ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2007Vernetzung im Gesundheitswesen: Die Technik kommt zuletzt

THEMEN DER ZEIT

Vernetzung im Gesundheitswesen: Die Technik kommt zuletzt

Dtsch Arztebl 2007; 104(46): A-3162 / B-2779 / C-2681

Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Kooperative Versorgungsformen funktionieren zwar nicht ohne Telematik, doch eine „Zauberformel“ zur Lösung inhärenter Probleme bietet diese nicht.

Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Ansätzen und Möglichkeiten für mehr Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen, doch häufig hapert es an der praktischen Umsetzung. Telematik kann zwar zu einer verbesserten Vernetzung und Kooperation beitragen, die strukturell bedingten Hindernisse jedoch nicht lösen. So lassen sich zwei Kernthesen der Tagung „Schub für die Vernetzung – Von der Gesundheitsreform zur Portalklinik“ in Düsseldorf zusammenfassen.*
Anschubhilfe für mehr Kooperation nicht nur in wirtschaftlichen und logistischen, sondern auch in medizinischen Bereichen will das nordrhein-westfälische Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) mit dem Sonderprogramm „Krankenhausportal NRW“ geben. Das Ministerium definiert Portalkliniken als Einrichtungen, die bei reduzierter oder fehlender stationärer Kapazität leistungsfähiges medizinisch-technisches Know-how durch Kooperation mit Schwerpunktkliniken auf der Basis moderner Telematikanwendungen anbieten (Informationen: www.mags.nrw.de/08_PDF/002/Krankenhausportal-neu.pdf). Niedergelassene Ärzte sowie sonstige ambulante Angebote sollen dabei gezielt eingebunden werden. Für das Sonderprogramm stellt das Land im Rahmen der Investitionsförderung der Krankenhäuser 40 Millionen Euro bereit. Ziel sei es, die Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern der Grund- und Regelversorgung mit Schwerpunktkliniken sowie zwischen Krankenhäusern aller Leistungsbereiche mit ambulanten Einrichtungen und komplementären Versorgungsangeboten zu verbessern, um „eine qualitätsgesicherte wohnortnahe Versorgung durch eine bessere Verzahnung stationärer, ambulanter und rehabilitativer Anbieter“ sicherzustellen, erläuterte Mathias Redders, MAGS. Neben Qualitätssicherung und Effizienzsteigerung geht es dabei auch um den Abbau von Überkapazitäten, etwa durch Bettenabbau oder die Schließung von Abteilungen.
Win-win-Situation für die Kooperationspartner
Jan Wiegels, Krankenhausgesellschaft NRW, sieht vor allem zwei Modelle für Portalkliniken, die künftig Schule machen könnten (Grafik): Im Modell 1 arbeitet ein kleines Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung mit einem Krankenhaus der Maximalversorgung zusammen, um dadurch Kapazitäten im kleinen Krankenhaus zu verringern. Im Modell 2 kooperieren zwei kleinere Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung, indem sie die Fachbereiche untereinander aufteilen.
Am Beispiel des Pius-Hospitals Ochtrup erläuterte Wiegels die Vorteile. Das Akutkrankenhaus war von der Schließung bedroht, bevor es im April 2004 von der Stiftung Mathias-Spital Rheine übernommen und umstrukturiert wurde. Die Abteilungen Gynäkologie, Geburtshilfe sowie Chirurgie und Anästhesie wurden geschlossen, die Innere Medizin mit breitem kardiologischen und gastroenterologischen Basiswissen blieb erhalten. Das Resultat: 70 Prozent der Patienten können weiterhin vor Ort behandelt werden, und nur 30 Prozent müssen direkt in die Uniklinik oder Schwerpunktabteilung verlegt werden. „Das Spezialwissen bleibt durch Informationstechnologie an dem Ort verfügbar, an dem der Patient ist“, so Wiegels. Die Portalklinik bleibe das Anlaufkrankenhaus für alle Patienten.
Voraussetzungen für eine Kooperation sind nach Wiegels klare Vereinbarungen zwischen den Leistungserbringern über die Aufgabenteilung und Abrechnung sowie – ganz wichtig – eine Ertragssteigerung für beide Häuser. Außerdem müsse sich ein neuer Behandlungsprozess mit den Arbeitsabläufen beider Kooperationspartner vereinbaren lassen. Zu den organisatorischen Voraussetzungen zählen vor allem eine gemeinsame Kommunikationsplattform mit einer schnellen Datenleitung zwischen den Kooperationspartnern sowie eine einrichtungsübergreifende Fall- oder Patientenakte.
Für die Portalklinik ergibt sich durch die Zusammenarbeit die Chance, diagnostisches und therapeutisches Know-how zu gewinnen, welches sie allein nicht vorhalten könnte, um beispielsweise eine akutstationäre Grundversorgung vor Ort, mindestens aber eine qualifizierte Notfall- und Primärversorgung aufrechtzuerhalten. Die Kooperationspartner hingegen profitieren vor allem von einer besseren Kapazitätsauslastung sowie von der Einweiserbindung und Ausweitung ihres Einzugsbereichs. Wiegels Fazit: Portalkliniken bieten die Möglichkeit zur Sicherung einer qualifizierten wohnortnahen Versorgung. Allerdings erfordert die Umsetzung hohe Investitionen. Er sieht in solchen Modellen vor allem eine Chance für kleinere, von einer Schließung bedrohten Kliniken auf dem Land.
Ansatz bei der ärztlichen Routine
Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundes­ärzte­kammer, verwies darauf, dass aufgrund der zunehmenden Spezialisierung in der Medizin die Kommunikation und der Austausch von Behandlungsdaten zwischen den Sektoren, aber auch von Fach zu Fach und selbst innerhalb einer Disziplin, eines Krankenhauses oder einer Gemeinschaftspraxis immer wichtiger werden. Ein Großteil der Ärzteschaft habe erkannt, dass Telematik ein Potenzial zur Verbesserung der Kommunikation im Gesundheitswesen habe, so Bartmann. Doch die bessere Vernetzung und Verfügbarkeit von Informationen bergen auch Risiken, wie die Gefährdung der Vertraulichkeit der Arzt-Patienten-Beziehung. Ein weiteres Problem sei die Datenflut, die immer höhere Anforderungen an die „Ressource Aufmerksamkeit“ stelle.
„Sektorübergreifende vernetzte elektronische Patientenakten können daher Segen, aber auch Fluch zugleich sein“, betonte Bartmann. Telematik lasse sich nicht qua Verordnung einführen, sondern nur über den Weg „gewachsenen und wachsenden Vertrauens“. Er plädierte deshalb dafür, Telematik überall dort (auch finanziell) zu unterstützen, wo sie ohnehin – weil unverzichtbar – bereits genutzt wird, wie etwa im Projekt „elektronische Fallakte“, im Rahmen von Telediagnostik in der Radiologie und in regionalen Netzen, aber auch dort, wo Ärzte Telematik aus eigenem Antrieb einsetzen wollen. Darüber hinaus sei es erforderlich, zeitnah eine Tele­ma­tik­infra­struk­tur aufzubauen, die über eine Punkt-zu-Punkt-Kommunikation spezifische ärztliche Anforderungen unterstütze und den Austausch auch großer Datenmengen ermögliche, um so Telematik auch Anwendern nahezubringen, die bislang keinen direkten Nutzen für sich erkennen könnten.
Machtfaktor IT
Angewandte Informatik im Gesundheitswesen sei nur in Teilen „Technikwissenschaft“, vielmehr zu einem großen Teil auch „Gestaltungswissenschaft“ im Hinblick auf Abläufe, Organisation und Bildung neuer Wertschöpfungsketten, gab Prof. Dr. Peter Haas, Fachhochschule Dortmund, zu bedenken. Insofern sei Informatik auch ein Machtfaktor, weil sie nicht nur dazu diene, vorhandene Prozesse zu verbessern, sondern neue Prozesse und Geschäftsmodelle, wie etwa Telemonitoring, integrierte Versorgung oder Portalkliniken, zu entwickeln und umzusetzen.
Seine generelle Empfehlung für den Einsatz von Gesundheitstelematik lautet, nicht zu technisch zu denken, sondern zunächst Strategien für das jeweils angestrebte Ziel zu entwickeln, darauf aufbauend die Organisation zu planen und erst danach zu überlegen, mit welchen technischen Hilfsmitteln sich die Prozesse optimal realisieren lassen.
Heike E. Krüger-Brand

* Veranstalter: ZTG – Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen, Krefeld
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema