ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2007Zufallsbefunde bei bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung. Ethische Überlegungen und Lösungsvorschläge: Ignoranz als ethisches Prinzip in der Medizin?

MEDIZIN: Diskussion

Zufallsbefunde bei bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung. Ethische Überlegungen und Lösungsvorschläge: Ignoranz als ethisches Prinzip in der Medizin?

Dtsch Arztebl 2007; 104(46): A-3186 / B-2803 / C-2705

Kummer, Rüdiger von

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LNSLNS Die Entdeckung und diagnostische Einordnung von Befunden im Gehirn, die aktuell keine Symptomatik verursachen, gehört zur täglichen Arbeit von Neuroradiologen. Neuroradiologen sind mehrjährig und oft multidisziplinär ausgebildet. Sie können mit zerebralen Befunden fachkundig umgehen und können ihren Patienten und Zuweisern die prognostische und therapeutische Relevanz struktureller Auffälligkeiten des Gehirns adäquat vermitteln.
In einer merkwürdigen Verschiebung der Perspektive wird in diesem Artikel von Autoren ohne entsprechende Fachkunde die Entdeckung struktureller Zufallsbefunde als Risiko bezeichnet und nicht als Chance, Krankheit im Frühstadium zu entdecken und zu heilen. Wenn der diagnostizierende Arzt und nicht die Krankheit als Risiko eingeschätzt wird, dann wird Ignoranz zu einem ethischen Prinzip erhoben.
Es ist richtig, dass „Zufallsbefunde“ zu einem Problem für den Betroffenen werden können. Das geschieht in der Regel dann, wenn Fachunkundige medizinische Bilder interpretieren und aus Normvarianten Krankheiten machen oder pathologische Prozesse übersehen, die einer Behandlung bedürfen. Die Autoren sehen in Unwissenheit einen Vorteil. Sie halten die Hinzuziehung eines Neuroradiologen für verzichtbar, „weil hierdurch der Rahmen einer Forschungsstudie überschritten würde“. Die Autoren glauben also, dass sie Gehirnforschung betreiben können, ohne dessen Struktur und mögliche Pathologie zu berücksichtigen.
Dass dies fehl geht und nicht zu verantworten ist, weiß man an anderer Stelle besser: Vom National Institute of Health, USA, wird es als obligat angesehen, dass Gehirnbilder von Probanden und Patienten neuroradiologisch begutachtet werden. Viele deutsche Institutionen sehen es genau so.
Die Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie begrüßt die Diskussion, findet es jedoch bedauerlich, dass die Autoren es für nicht erforderlich hielten, Neuroradiologen vor Veröffentlichung ihrer Stellungnahme zu konsultieren.

Prof. Dr. med. habil. Rüdiger von Kummer
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Technische Universität Dresden
Fetscherstraße 74, 01307 Dresden

Interessenkonflikt
Prof. von Kummer ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR). Dieser Beitrag erfolgt im Namen des Vorstandes der DGNR und wurde von allen Vorstandsmitgliedern gesehen und gebilligt.

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