ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Erbrechen in der Schwangerschaft: Multifaktorielles Erklärungsmodell

MEDIZIN: Diskussion

Erbrechen in der Schwangerschaft: Multifaktorielles Erklärungsmodell

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3266 / B-2876 / C-2776

David, Matthias

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LNSLNS Die Autoren haben sich wenig den psychosomatischen Aspekten der Hyperemesis gravidarum gewidmet und einige aktuelle Publikationen zum Thema nicht beachtet.
Dass Studien eine Vielzahl von postulierten biologisch-somatischen Ursachen für die Hyperemesis gravidarum nicht bestätigen konnten, unterstützt letztlich das ursprünglich in der psychoanalytischen Theorie wurzelnde Psychogenese-Modell. Mögliche psychische Ursachen lassen sich in 4 Komplexen zusammenfassen (nach Verberg et al. 2005):
- Hyperemesis gravidarum als Ausdruck eines Schwangerschaftskonflikts
- einer sexuellen Störung
- einer hysterischen, neurotischen oder depressiven Störung
- als Resultat von psychosozialem Stress, Gewalterfahrung, eines Partnerschaftskonflikts.
Es existieren nur wenige klinische Untersuchungen zur Hyperemesis gravidarum, die den Kriterien der evidenzbasierten Medizin standhalten (2). Diese Übersichtsarbeiten listen sowohl Publikationen auf, die die Vorstellung einer primär psychischen Genese der Hyperemesis gravidarum widerlegen als auch solche, die diese bestätigen.
Buckwalter u. Simpson (2002) sehen Angst, mangelnde Information über die Schwangerschaft, schlechte Kommunikation und Ähnliches als mögliche Auslöser einer Hyperemesis gravidarum Das Verhältnis zum Partner scheint von besonderer Bedeutung dafür zu sein, ob negativer physischer und psychischer Stress abgefangen werden kann. Möglicherweise ist Hyperemesis gravidarum aber auch Ausdruck eines unreifen Coping-Mechanismus (Erbrechen als erlerntes Verhalten, um nicht zu tolerierenden Situationen auszuweichen) anzusehen.
Biologische Faktoren prädisponieren zwar Frauen möglicherweise für eine Hyperemesis gravidarum, aber verstärktes Erbrechen ist weder ausschließlich durch biologische noch durch psychische Störungen verursacht. Die beispiellosen Veränderungen, die mit einer Schwangerschaft verbunden sind, interagieren unvermeidlich mit dem psychischen Status einer Frau und ihren kulturellen Werten. Hyperemesis gravidarum kann als klassisches Beispiel für das Zusammenspiel biologisch-körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren angesehen werden, wobei im multifaktoriellen Erklärungsmodell der Schwerpunkt auf der psychosozialen Komponente liegt.

PD Dr. med. Matthias David
Charité Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Campus Virchow-Klinikum
Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Verberg MF, Gillott DJ, Al-Fradan N, Grudzinskas JG: Hyperemesis gravidarum, a literature review. Hum Reprod Update 2005; 11: 527–39. MEDLINE
2.
Jewell D, Young G: Interventions for nausea and vomiting in early pregnancy. Cochrane database of systematic reviews 4, 2006.
3.
Buckwalter JG, Simpson SW: Psychological factors in the etiology and treatment of severe nausea and vomiting in pregnancy. Am J Obstet Gynecol 2002; 186: 210–4. MEDLINE
1. Verberg MF, Gillott DJ, Al-Fradan N, Grudzinskas JG: Hyperemesis gravidarum, a literature review. Hum Reprod Update 2005; 11: 527–39. MEDLINE
2. Jewell D, Young G: Interventions for nausea and vomiting in early pregnancy. Cochrane database of systematic reviews 4, 2006.
3. Buckwalter JG, Simpson SW: Psychological factors in the etiology and treatment of severe nausea and vomiting in pregnancy. Am J Obstet Gynecol 2002; 186: 210–4. MEDLINE

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