ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Reaktionen auf den den neuen EBM: „Es ist sinnlos, mit kleinen Kindern Langzeit-EKGs zu machen“

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Reaktionen auf den den neuen EBM: „Es ist sinnlos, mit kleinen Kindern Langzeit-EKGs zu machen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3219 / B-2835 / C-2735

Korzilius, Heike; Rieser, Sabine

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Es betrifft alle: Knapp 1 000 Ärzte und Psychotherapeuten informierten sich im Audimax der Technischen Universität Berlin über den neuen EBM. Foto: Reinhold Schlitt
Es betrifft alle: Knapp 1 000 Ärzte und Psychotherapeuten informierten sich im Audimax der Technischen Universität Berlin über den neuen EBM. Foto: Reinhold Schlitt
Die Kassenärztlichen Vereinigungen informieren Ärzte und Psychotherapeuten derzeit über den neuen EBM. In Berlin zeigte sich dabei: Vor allem Diabetologen und Kinderärzte sind unzufrieden.

Um niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten in Berlin klarzumachen, dass es für sie 2008 nicht mehr Geld geben wird, ist die Technische Universität ein hervorragender Ort: karge Betonwände, kalte Steintreppen, ein Audimax mit Zweckbeleuchtung und unbequemen Klappstuhl-an-Minitisch-Reihen. Der Saal ist ausreichend, zweckmäßig, wirtschaftlich; nichts ist dort, was das Notwendige überschreitet.
Vorn auf der Bühne sitzen die drei Vorstände der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, daneben Dr. med. Bernhard Rochell, Dezernent für Gebührenordnung und Vergütung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), und der KBV-Vorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler. An diesem Novemberabend wollen sie den Berliner Kolleginnen und Kollegen Rede und Antwort zum Pauschalen-EBM stehen, der neuen Gebührenordnung.
Köhler findet inmitten der kühlen Umgebung warme Worte. „Bei Ihnen spreche ich gern“, betont er. „Ihre Situation ist fatal, es kann nur besser werden.“ Die Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in der Hauptstadt müssten bundesweit mit der niedrigsten Vergütung auskommen, sagt der KBV-Vorstand. 2008 bleibe das Geld knapp. Wenn ihre Leistungen von 2009 an aber mithilfe eines bundesweiten Orientierungspunktwerts gewichtet würden, werde sich die Honorarsituation verbessern.
Bayern: schlechte Aussichten
Gleichzeitig streut Köhler ein, dass es sich in Bayern oder Baden-Württemberg schlechter über die künftigen Honorare referieren lasse. Denn die Bundesländer im Süden, in denen die Fallwerte relativ hoch sind, werden durch den bundesweiten Orientierungspunktwert Honoraranteile verlieren.
Doch so schnell sind die knapp 1 000 Zuhörer im Saal nicht zufrieden. Sie scheinen wenig Gutes zu erwarten, nicht einmal für 2009. Was denn in Zukunft aus der Mengensteuerung werde, will einer wissen. Die müsse weiter betrieben werden, aber großzügig, antwortet Köhler. In Erwägung gezogen werde eher eine Zeit- als eine Mengenkontingentierung. Und die Trennung der Honorartöpfe von Haus- und Fachärzten, die von 2009 an aufgehoben werden soll? Das sei ein Problem, findet Köhler. Man arbeite an einer Lösung und wolle mithilfe der Regelleistungsvolumina die Sorgen zerstreuen.
Eine Kinderärztin macht ihrem Unmut am Saalmikrofon Luft. Was sich die KBV dabei gedacht habe, ihrer Berufsgruppe im neuen EBM ein Kapitel zu schreiben, in dem die hausärztlichen Leistungen gespiegelt würden? Nun dürfe sie über 60-Jährige behandeln, bekomme aber die Betreuung entwicklungsgestörter Kinder nicht angemessen bezahlt. Und überhaupt: „Ich finde es sinnlos, mit kleinen Kindern Langzeit-EKGs zu machen.“ Köhler reagiert etwas angesäuert. Die Kinderärzte hätten sich über den Beratenden Fachausschuss der Hausärzte an den Arbeiten zum neuen EBM beteiligt und ein gespiegeltes Hausarztkapitel akzeptiert, sagt er.
Das bestreitet mittlerweile der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj). Man habe im Fachausschuss einer Pauschale für Kinder und Jugendliche in Höhe von 85 Euro nur unter der Bedingung zugestimmt, dass es einen Qualifikationszuschlag für kindgerechte Hilfen und die Entwicklungsdiagnostik geben werde, beteuert der bvkj-Präsident, Dr. med. Wolfram Hartmann. Diese Forderung habe die KBV offenbar gegenüber den Kassen nicht durchsetzen können.
Köhler wiederum macht seit Wochen keinen Hehl daraus, dass er von Pauschalen nicht viel hält – auch, weil sie ein Risiko für eine angemessene Bezahlung besonders spezialisierter Ärzte darstellen. Von den Kassen wiederum heißt es, dass über den Zuschlag kindgerechte Hilfen nicht zu verhandeln war.
Nun liegen die Pauschalen für
