ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Intraoperative Prozesszeiten im prospektiven multizentrischen Vergleich

MEDIZIN: Originalarbeit

Intraoperative Prozesszeiten im prospektiven multizentrischen Vergleich

Benchmarking of Intra-Operative Process Times in a Prospective Multi-centre Comparison

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3252 / B-2862 / C-2762

Bauer, Martin; Hanss, Robert; Römer, Thomas; Rösler, Laelia; Linnemann, Katrin; Hedderich, Jürgen; Scholz, Jens

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LNSLNS Zusammenfassung
Einleitung: Verlängerte intraoperative Prozesszeiten können aufgrund vermehrter Personalbindung im DRG-System (DRG, „diagnosis related group“) zu finanziellen Verlusten führen. Methoden: Am Beispiel der elektiven laparoskopischen Cholezystektomie wurden die intraoperativen Prozesszeiten in 10 Krankenhäusern < 15 000 Fälle/Jahr (Gruppe 1) mit denen in 10 Krankenhäusern > 15 000 Fälle/Jahr (Gruppe 2) verglichen. Zusätzlich wurden die Fallschwere und die Weiterbildungsaktivität evaluiert. Ergebnisse: Beide Gruppen unterschieden sich nicht in der anästhesiologischen und operativen Fallschwere. Die globale Kennzahl „Falldauer“ („Beginn Anästhesiearzt-Präsenz“ bis „Ende Anästhesiearzt-Präsenz“), die chirurgisch determinierten Kennzahlen „perioperative Zeit“ beziehungsweise „Schnitt-Naht-Zeit“ sowie die anästhesiologisch determinierten Kennzahlen „anästhesiologischer Vorlauf“ und „anästhesiologischer Nachlauf“ waren in Gruppe 2 im Vergleich zu Gruppe 1 lokal signifikant (ohne Korrektur für multiples Testen) verlängert. Die beteiligten Anästhesisten und Operateure waren in Gruppe 1 lokal signifikant erfahrener als in Gruppe 2. Diskussion: In Krankenhäusern > 15 000 Fälle/Jahr ist die Dauer intraoperativer Prozessabläufe verlängert, dies könnte an mehr Weiterbildungen liegen. Der hieraus resultierende Mehraufwand an Personalkosten wird im DRG-System nicht berücksichtigt und führt zur Benachteiligung von Großkliniken mit hoher Weiterbildungsaktivität.
Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A 3252–8
Schlüsselwörter: Versorgungsforschung, stationäre
Versorgung, chirurgische Therapie, Weiterbildung, Benchmarking

Summary
Benchmarking of Intra-Operative Process Times in a Prospective Multi-centre Comparison
Introduction: Suboptimal intra-operative process times can lead to unnecessary binding of human resources resulting in higher costs than refunded by the system of diagnosis related groups (DRG). Methods: Process times for laparoscopic cholecystectomies in 10 hospitals with fewer than 15,000 cases per year (group 1) were compared to 10 hospitals with more than 15,000 cases per year (group 2). Parameters relating to case mix and level of education activity were evaluated. Results: No differences were found between the 2 groups in respect of anaesthetic and surgical case mix. The overall “case length,” defined as the time during which the anaesthesiologist was present, was significantly greater in group 2 than in group 1, as were the surgical parameters “perioperative time” and „surgical case length“ and the anaesthesiological parameters“ anaesthesia preparation time” and “anaesthesia follow-up time.” Group 1 contained significantly more experienced anaesthesiologists and surgeons. Discussion: Hospitals with more than 15000 cases per year show prolonged intra-operative process times, which might be caused by education. Thus, bigger hospitals with a high contribution to education have a significant financial disadvantage which will not be reimbursed by the DRG system.
Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A 3252–8
Key words: health care research, in-hospital care, surgery, education, benchmarking

Die Kosten eines Behandlungsfalls werden im für Deutschland gültigen DRG-Entgeltsystem pauschaliert erstattet. Die Gewinnschwelle kann nur erreicht werden, wenn das Krankenhaus in seiner Kostenstruktur gleichauf oder unterhalb der Erlöspauschale liegt.
Die wesentlichen Kostenkomponenten eines operativen Behandlungsfalls stellen die intraoperative Versorgung und, falls es notwendig ist, die intensivmedizinische Betreuung dar (1). Der wesentliche Kostenfaktor in der intraoperativen Phase ist die Eingriffsdauer (2): Je länger die Operation dauert, desto höhere Personalbindungszeiten respektive höhere Personalkosten sind zu erwarten (3, 4, 5). Dies erschwert das Erreichen der Gewinnschwelle (6, 7, 8). Benchmark-Daten über eingriffsbezogene Prozesszeiten sind für Deutschland nur unzureichend verfügbar.
Methoden
In einem multizentrischen Vergleich wurden Krankenhäuser < 15 000 Fälle/Jahr (Gruppe 1) hinsichtlich Eingriffsdauer und Weiterbildungsaktivität mit Krankenhäusern > 15 000 Fälle/Jahr (Gruppe 2) gegenübergestellt. Die Auswahl der Zentren in Gruppe 2 erfolgte randomisiert aus einer Liste der deutschen Universitätskliniken. Nach Einverständnis einer Klinik der Gruppe 2 wurde aus einem Verzeichnis aller deutschen Krankenhäuser ein benachbartes Krankenhaus evaluiert, in dem weniger als 15 000 Fälle jährlich behandelt wurden. Eine Liste der teilnehmenden Zentren kann über den korrespondierenden Autor bezogen werden.
Die Fallzahlplanung (Power: 80 %, Alpha-Fehler: 0,05, primärer Endpunkt: Unterschied in den Gruppen hinsichtlich „Falldauer“, Standardabweichung: 60 min, relevantes Delta: 30 min) ergab eine Mindestgröße je Gruppe von n = 63. In jede Gruppe wurden 10 Zentren eingeschlossen, die mindestens 10, maximal 15 aufeinanderfolgende Fälle dokumentierten. Als sekundäre Endpunkte wurden weitere Kennzahlen sowie die Weiterbildungsaktivität definiert. Die Kennzahlen wurden wie folgt definiert:
- Falldauer: Zeitintervall von Zeitpunkt „Beginn Anästhesiearzt-Präsenz“ bis „Ende Anästhesiearzt-Präsenz“
- anästhesiologischer Vorlauf: Zeitintervall von Zeitpunkt „Beginn Anästhesiearzt-Präsenz“ bis „Freigabe Anästhesie“
- perioperative Zeit: Zeitintervall von Zeitpunkt „Freigabe Anästhesie“ bis „Ende chirurgischer Maßnahmen“
- Schnitt-Naht-Zeit: Beginn des ersten Hautschnitts bis Ende der letzten Naht
- anästhesiologischer Nachlauf: Zeitintervall von Zeitpunkt „Ende chirurgische Maßnahmen“ bis „Ende Anästhesiearzt-Präsenz“.
Das Weiterbildungsniveau der Anästhesisten wurde über einen Summenwert erhoben, der sich aus der anästhesiologischen Besetzung bei Anästhesie-Einleitung sowie Anästhesie-Ausleitung ergab. Zur Wahl standen jeweils die Antwortalternativen Assistent in Weiterbildung (1 Punkt), Facharzt (2 Punkte) beziehungsweise Assistent in Weiterbildung mit Facharzt (2 Punkte). Das Weiterbildungsniveau des ersten Operateurs wurde eingeteilt nach Assistent in Weiterbildung beziehungsweise junger Facharzt und erfahrener Facharzt beziehungsweise Oberarzt. Als erfahren galt ein Facharzt nach > 3 Jahren Facharzttätigkeit.
Als Beispielfall wurde die elektive laparoskopische Cholezystektomie (OPS-Prozedur 5–511.1 [OPS, Operationen- und Prozeduren-Schlüssel]: Cholezystektomie, einfach, laparoskopisch) aufgrund von Cholezystitis bei Cholezystolithiasis (DRG: H 08 B) gewählt. Zur Ermittlung der anästhesiologischen Fallschwere wurde die „ASA-Klassifizierung“ (ASA, American Society of Anesthesiologists) verwandt. Zur Sicherstellung einer vergleichbaren chirurgischen Fallschwere wurden ausschließlich Fälle in die Auswertung übernommen, die bei Fallabschluss in die DRG H 08, Schweregrad B, eingruppiert waren. Die Datenerhebung erfolgte in dem 6-monatigen Erfassungszeitraum Juli bis Dezember 2005. Der Erhebungsbogen für die Prozesszeiten ist in Tabelle 1 abgebildet. Ein Ethikvotum für die vorliegende Datenerhebung war nach Einschätzung der Ethikkommission der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel nicht erforderlich.
Ergebnisse Datenrücklauf
Aus den 20 beteiligten Zentren wurde für insgesamt 212 Eingriffe ein ausgefüllter Erhebungsbogen zurückgesandt, davon 104 Bögen aus Gruppe 1 und 108 Bögen aus Gruppe 2. Jedes Zentrum dokumentierte mindestens 10 Eingriffe, maximal wurden 14 Fälle pro Zentrum rückgemeldet. In die Studie eingeschlossen wurden 180 Datensätze, davon 98 aus Gruppe 1 und 82 aus Gruppe 2. Aufgrund unvollständiger Dokumentation wurden in 2 Datensätzen in Gruppe 1 und in 5 Datensätzen in Gruppe 2 ausgeschlossen (kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen; p = 0,25; Fisher’s exact test). Aufgrund einer nachträglichen Änderung in der DRG-Erlösgruppierung wurden 4 Datensätze in Gruppe 1 und 21 Datensätze in Gruppe 2 ausgeschlossen (lokal signifikant; p = 0,0008, Fisher’s exact test; der Begriff „lokal signifikant“ wird verwendet, weil keine Korrektur für multiples Testen vorgenommen wurde). Die minimale Fallzahl auswertbarer Erhebungsbögen pro Zentrum betrug 7, die maximale Fallzahl 12 Datensätze.

Fallschwere
Aus Gruppe 1 entfielen 76 Fälle auf ASA I (n = 11) und ASA II (n = 65) sowie 22 Fälle auf ASA III. Aus Gruppe 2 entfielen 66 Fälle auf ASA I (n = 21) und ASA II (n = 45), außerdem 16 Fälle auf ASA III. Der Vergleich von ASA I/II versus ASA III zeigte keinen signifikanten Unterschied zwischen den Gruppen (p = 0,715; Fisher’s exact test). Alle in die Auswertung eingeschlossenen Eingriffe waren bei Fallabschluss in die aufwandsgleiche DRG H 08, Erlösstufe B, gruppiert.

Kennzahlen
Tabelle 2 zeigt die intraoperativen Prozesszeiten für die 5 untersuchten Kennzahlen. Für die Kennzahlen „perioperative Zeit“ (Grafik 1) und „anästhesiologischer Nachlauf“ (Grafik 2) sind in einer Subgruppenanalyse exemplarisch die mittleren Prozesszeiten der einzelnen Zentren nach Minuten (Medianwert sowie 25. und 75. Perzentile) in aufsteigender Rangliste sowie die Medianwerte der Gruppen dargestellt. Aufgetretene Prozessstörungen durch Wartezeiten waren nicht signifikant unterschiedlich (Gruppe 1: n = 9, Gruppe 2: n = 14; p = 0,12; Fisher’s exact test).

Weiterbildungsniveau
Bezüglich des Weiterbildungsstands der Anästhesisten ergab sich in Gruppe 1 in 33 Fällen ein Punktsummenwert von 2, in Gruppe 2 in 43 Fällen. Ein
Punktsummenwert von 3 wurde für Gruppe 1 in 3
Fällen verzeichnet, in Gruppe 2 in 7 Fällen. Ein Punktsummenwert von 4 wurde für Gruppe 1 in 56 Fällen, in Gruppe 2 in 25 Fällen festgestellt. Wie Grafik 3 darstellt, lag in Gruppe 1 ein lokal signifikant höheres Weiterbildungsniveau vor als in Gruppe 2 (p = 0,0006).
Bezüglich des Weiterbildungsstands der Operateure wurde in Gruppe 1 in 33 Fällen 1 Punkt (Assistent in Weiterbildung/junger Facharzt) erreicht, in Gruppe 2 in 45 Fällen. 2 Punkte (erfahrener Facharzt/ Oberarzt) lagen in Gruppe 1 in 64 Fällen, in Gruppe 2 in 35 Fällen vor. Wie Grafik 4 zeigt, lag in Gruppe 1 ein lokal signifikant höheres Weiterbildungsniveau vor als in Gruppe 2 (p = 0,004).
Diskussion Relevanz der Thematik
Im deutschen DRG-System erfolgt die Erlöszuteilung nach Kostengewichten, diese kalkuliert das Institut für Entgeltsysteme in der Medizin (InEK) aus den Fallkosten einer repräsentativen Stichprobe deutscher Krankenhäuser (9). Aus der Multiplikation dieser Kostengewichte mit dem bundeslandspezifischen Basisfallwert ergibt sich das fallpauschalierte Entgelt (10). Wenn die Kosten für einen Behandlungsfall den Pauschalbetrag überschreiten, verfehlt das betreffende Krankenhaus die Gewinnschwelle und bietet die erbrachte Leistung defizitär an (11, 12).
Da die intraoperative Phase einen kostenintensiven Bereich innerhalb des stationären Behandlungsprozesses darstellt (1, 4), können überdurchschnittlich lange Prozesszeiten für eine Überschreitung der Erlöspauschale verantwortlich sein (2, 3, 6). Ein Benchmark der eigenen Prozesszeiten mit denen anderer Krankenhäuser beziehungsweise denen der Kalkulationshäuser ist bislang nicht möglich gewesen (13, 14). Die vorliegende Studie präsentiert daher solche Leistungsdaten für einen exemplarisch ausgewählten Eingriff.
Eingriffsart
Der Beispielfall OPS-Prozedur 5–511.1: Cholezystektomie, einfach, laparoskopisch aufgrund von Cholezystitis bei Cholezystolithiasis (DRG: H 08 B) wurde gewählt, weil es sich hierbei um einen in allgemeinchirurgischen Kliniken häufig erbrachten Elektiveingriff handelt. Zudem ist eine Intensivtherapie per DRG-Definition ausgeschlossen, sodass der hier untersuchte intraoperative Prozess als wesentlicher Kostentreiber der Behandlung wirkt. Weiterhin ist die Versorgungsqualität bei Fallabschluss weitestgehend beurteilbar. Dies ermöglicht es, eventuelle Effekte der Prozessdauer auf die Qualität der Behandlung zu evaluieren.

Zentren
Die Untersuchung erfolgte prospektiv multizentrisch. Die Zentren der Gruppe 2 wurden randomisiert nach einer Liste der deutschen Universitätskliniken, die alle > 15 000 Patienten jährlich behandelten, ausgewählt. Krankenhäuser der Gruppe 1 wurden von einer entsprechenden Liste ausgesucht. Durch dieses Vorgehen wurde eine regionale Gleichverteilung in den Gruppen sichergestellt. Als Unterscheidungsmerkmal galt eine Fallzahl von 15 000 Fällen/Jahr. Weiterbildungsaktive Lehrkrankenhäuser, in denen der Anteil der Ärzte in Weiterbildung > 25 % beträgt, überschreiten dieses Leistungsvolumen im Normalfall, wohingegen weniger weiterbildungsaktive Krankenhäuser diese Fallzahl im Normalfall unterschreiten (15, 16). Die Einteilung der Vergleichskollektive nach Krankenhäusern mit großer respektive kleiner Fallzahl wurde als Surrogatparameter zur Beschreibung des Weiterbildungsniveaus verwandt, eine stetige Korrelation der Prozesszeiten in Abhängigkeit von der Krankenhausgröße kann aufgrund der gewählten dichotomen Einteilung allerdings nicht erfolgen. Dies stellt eine Limitation der Studie dar.

Datengenerierung
In jeder Gruppe konnte entsprechend der vorab durchgeführten Fallzahlplanung > 63 Fälle ausgewertet werden (98/82), weil pro Gruppe aus jeweils 10 Zentren mindestens 7 der 10 bis 15 rückgemeldeten Erhebungsbögen hierfür geeignet waren. Gründe für einen Ausschluss von der Auswertung waren unvollständig ausgefüllte Prozesszeiten im Erhebungsbogen oder eine bei DRG-Fallabschluss vorgenommene Änderung der Eingruppierung in eine andere DRG-Erlösgruppierung.
Der Unterschied zwischen den Gruppen hinsichtlich der Dokumentationsqualität war nicht signifikant, eine nachträgliche Änderung der DRG-Eingruppierung aufgrund eines erhöhten Schwierigkeitsgrades des Eingriffes beziehungsweise postoperativ aufgetretener Komorbidität erfolgte in Gruppe 2 lokal signifikant häufiger. Insofern bewirkte das Fallschwerekriterium „Erlösgruppierung“ einerseits eine erhöhte Drop-out-Rate, andererseits wurde so sichergestellt, dass keine Fälle mit medizinisch begründeter verlängerter Prozessdauer eingeschlossen wurden.
Dem Studienleiter nicht bekannte Mitarbeiter der jeweiligen anästhesiologischen Klinik dokumentierten vor Ort die Fälle. Die Daten wurden patientenanonymisiert auf einem standardisierten Erhebungsbogen, der die für die 5 Kennzahlen wesentlichen Zeitpunkte umfasste, notiert. Das Wirken eines Hawthorne-Effekts (Studienteilnehmer ändern ihr natürliches Verhalten aufgrund der Studienteilnahme) kann nicht ausgeschlossen werden. Die potenzielle Wirkung dieses Effektes betrifft beide Gruppen, sodass eine Verzerrung des Gruppenvergleichs wenig wahrscheinlich erscheint. Für jedes Zentrum existierte eine geblindete Zentrumsnummer; die Entblindungsliste war nur dem korrespondierenden Autor als Studienleiter bekannt.

Kennzahlen
Als globaler Parameter fungierte die „Falldauer“. Diese kann unterteilt werden (17, 18) in die anästhesiologisch verantworteten Randzeiten „anästhesiologischer Vorlauf“ und „anästhesiologischer Nachlauf“ sowie die chirurgisch verantwortete „perioperative Zeit“. Letztere setzt sich zusammen aus der Schnitt-Naht-Zeit sowie dem operativen Vor- und Nachlauf. Anhand dieser 5 Kennzahlen ist es möglich, sowohl den gesamten intraoperativen Behandlungsprozess als auch Teilprozesse in ausschließlich anästhesiologischer oder operativer Verantwortung zu beschreiben und so hinsichtlich der Verantwortlichkeiten klare Zuständigkeiten zu definieren (18).

Fallschwere
Für die Durchführung einer Anästhesie stellt die ASA-Klassifikation ein international etabliertes Bewertungssystem dar (19), mit dem das Patientenrisiko für eine Anästhesie angegeben werden kann. Hierbei sind für ASA III versus ASA I und ASA II Auswirkungen auf die anästhesiologische Prozessgestaltung beschrieben, nicht aber für ASA I versus ASA II (2). In beiden untersuchten Gruppen unterschied sich die Verteilung von Patienten mit ASA I/II versus ASA III nicht signifikant.
Zur Beschreibung der Fallschwere einer Operation wurde die Eingruppierung in das deutsche DRG-System gewählt, weil eine besondere Fallschwere aufgrund von Komorbidität beziehungsweise Komplikationen zu einer Höhergruppierung in der Abrechnungs-DRG führen kann (9, 10). Die Autoren haben ausschließlich Datensätze von Fällen ausgewertet, die bei Entlassung in die kostenhomogene und damit aufwandsgleiche DRG H 08, Erlösstufe B (elektive laparoskopische Cholezystektomie bei Cholezystitis mit Cholezystolithiasis ohne Komplikationen und Komorbidität), eingruppiert waren. Deshalb kann davon ausgegangen werden, dass innerhalb der Gruppen die Fallschwere nicht signifikant unterschiedlich war.

Weiterbildungsniveau
Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Qualifikation des medizinischen Personals und Mortalität beziehungsweise Morbidität (7, 15) sowie Prozesszeiten (6, 20) ist in der Literatur belegt. In der vorliegenden Studie hat man das Weiterbildungsniveau der Anästhesisten und Operateure evaluiert. Für die Anästhesie wurde ein Punktsummenwert berechnet, der die Qualifikation des ärztlichen Personals bei Ein- und Ausleitung der Anästhesie berücksichtigt. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, weil in der Anästhesie mitunter Patienten durch einen Facharzt (FA) eingeleitet werden, die Narkose aber durch einen supervidierten Nicht-Facharzt weitergeführt und ausgeleitet wird. Da der supervidierende FA in der Hintergrundfunktion keinen Einfluss auf die Prozesszeit ausübt, wäre eine alleinige Erfassung des Qualifikationsniveaus bei der Einleitung wenig aussagekräftig. Für die Chirurgie unterschied man in Arzt in Weiterbildung/junger Facharzt und erfahrener Facharzt/ Oberarzt. Ein erfahrener Facharzt war nach Definition der Autoren jemand, der diese Qualifikation seit mehr als 3 Jahren aufwies. Diese Unterteilung wurde gewählt, weil in operativen Fachabteilungen, bedingt durch lange Assistenzphasen und anteilige Aufteilung der Leistungsmengen, das Kriterium „FA-Status“ zur Beschreibung von operativer Erfahrung nicht hinreichend erschien.

Prozesszeiten
Der Vergleich der Gruppen ergab für alle 5 Kennzahlen eine lokal signifikante Verlängerung der Prozesszeiten in den Häusern > 15 000 Fälle/Jahr. Eine Korrelation von zentrumsspezifischer Prozesszeit und Fallzahl/Jahr (Grafik 1) bestand nicht, sodass Mengeneffekte auf die Prozesszeiten nicht feststellbar waren. Hinsichtlich aufgetretener Wartezeiten fand man keine signifikanten Unterschiede in den Vergleichsgruppen. Die Inzidenz von erneuten Eingriffen in Gruppe 1 war nicht höher als in Gruppe 2 (p = 0,13; Fisher’s exact test), negative Effekte durch die geringere Prozessdauer waren auf die Qualität der Leistung deshalb nicht nachweisbar.
Der beschriebene Effekt betrifft den Globalparameter „Falldauer“ sowie sowohl die von Anästhesisten als auch von Chirurgen verantworteten Zeitintervalle. Allerdings ist die von Anästhesisten verantwortete Prozessdauer absolut gesehen kürzer als die der Chirurgen. So ist im Vergleich zu Gruppe 1 der „anästhesiologische Vorlauf“ in Gruppe 2 im Mittel um 4 min und der „anästhesiologische Nachlauf“ um 2 min verlängert – die „perioperative Zeit“ hingegen um 39 min.
Die Gründe hierfür sind nicht in infrastrukturellen Besonderheiten zu suchen, denn die „perioperative Zeit“ bleibt von diesem Störfaktor unbeeinflusst
(17, 18). Auch Schweregradeffekte wurden durch das fallbezogene Monitoring der DRG-Eingruppierung kontrolliert, sodass am ehesten Unterschiede im Weiterbildungsniveau für die längeren Prozesszeiten ursächlich erscheinen.
Die detaillierte Darstellung der Einzelergebnisse aller beteiligten Zentren nach Prozessdauer in aufsteigender Reihung ermöglicht einen Benchmark-Vergleich der einzelnen Institutionen. Nach Entblindung der Rangfolge können Informationen bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Leistung gewonnen werden. Weiterhin ermöglicht die Rangliste Aussagen über die Stabilität des Versorgungsprozesses. So fallen Zentren mit schlechtem Abschneiden (hohe Rangplätze) überwiegend durch eine weite Spanne der Prozesszeiten auf, wohingegen Zentren mit guter Prozessqualität (niedrige Rangplätze) regelhaft eine geringe Varianz in den Prozesszeiten aufweisen. In der Diskussion der Ergebnisse mit den teilnehmenden Zentren konnte das Fehlen definierter Standards (21, 22) sowie, speziell für die Kennzahl „anästhesiologischer Nachlauf“, dezentrale Strukturen (18) als verantwortliche Parameter für die große Varianz identifiziert werden.
Fazit
Die Daten der vorliegenden Erhebung zeigen bei vergleichbarer Fallschwere und Behandlungsqualität für Kliniken < 15 000 Fälle/Jahr (Gruppe 1) lokal signifikant kürzere Prozesszeiten respektive geringere Fallkosten als für Kliniken > 15 000 Fälle/Jahr (Gruppe 2). Dieser Effekt scheint am ehesten in einer unterschiedlichen Weiterbildungsaktivität begründet zu sein.
Bei den pauschalierten DRG-Erlösen ergibt sich für Gruppe 1 ein Rationalisierungspotenzial durch kostengünstige Prozessgestaltung aufgrund niedriger Weiterbildungsaktivität, für Gruppe 2 eine über die Erlöspauschale nicht gedeckte finanzielle Mehrbelastung wegen hoher Weiterbildungsaktivität. Weiterhin erscheint für die Anästhesiologie eine Budgetzuteilung über InEK-Kostengewichte wenig geeignet, weil der wesentliche Kostenfaktor „Falldauer“ auch durch von Chirurgen verantwortete Prozesszeiten relevant verlängert sein kann. Für alle Krankenhäuser, die so im Wettbewerb stehen, stellt das hier exemplarisch vorgestellte Verfahren zur Erfassung eines leistungsbezogenen Benchmarks eine interessante Option dar.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 7. 3. 2007, revidierte Fassung angenommen: 10. 8. 2007

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. P.H. Dr. med. Martin Bauer
Forschungsgruppe „Perioperative Versorgungsforschung“
Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Campus Kiel
Schwanenweg 21
24105 Kiel
E-Mail: bauer@anaesthesie.uni-kiel.de

Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel: PD Dr. P.H. Dr. med. Bauer, PD Dr. med. Hanss, Dr. med. Römer, Dr. med. Rösler, Linnemann, Prof. Dr. med. Scholz
Institut für Medizinische Informatik und Statistik, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel: Dipl.-Inform. Hedderich
Forum „QM & Ökonomie“ von BDA und DGAI; AG Kosten- und Prozessmanagement: PD Dr. P.H. Dr. med. Bauer
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