ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Hamburger „Strahlenskandal“: Schlusstrich – nach 14 Jahren

MEDIZINREPORT

Hamburger „Strahlenskandal“: Schlusstrich – nach 14 Jahren

Zylka-Menhorn, Vera

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LNSLNS Der Vorstand des UKE und Prof. Dr. Dr. med. Klaus-Henning Hübener haben eine Vereinbarung getroffen, mit der das laufende Disziplinarverfahren gegen den langjährigen Leiter der Strahlentherapie beendet wurde. Chronologie eines Debakels

Der Vorstand des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und Prof. Dr. Dr. med. Klaus-Henning Hübener haben vergangene Woche eine Vereinbarung unterzeichnet, mit der das seit 1993 laufende Disziplinarverfahren gegen den ehemaligen Leiter der Strahlentherapie am UKE nunmehr ein Ende findet. In der Übereinkunft verpflichtet sich Hübener, fortan nicht mehr als Arzt tätig zu sein. Auch in seiner Tätigkeit als Hochschullehrer wird der Mediziner nicht ans UKE zurückkehren. Zudem wird Hübener auf alle Entschädigungsforderungen gegenüber dem Klinikum verzichten.
Rückblick: Im Juni 1993 berichtete die „Hamburger Morgenpost“, dass zahlreiche Patienten mit fortgeschrittenem Rektumkarzinom, die zwischen 1986 und 1990 an der UKE bestrahlt worden waren, schwerste radiogene Komplikationen erlitten haben sollen. Die Betroffenen waren nach dem „Sandwich-Verfahren“ behandelt worden, welches eine Bestrahlung sowohl vor als auch nach dem chirurgischen Eingriff vorsah (DÄ, Heft 37/ 1993). Hübener wurde aufgrund der Vorwürfe vom Dienst suspendiert.
Bundesgerichtshof 2006: Strafrechtlich freigesprochen
Den Ereignissen folgte eine außergewöhnliche Medienkampagne, die als „Hamburger Strahlenskandal“ bundesweit Aufsehen erregte – auch in Fachkreisen. Denn in den 70er- und 80er-Jahren war man von einer „Standardtherapie“ des fortgeschrittenen Rektumkarzinoms weit entfernt. Vielmehr gab es eine Fülle unterschiedlicher – teilweise sich widersprechender – Therapieansätze. In der Fachdiskussion standen damals Fragen nach der „optimalen“ Strahlendosis pro Fraktion, der Gesamtbehandlungszeit und der Splitcourse-Technik.
Ursprünglich forderten 326 Patienten Schadensersatz. Unzählige Gutachter wälzten Berge von Akten, sodass sich die eingeleiteten Untersuchungen auf behördlicher und gerichtlicher Ebene hinschleppten. In den Folgejahren wurden mehr als 200 strafrechtliche Ermittlungsverfahren gegen Hübener geführt, die zugunsten des Angeklagten entschieden worden sind. Am 16. August 1999 (also sechs Jahre nach Beginn) waren alle Ermittlungsverfahren rechtskräftig eingestellt worden.
Nur in einem Fall kam es zur Anklage mit dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung einer Darmkrebspatientin, die 1988 bestrahlt worden und 1999 gestorben war. Am 7. Dezember 2005 sprach das Hamburger Landgericht den Radioonkologen frei (Urteil: 606 KLs 21/03). Ein Jahr später (13. Dezember 2006) bestätigte der Bundesgerichtshof das Urteil (5 StR 211/06).
Beide Gerichte waren zu dem Ergebnis gekommen, dass die am UKE praktizierte Sandwich-Methode „eine nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft im Jahre 1988 vertretbare Heilmethode war, die den Regeln der ärztlichen Kunst entsprach“. Man sprach auch von einem vertretbaren Versuch in einer Zeit „wissenschaftlicher Orientierungslosigkeit“. Die strafrechtliche Aufarbeitung des „Strahlenskandals“ war damit zwar zu Ende, doch der Streit unter den Beteiligten ging unvermindert weiter.
Hübeners Anwälte forderten aufgrund des Freispruchs, die seit mehr als 13 Jahren dauernde Suspendierung des Mediziners von seinem Amt als Ärztlicher Direktor der UKE-Strahlentherapie aufzuheben. Prof. Dr. med. Jörg Debatin wies als Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKE Hübeners Ansprüche im Dezember 2006 jedoch entschieden zurück. Der Vorstand berief sich darauf, dass das Strafgericht lediglich einen „Einzelfall“ verhandelt habe. Durch zivilrechtliche Entscheidungen sei das UKE aber im Fall von 128 anderen geschädigten Patienten dazu verpflichtet worden, Entschädigungen in Höhe von insgesamt 22 Millionen Euro zu zahlen. Und so ließ das UKE ein Disziplinarverfahren gegen Hübener, das während des laufenden Strafverfahrens geruht hatte, wieder aufnehmen.
Debatin hatte immer wieder betont, dass er die Rückkehr des Strahlentherapeuten an das Klinikum verhindern wolle, auch wenn der Arzt strafrechtlich freigesprochen worden sei. Für den Ärztlichen Direktor des UKE bleibt die Behandlungsmethode, auch auf der Basis von Gutachten, nicht akzeptabel. Die jetzt getroffene Einigung zwischen dem UKE und Hübener sei auch notwendig, um eine Neubesetzung der Chefarztposition zu ermöglichen, die wegen der Verfahren vakant war.
„Für Herrn Hübener ist das ein bitteres Endergebnis“, kommentiert sein Rechtsanwalt, Wolf Römmig (Hamburg), gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt die Übereinkunft: „Nach der Bestätigung des freisprechenden Urteils des Bundesgerichtshofs vom 13. Dezember 2006 hatten wir dem Disziplinarverfahren gelassen entgegengesehen. Dennoch haben wir unserem Mandanten nun zu dieser Einigung geraten, damit er nach Jahren der Belastung zur Ruhe kommt. Irgendwann sind für jeden die Grenzen erreicht.“ Aus Altersgründen habe Hübener – er wird im Frühjahr 65 Jahre alt – zudem keine Absicht mehr zu praktizieren.
Für Debatin hingegen ist es gelungen, „ein schwieriges Kapitel in der Geschichte des UKE zu einem konstruktiven Ende zu bringen“. Und: Man werde den Verpflichtungen den geschädigten Patienten gegenüber auch weiterhin nachkommen. Das Klinikum habe mittlerweile rund 25 Millionen Euro Entschädigungen gezahlt. Für 40 Fälle stehe eine Regelung noch aus. Zudem habe Hübeners Versicherung rund 1,5 Millionen Euro an das UKE zurückgezahlt.
Nicht nur für Außenstehende, sondern auch für geschädigte Patienten und den beschuldigten Arzt ist es nahezu unvorstellbar, dass die juristische und disziplinarische Klärung des Sachverhalts mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch genommen hat. Wie konnte es dazu kommen?
Das Disziplinarverfahren und die damit verbundene vorläufige Suspendierung konnten so lange ausgesetzt werden, wie strafrechtliche Ermittlungen anhängig waren. Zudem verhinderte Hübeners Beamtenstatus, dass er zwischenzeitlich als Arzt tätig sein konnte; die Weiterzahlung des Grundgehaltes und die Pflicht zur Loyalität gegenüber dem Dienstherren ließen ihm – im Gegensatz zur fristlosen Kündigung eines angestellten Arztes in dieser Position – keinen Weg offen, das Recht auf Arbeit als Arzt oder aber die Entlassung ohne Schuldeingeständnis in angemessener Zeit durchzusetzen.
Ende Januar 2007 reichte der Vorstand des UKE eine umfassende Disziplinarklage gegen Hübener ein, in der anhand von etwa 40 Behandlungsfällen der Antrag auf Aberkennung des Beamtenstatus und der Versorgungsbezüge beantragt wurde. Die zuständige Kammer deutete daraufhin an, dass sie für jeden vorgelegten Einzelfall neue medizinische Gutachten in Auftrag geben müsse. Dies hätte eine Verfahrensdauer von weiteren zehn bis 15 Jahren zur Folge gehabt. „Da ein solcher Instanzenweg zwar vom UKE in Kauf genommen – und bezahlt – worden wäre, von uns indes weder gewünscht war noch hätte finanziell durchgestanden werden können, haben wir die Disziplinarkammer gebeten, einen Erörterungstermin anzuberaumen, um die Sach- und Rechtslage auszuloten“, so Hübener gegenüber dem DÄ.
