ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Gesundheitssysteme im Vergleich: Weiterschauen im Schatten des Big Ben

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Gesundheitssysteme im Vergleich: Weiterschauen im Schatten des Big Ben

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3242 / B-2853 / C-2752

Rühmkorf, Daniel

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Die Delegation des Gesundheitsausschusses (v.l.n.r.): Thomas von Winter (Ausschusssekretariat), Daniel Bahr (FDP), Birgitt Bender (Bündnis 90/ Die Grünen), Andreas Brandhorst (Referent Bündnis 90/Die Grünen), Christian Kleiminger (SPD), Jens Spahn (CDU), Peter Friedrich (SPD), Silke Baumann (Referentin SPD) – es fehlen Hubert Hüppe (CDU) und Daniel Rühmkorf (Referent Die Linke). Fotos: Daniel Rühmkorf
Die Delegation des Gesundheitsausschusses (v.l.n.r.): Thomas von Winter (Ausschusssekretariat), Daniel Bahr (FDP), Birgitt Bender (Bündnis 90/ Die Grünen), Andreas Brandhorst (Referent Bündnis 90/Die Grünen), Christian Kleiminger (SPD), Jens Spahn (CDU), Peter Friedrich (SPD), Silke Baumann (Referentin SPD) – es fehlen Hubert Hüppe (CDU) und Daniel Rühmkorf (Referent Die Linke).
Fotos: Daniel Rühmkorf
Der Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages auf Informationsreise in London

