SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Beruferaten

Dtsch Arztebl 2007; 104(46): [124]

Böhmeke, Thomas

Normalerweise pflege ich Einladungen, beispielsweise zu einem schönen mehrgängigen Abendessen, nur mit Hinweis auf Gebrauchsanweisungen und Gegenanzeigen bezüglich meiner Tätigkeit anzunehmen. Die Vergangenheit hat mich gelehrt, dass geselliges Beisammensein zu fortgeschrittener Stunde gerne in ausschweifende Konsultationen mündet, falls man seine Profession preisgibt. Dies ist auch der Grund, warum ich die Bekanntgabe meines akademischen Grads in der Öffentlichkeit meide wie der Streptococcus das Resistogramm. Blöderweise ist unsere Gesellschaft berufsfixiert, daher ist eine dahingehende Exploration häufig nicht zu vermeiden.
„Und was machen Sie den lieben langen Tag?“ Ich . . . äh . . . ich . . . bin ein kleines Rädchen in der staatlichen Verwaltung, die sich mit der Verteilung von Mängeln beschäftigt. „Ah! Interessant! Dann sind Sie also Lehrer!“ Nein. Erstens bin ich für Mängel und nicht für Lücken zuständig, zweitens muss ich mindestens bis 67 arbeiten, und drittens ist der bezahlte Bildungsurlaub in meiner Sparte völlig unbekannt. „Soso! Sie sind also in der Entwicklungshilfe tätig!“ So kann ich das leider nicht sagen. Es gibt zwar schon Entwicklungen in meinem Beruf, aber noch viel mehr Leute, die sich damit beschäftigen, dass diese von der Allgemeinheit ferngehalten werden . . . äh . . . also, die Gesellschaft davon nichts abbekommt . . . wie soll ich das sagen . . . „Jetzt hab’ ich’s! Sie sind bei der Müllabfuhr!“ Nein, also da hat sie mich wirklich falsch verstanden, so habe ich das wirklich nicht gemeint! „Ach, junger Mann, Sie brauchen sich wirklich nicht zu genieren *hüstel*, das ist doch mittlerweile ein ganz ehrenwerter Beruf *hüstel*.“
Wenn ich etwas so leiden kann wie einen verknoteten Koronarkatheter in der Beckenarterie, dann ist es, wenn mich jemand „junger Mann“ nennt. Also bekenne ich meine Profession, ohne Schnörkel, ohne Scham: Jawohl, ich bin Arzt.
Pause.
Ich kenne diese Pause, Sie wahrscheinlich auch, nur zu gut. Sie ist der Augenblick vor Ausbruch der Anamnesen, der Atemzug vor der Anklage über Wartezeiten, Fehldiagnosen, Praxisgebühr und Zuzahlung. Reichen die Worte nicht mehr, gehen die versammelten Gäste zur Demonstration über: Zähigkeit und Häufigkeit von Sputum und borkigen Belägen aus Nase, Mund und Ohr; Farbe und Geruch von Geschwüren auf Bein, Steiß und Hüften. All das, was in der normalen Sprechstunde zu kurz kommt, findet dann hier seinen Raum, bis hin zum Harndrang und zur Stuhlfrequenz.
An dem schönen Essen hat dann keiner ein Interesse mehr.
Außer mir.
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige