ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2007Zufallsbefunde bei bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung. Ethische Überlegungen und Lösungsvorschläge: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Zufallsbefunde bei bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung. Ethische Überlegungen und Lösungsvorschläge: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2007; 104(46): A-3186 / B-2803 / C-2705

Heinemann, Thomas

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LNSLNS Zur Leserzuschrift von Rechtsanwalt Wolf-Ekkehard Klix
Der juristische Schadensbegriff ist nicht Thema unseres Artikels und erfährt daher auch keine Erweiterung. Auch ist die Erörterung des Umfangs einer rechtlichen Mitteilungspflicht bei entdeckten Zufallsbefunden nicht Gegenstand des Artikels. Die Mitteilung von festgestellten Zufallsbefunden, der unserem Vorschlag gemäß jeder Proband zustimmen muss (Einschlusskriterium), hat unverzüglich zu erfolgen, weil andernfalls haftungs- und strafrechtliche Konsequenzen drohen. Ist der Befund hingegen nicht gesehen worden, kommt es für die zivil- und strafrechtliche Haftung darauf an, ob nach dem Standard des Verkehrskreises des Untersuchenden (Facharzt, Arzt, Nicht-Arzt, im Strafrecht: nach den subjektiven Fähigkeiten) der Befund hätte erkannt werden müssen. Gegebenenfalls haftet der Forscher für den Verschlimmerungsschaden. Die Differenzierung zwischen Erkennen (Entdecken) und Mitteilen des Erkannten wird in unserem Artikel nicht nur erkannt, sondern zudem aus ethischer Perspektive ausführlich erörtert.

Zur Leserzuschrift von Dr. Marcella Rietschel und Prof. Dr. Christian Büchel
Das von den Verfassern vorgeschlagene Vorgehen bei jugendlichen Probanden ist mit unseren Vorschlägen, die sich auf einwilligungsfähige Probanden beziehen, weitgehend vereinbar. Wir sind allerdings der Auffassung, dass die Hinzuziehung eines Neuroradiologen zum Zwecke der Diagnostik von Zufallsbefunden im Rahmen einer Forschungsstudie aus prinzipiellen Gründen nicht zur zwingenden Voraussetzung gemacht werden kann. Zudem hätte die Befundmitteilung durch einen hinzugezogenen Neuroradiologen ein Behandlungsverhältnis zur Voraussetzung, das im Rahmen einer Forschungsstudie nicht gegeben ist. Wir stimmen den Verfassern zu, dass das Recht auf Nichtwissen uneingeschränkt besteht. Unser Lösungsvorschlag sieht jedoch vor, die Wahrnehmung dieses Rechts als Ausschlusskriterium für die Studienteilnahme anzusehen und dadurch mögliche ethische Probleme zu umgehen. Ohne Zweifel ergeben sich bei eingeschränkt oder nicht einwilligungsfähigen Probanden zusätzliche Fragen, die weiterer Überlegungen bedürfen.

Zur Leserzuschrift von Prof. Dr. Frank Hentschel
Der gebräuchliche Begriff des Patientenprobanden und seine Unterscheidung von gesunden Probanden ist unter anderem sinnvoll, um die besondere Situation zu analysieren, die sich aus einer Personalunion von Arzt und Forscher beziehungsweise Patient und Proband im Rahmen klinischer Studien häufig ergibt. Wir stimmen mit dem Verfasser überein, dass eine Rollenkonfusion gerade auch bei der Aufklärung zur Studienteilnahme vermieden werden muss.

Zur Leserzuschrift von PD Dr. Clemens Fitzek
Profunde neuroradiologische Expertise ist unbestritten eine Voraussetzung für neurowissenschaftliche Forschung. Der Nachweis dieser Expertise in Form einer Anerkennung als Facharzt, der für die Individualdiagnostik unstrittig erforderlich ist, kann jedoch im Rahmen von Forschungsstudien nicht zur verpflichtenden Voraussetzung gemacht werden, auch nicht im Zusammenhang mit der Entdeckung und Mitteilung von Zufallsbefunden. Wie in unserem Artikel begründet, haben Probanden entgegen der Auffassung des Verfassers des Leserbriefes kein Recht auf eine ärztliche Begutachtung der Schnittbilder; hierüber müssen sie zuvor sorgfältig aufgeklärt werden. Auch ist eine ethisch zwingende Notwendigkeit für die prinzipielle Hinzuziehung eines Neuroradiologen nicht zu erkennen.

Zur Leserzuschrift von Prof. Dr. Rüdiger von Kummer
In unserem Artikel wird betont, dass für jede individualdiagnostische Beurteilung von Hirnbildern ein Arzt-Patient-Verhältnis und die Expertise des Facharztes unverzichtbar sind. Im Rahmen von Forschungsstudien mit Probanden besteht allerdings eine ethisch und rechtlich andersartige Situation. Insbesondere wird die Forschungsstudie nicht zum Zwecke durchgeführt, die Chance auf frühe Entdeckung und Heilung einer Krankheit bei dem Probanden zu erhöhen; insofern ist der Vorwurf einer Verschiebung der Perspektive zurückzuweisen. Zudem erkennen wir keineswegs in einem diagnostizierenden Arzt ein Risiko, sondern legen dar, dass im Rahmen einer Forschungsstudie kein Arzt-Patient-Verhältnis besteht und daher keine Diagnose gestellt wird.
Wir danken den Verfassern der Leserzuschriften für die Kommentare und Hinweise.

Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Heinemann
Institut für Wissenschaft und Ethik an der Universität Bonn
Bonner Talweg 57, 53115 Bonn
E-Mail: heinemann@iwe.uni-bonn.de

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

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