Im Sommer reiste eine Delegation des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestags in das Vereinigte Königreich. Der Delegationsleiter der Ausschussreise und Obmann der CDU/CSU-Fraktion im Gesundheitsausschuss, Jens Spahn: „Reisen bildet – das gilt insbesondere im Gesundheitswesen. Es gibt immer viel, das wir von anderen Ländern lernen können. So war es Ziel der Reise, unter anderem die Arbeit des National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) kennenzulernen und uns vor Ort Vor- und Nachteile von Apothekenketten anzuschauen. Das sind hochaktuelle Debatten in Deutschland.“
Nach jahrelanger Kritik am öffentlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) habe es in den letzten Jahren große Reformbemühungen gegeben, um die Defizite in der Versorgung zu beheben, erläuterte Chris Heffer, Leiter der Arbeitsgruppe „Health Insight“ im britischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Durch monatelange Wartezeiten, unhygienische und inakzeptable bauliche Zustände in den Kliniken, abgewiesene Patienten in unterfinanzierten Notfallstationen und rationierte Gesundheitsleistungen war der NHS in Verruf geraten. Um diese Situation zu ändern, wurden die Gesundheitsausgaben innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Dieser Schritt sei notwendig gewesen, wie die Investitionskosten in Höhe von umgerechnet rund 300 Milliarden Euro belegten, räumte Heffer ein. Es bleibe noch viel zu tun, um das britische Gesundheitssystem zu modernisieren.
Abbau der Wartelisten
Trotz aller Kritik stünden die Briten zu ihrem Gesundheitssystem, ist Heffer überzeugt. Der freie Zugang zum Arzt sei ihnen dabei „heilig“. Eines der letzten großen Projekte des ehemaligen Premierministers Tony Blair war der Abbau der Wartelisten. Teilweise 18 Monate mussten Patienten darauf warten, ein künstliches Hüftgelenk zu erhalten. Unter Blairs Regie wurde festgeschrieben, dass alle Eingriffe innerhalb eines halben Jahres nach Diagnosestellung erfolgen müssen. Gelingt dies nicht, haben Patienten die Möglichkeit, sich auf Kosten des NHS in einer Privatklinik oder im Ausland versorgen zu lassen.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass der NHS für eine einheitliche Versorgung steht. Aber, so Heffer, die einzelnen Regionalparlamente haben es in der Hand, Abweichungen von der nationalen Linie vorzunehmen. Aufgrund der unterschiedlichen Regelungen in England, Schottland, Nordirland und Wales haben zum einen diese vier Länder unterschiedliche Leistungsspektren. So brauchen etwa die Schotten keine Zuzahlungen für Medikamente, Krankentransporte oder Pflegeleistungen zu entrichten, während England, Wales und Nordirland die Patienten zur Kasse bitten. Und sogar innerhalb der Länder bestehen Unterschiede, weil kommunale Primary Care Trusts (PCT) selbst darüber befinden, wie sie die vorhandenen Mittel verteilen. Selbst über die Annahme von Richtlinien des NICE entscheiden die PCT. Das führt zu einer Art „Postleitzahlenlotterie“, weil abhängig vom Wohnort eine Leistung einmal vom NHS erstattet wird, im Nachbarort dafür nicht.
Zu Besuch in einer Filiale der Lloydspharmacy
Zu Besuch in einer Filiale der Lloydspharmacy
Das 1999 gegründete NICE
ist verantwortlich dafür, nationale Leitlinien zur Gesund­heits­förder­ung, zur Prävention und zur Krankheitsbehandlung zu entwickeln. Die Aufträge dazu erteilt das Ge­sund­heits­mi­nis­terium, auch wenn es prinzipiell jedem freigestellt ist, Themenvorschläge zu unterbreiten.
Louise Fish, Communications Director am NICE, erläutert die Grundlage der breiten Akzeptanz: „Für die Kosten-Nutzen-Bewertung brauchen wir die Unterstützung aller Beteiligten; dabei setzt das NICE auf konsequente Patientenbeteiligung.“ Denn ohne die Mitsprache der Patienten seien manche Beschlüsse nicht umzusetzen. So werden in Großbritannien Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, knappe Ressourcen zu verteilen. Von den Patienten wird dabei erwartet, dass sie zum Therapieerfolg beitragen. Eine neue Hüfte erhält beispielsweise nur, wer nicht mehr als 20 Prozent Übergewicht aufweist. Vor der OP kommt also in vielen Fällen erst einmal eine Abmagerungskur.
Vorteile der Apothekenketten
Pete Dunlevy, Community Pharmacy Policy Manager im Ge­sund­heits­mi­nis­terium, erläutert der Delegation die grundlegende Ausrichtung der Reform des öffentlichen Sektors im Vereinigten Königreich: Im Schnitt versorgt eine Apotheke etwa 5 000 Menschen. Durch ein staatliches Lizenzierungssystem wird die Zahl der Apotheken begrenzt. Über die Vergabe einer Lizenz entscheiden die Primary Care Trusts, die von den Regionalparlamenten eingesetzt werden. Seit einigen Jahren kann zwar überall eine neue Apotheke eröffnet werden, aber ohne die Zulassung für den NHS wären sie nicht überlebensfähig. Denn ähnlich wie in Deutschland wird der Großteil des Umsatzes durch verschreibungspflichtige Medikamente erzielt (80 Prozent). Die begehrte Neulizenz und damit die Erlaubnis zur Abgabe von verschreibungspflichtigen und erstattungsfähigen Medikamenten erhält, wer die geplante Apotheke in einem Neubaugebiet oder einer Einkaufspassage baut und besonders lange Öffnungszeiten anbietet. Aber die neuen Freiheiten führen zu neuen Verwerfungen. Denn während sich in den größeren Städten die Apotheken vermehren, müssen jetzt, so Dunlevy, mit finanziellen Anreizen die ländlichen Lücken geschlossen werden.
Für die breitflächige Versorgung der Bevölkerung stehen die sogenannten Community Pharmacies (Gemeindeapotheken) zur Verfügung. In diesen etwa 10 600 Gemeindeapotheken in England und Wales arbeiten 23 000 Apotheker. Dunlevy sieht in den Gemeindeapotheken den Schlüssel für eine wohnortnahe Versorgung. Sie erhalten für die pharmazeutischen Beratungstätigkeiten eine Jahrespauschale von 20 000 britischen Pfund vom NHS.
Mit der Abschaffung der Fixpreise für nicht verschreibungsfähige Medikamente kam der Wettbewerb zwischen den Apotheken in Gang. Vor allem die Apothekenketten haben davon profitiert. So werden 57 Prozent der Apotheken von Ketten betrieben, fast doppelt so viele wie 1990. Die gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen, Birgitt Bender, ist von den Vorteilen der Apothekenketten überzeugt: „Diese Struktur von im Wettbewerb stehenden inhabergeführten Apotheken und Apothekenketten führt zu Effizienzgewinnen und zur Erhöhung der Dienstleistungsqualität zugunsten des steuerfinanzierten Gesundheitswesens. Allerdings ist die Begrenzung des Marktzugangs ein Bruch im Wettbewerbskonzept und wäre mit deutschem Recht nicht vereinbar.“
Die sonst häufig in heftige Wortgefechte verstrickten Abgeordneten können auf einer solchen Reise problemlos eine Gruppe bilden, gemeinsam Eindrücke sammeln, diskutieren und in der knappen freien Zeit zusammen durch die Stadt streifen und essen gehen. Trotzdem: Die Bewertung der Abgeordneten könnte nicht unterschiedlicher sein. Birgitt Bender sieht viele Parallelen: „Der staatlich gesteuerte NHS in Großbritannien und die selbst verwaltete GKV in Deutschland liegen näher beieinander, als man so denkt. Die Probleme und die Aufgabenstellungen sind in beiden Systemen ganz ähnlich: Mehr Integration, mehr Patientenorientierung, mehr Wettbewerb. Etwas ,Systemwettbewerb‘ kann hier bestimmt nicht schaden.“
Unterschiedliche Urteile
Einer solchen Annäherung kann der gesundheitspolitische Sprecher der FDP, Daniel Bahr, nichts Gutes abgewinnen: „Der NHS ist Sinnbild für ein staatliches und zentralistisches Gesundheitssystem. Mangelverwaltung und Wartelisten sind die Folge. Ein Wettbewerb um bessere Lösungen findet gar nicht statt und fehlt vollständig.“ Peter Friedrich (SPD) kommt zu anderen Schlüssen: „An vielen Stellen ist der NHS sehr viel besser aufeinander abgestimmt als unser Gesundheitssystem. Insbesondere das verpflichtende Hausarztprinzip als erste und zentrale Anlaufstelle ist sehr gut und wird von den Bürgern auch hoch geschätzt. Mein Gesamteindruck ist, dass ein steuerfinanziertes System durchaus leistungsfähig sein kann.“
Der Abgeordnete Spahn scheint dagegen froh zu sein, wieder in der Heimat zu sein: „Bei Reisen ins Ausland gibt es immer sehr viel, das mich in meiner Überzeugung bestätigt, dass wir in Deutschland eines der besten Gesundheitswesen der Welt haben. Der englische steuerfinanzierte NHS jedenfalls macht trotz aller Reformbemühungen der letzten Jahre deutlich, dass ein zentral gelenktes Gesundheitssystem nicht effizient arbeiten kann.“
Daniel Rühmkorf, Referent bei der Fraktion Die Linke
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