Technische Fortschritte und höhere Qualitätsstandards
So belastend die Ereignisse am Hamburger UKE für alle Beteiligten gewesen sein mögen, sie haben letztlich auch einen positiven Effekt gehabt, von dem das Fachgebiet und die Patienten heute profitieren. Im vergangenen Zeitraum ist die Strahlentherapie deutlichen Veränderungen unterzogen worden – gekennzeichnet durch technische Fortschritte und verbesserte Qualitätsstandards, wie die nachfolgenden Beispiele zeigen:
- Durch die Einführung der drei-dimensionalen Bestrahlungsplanung, bei der Tumoren mit umliegenden Organen in Schnittbildern dargestellt werden und die Strahlendosis individuell jeweiligen Erfordernissen angepasst wird, erreicht man eine bessere Zielgenauigkeit; gesundes Gewebe wird eher geschont.
- Enorme technische Fortschritte wurden bei der Weiterentwicklung moderner Linearbeschleuniger erzielt, die heute eine millimetergenaue Einstellung der berechneten Bestrahlungsfelder ermöglichen.
- Eine wesentliche Verbesserung stellt die intensitätsmodulierte Strahlentherapie dar, bei der sich die Konturen des Bestrahlungsfeldes während der laufenden Strahlentherapie in berechneter Weise verändern. Dies geschieht, indem sich schmale Bleilamellen im Strahlerkopf vor und zurück bewegen und so verschiedene Formungen des Bestrahlungsfeldes hervorrufen. Damit soll eine noch präzisere Anpassung des Bestrahlungsvolumens an die individuelle Form des Tumorgebiets erreicht werden, was ebenfalls zur Schonung von Normalgewebe beiträgt.
- Die Deutsche Gesellschaft für medizinische Physik hat eine Fülle von Richtlinien zur kontinuierlichen Qualitätssicherung entwickelt. So wird jedes Bestrahlungsgerät täglich einem Check unterzogen, bei dem eine Fülle definierter technischer Parameter nachgemessen wird. Außerdem wird jeder Bestrahlungsvorgang minutiös dokumentiert. So können eventuelle Berechnungsfehler jederzeit nachvollzogen werden.
- Außerdem verfügen moderne Beschleuniger über eine Reihe von „Sicherheitsbremsen“: Stimmen die Daten von Planung und Geräteeinstellung nicht überein, wird die Bestrahlung nicht von den Geräten freigegeben. So wird das Risiko von „Fehlbestrahlungen“ auf ein Minimum reduziert.
- Einen wichtigen Schritt stellte die Gründung einer eigenen Fachgesellschaft dar (Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie/DEGRO), die sich 1995 von der „Muttergesellschaft“ der Radiologen löste und sich seitdem ausschließlich den Belangen der Strahlentherapie widmet.
- So hat die DEGRO – in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit anderen Fachgesellschaften – für die meisten Karzinome inzwischen Leitlinien erstellt, die Angaben zur Strahlendosis und zur Behandlungstechnik enthalten.
- Einen weiteren Beitrag zur
Sicherung der Behandlungsqualität stellt die Ausarbeitung von und die Teilnahme an medizinischen Studien dar.
- Da Strahlenfolgen mitunter noch nach Jahren auftreten, sollte jeder Patient mindestens einmal jährlich von einem Strahlentherapeuten nachuntersucht werden. Nur so ist es möglich, langfristige Aussagen über die Qualität eines Behandlungsverfahrens zu treffen und dieses – wenn nötig – entsprechend zu verändern. Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Foto:KEYSTONE
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Hamburger „Strahelnskandal“
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