die Versorgung von Kindern durch Hausärzte ebenso hoch wie bei einer Behandlung durch Kinder- und Jugendärzte. „Das darf nicht sein“, findet Hartmann. Die Kinderärzte hätten aufgrund ihrer besonderen Qualifikation einen anderen Versorgungsauftrag und -umfang. Dabei geht es ihm nicht darum, mehr Geld für die 6 800 niedergelassenen Kinderärzte zu fordern. Aber die Leistungslegenden sowohl der allgemeinen wie der Schwerpunktpädiatrie orientierten sich im Wesentlichen an den Bedürfnissen von Erwachsenen und würden der Versorgungsrealität in der Pädiatrie in keiner Weise gerecht. „Die KBV hätte das nicht akzeptieren dürfen“, kritisiert Hartmann.
KBV-Chef Andreas Köhler: „Ich bleibe dabei, dass eine Versorgung überall in Deutschland das gleiche Honorar auslösen muss.“ Foto: Georg J. Lopata
KBV-Chef Andreas Köhler: „Ich bleibe dabei, dass eine Versorgung überall in Deutschland das gleiche Honorar auslösen muss.“ Foto: Georg J. Lopata
Der Verband hat sich deshalb Anfang November an das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium gewandt. Hartmann und seine Kollegen fordern von Ulla Schmidt, den EBM-Beschluss zu beanstanden. Erste Signale aus der Politik deuten Hartmann zufolge nun zwar darauf hin, dass man die Kritik nachvollziehen kann. „Aber am EBM-Kompromiss will niemand mehr rütteln“, räumt er ein.
Diabetologen sind sauer
Jetzt müsse man innerhalb des Systems versuchen, etwas zu ändern. „Es ist vorstellbar, dass wir uns aus dem Beratenden Fachausschuss zurückziehen. Der ist dann nicht mehr arbeitsfähig“, droht Hartmann. Außerdem will er künftig Einzelverträge mit den Krankenkassen nicht mehr über die KVen oder ihre Consult-Töchter abwickeln.
Das alles ist noch nicht verkündet, als die erste EBM-Informationsveranstaltung der KV Berlin stattfindet. Doch im großen Hörsaal der Technischen Universität zeigt sich, dass die Kinderärzte nicht die Einzigen sind, die etwas auszusetzen haben. Ein Arzt aus einer diabetologischen Schwerpunktpraxis kritisiert, dass er und seine Kollegen künftig weniger Geld bekommen sollen, wenn ein Hausarzt Patienten zu ihnen überweise. Den Diabetologen stünde dann nur noch die halbe Versichertenpauschale zu. Die Qualität ihrer Arbeit werde so nicht gewürdigt, kritisiert der Arzt. Und es sei doch „pervers“, wenn man seine Diabetiker-Patienten in Zukunft zum Facharzt schicken müsse, damit der sie in die Schwerpunktpraxis überweise. Dann nämlich dürfe der Diabetologe die volle Versichertenpauschale abrechnen.
Köhler verweist darauf, dass dies einer der vielen Punkte war, an denen KBV und Kassen unterschiedlicher Meinung waren. Für die Kassen ist die Versorgung in einer Schwerpunktpraxis Teil der hausärztlichen Behandlung. Deswegen soll nur ein Teil der Pauschale gezahlt werden.
Die circa 750 hausärztlich tätigen Diabetologen befürchten von 2008 an finanzielle Einbußen. Die Praxen könnten dann nur noch etwa ein Drittel ihrer Punktzahl abrechnen, die derzeit je nach Region zwischen 1 200 und 1 600 Punkte beträgt. „Damit können wir das, was wir leisten müssen, nicht mehr vorhalten“, stellt die Vorsitzende des Bundesverbands niedergelassener Diabetologen, Dr. med. Eva-Maria Fach, fest. Ihr Vorstandskollege Dr. med. Hans-Martin Reuter prognostiziert das Ende der diabetologischen Schwerpunktversorgung, wenn es bei der Entscheidung bleibe. Aber: „Wir sind dabei, mit der KBV und den Kassen an einer Lösung zu arbeiten.“ Diese könnte auf einen Qualitätszuschlag hinauslaufen. Für die Diabetologen hätte dies Reuter zufolge neben einer Steigerung der Punktzahl den Vorteil, dass diabetologische Leistungen qualitätsgesichert im EBM untergebracht wären. „Wir sind optimistisch“, betont er.
Wenig Anlass zum Optimismus sieht im Audimax dagegen ein Orthopäde. Der durchschnittliche Leistungsbedarf seiner Fachgruppe in Punkten wird 2008 um gerade 0,15 Prozent angepasst. Warum denn die Kassen ihre Leistungen am liebsten um 50 Prozent eingedampft hätten und die Gesprächsleistungen streichen wollten, fragt er. Köhler weiß keine befriedigende Antwort. „Die Kassen haben Feindbilder, und da gehört der Orthopäde offenbar mit dazu“, versucht er eine Deutung. Ergänzend verweist er darauf, dass 2008 die Kostenstrukturen bei den Orthopäden überprüft würden: „Das lässt hoffen.“
Nach und nach leert sich der Saal. Wieder geht ein Arzt ans Mikrofon. „Ihren Einsatz bei der EBM-Reform in allen Ehren“, sagt er zu Köhler, „aber die Kollegen sind mutlos.“ „Manchmal wünschte ich mir, ich wäre Lokomotivführer und hätte eine starke Gewerkschaft.“ „Sagen Sie das mal den Kassen“, antwortet Köhler. Die seien nicht das einzige Problem, findet ein anderer Arzt. Er sei gespannt, wie mit den „Erbhöfen“ innerhalb der Ärzteschaft umgangen werde, spielt er auf die unterschiedliche Bezahlung gleicher Leistungen in den KVen an. Köhler weicht nicht aus. Sicher werde es von 2009 an wieder Diskussionen um die Verteilung geben. „Aber ich bleibe dabei, dass eine Versorgung überall in Deutschland das gleiche Honorar auslösen muss.“
Heike Korzilius, Sabine Rieser
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