärkt sich die Tendenz zur Feminisierung der Medizin. 70 Prozent der Studierenden im ersten Semester sind Studentinnen; 54 Prozent der Berufseinsteiger in der Medizin sind weiblich. In den leitenden Funktionen seien hingegen nur wenige Ärztinnen zu finden, in einigen Bereichen der Chirurgie sogar nur ein bis zwei Prozent, kritisierte Bühren. Verlässliche Konzepte für Schwangerschaft, Elternzeit und Wiedereingliederung seien deshalb genauso dringend notwendig wie flexible Arbeitszeitmodelle, inklusive Weiterbildung in Teilzeit, sowie Kinderbetreuungsangebote an den Kliniken. Gestützt auf die Ergebnisse einer Umfrage des DÄB schätzt Bühren, dass lediglich fünf bis sechs Prozent der Krankenhäuser Tagesbetreuung für Klein- und Kindergartenkinder anbieten. „Das ist sehr schade, denn eine Kosten-Nutzen-Analyse kommt zu durchaus positiven Ergebnissen“, bedauerte die DÄB-Präsidentin und verwies als Beispiel auf die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau. Durch eine geringe Fluktuation des hoch spezialisierten Personals und eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit hätten sich die Kosten für die flexible Betreuung von Kindern zwischen acht Wochen und zehn Jahren schnell amortisiert, sodass im vergangenen Jahr noch weitere Plätze geschaffen worden seien.
„Fragen Sie ihren Arbeitgeber nach Kinderbetreuungsangeboten sowie Teilzeitmodellen“, ermunterte auch Dr. med. Esther Gaertner die Teilnehmer des Kongresses. Gaertner selbst ist als Oberärztin am St. Gertrauden-Krankenhaus, Berlin, in Teilzeit tätig. „Auch leitende Tätigkeiten sind in der Klinik in Teilzeit ausübbar“, ist die Gynäkologin überzeugt. „Es erfordert nur eine konsequente Organisation und eine Portion guten Willen.“
Trotzdem sind Karrierewege wie der Gaertners eher die Ausnahme. „Frauen mit Kindern werden immer noch deutlich seltener für eine Festanstellung empfohlen“, berichtete Dr. med. Barbara Rothe, Chefärztin des MediClin Klinikums Soltau und dreifache Mutter. Bei Vätern existiere hingegen ein umgekehrter Effekt: Ärzte mit Kindern würden als besonders verantwortungsbewusst gelten und bevorzugt eingestellt werden.
Doch nicht nur von ihrem Umfeld werden Frauen häufig unterschätzt. In vielen Fällen trauen sich Ärztinnen auch selbst zu wenig zu. Dies zeigen zumindest die ersten Ergebnisse aus dem Projekt „Karriere- und Lebensplanung in der Medizin“ (KuLM-Studie)* des Instituts für Medizinische Soziologie der Charite´-Universitätsmedizin Berlin, die Dr. Susanne Dettmer auf dem Kongress erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Befragt wurden etwa 350 Medizinstudierende der ersten beiden Semester. Während 83 Prozent der Studenten glauben, Probleme selbst lösen zu können, trauen sich das nur 59 Prozent der angehenden Ärztinnen zu. 88 Prozent der Männer, jedoch lediglich 68 Prozent der Frauen meinen, sich auch gegen Widerstände durchsetzen zu können. Ein starkes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bejahten 57 Prozent der Studie-renden, jedoch nur 42 Prozent der Medizinstudentinnen. „Ärztinnen mangelt es häufig noch an Selbstbewusstsein und Zielsetzung“, erläutert Dettmer. Die Soziologin riet deshalb den Teilnehmerinnen, ihre Laufbahn rechtzeitig zu planen, sich Ziele zu setzen und an Coachings und Mentoring-Programmen teilzunehmen. Ihr Tipp: Das Planen und Erreichen von Teilzielen stärkt das Selbstbewusstsein.
Sunna Gieseke, Dr. Eva Richter-Kuhlmann

* Die KuLM-Studie wird unterstützt von der Bundes­ärzte­kammer, der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung und der Robert Bosch Stiftung.
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