ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Erbrechen in der Schwangerschaft: Erbrechen an Besuchstagen
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LNSLNS Obgleich die Autoren auf psychosomatische Ursachen der Hyperemesis gravidarum eingehen, werden diese Zusammenhänge nur kurz und, meiner Meinung nach, auch nicht überzeugend aufgezeigt und vor allen Dingen ein Phänomen, nämlich die Rolle des Partners, nicht erwähnt.
In den 1950iger-Jahren wurde die Hyperemesis als eine für die Mutter sehr bedrohliche Erkrankung angesehen und in einzelnen Fällen sogar der Schwangerschaftsabbruch erwogen, obgleich damals die Indikationen viel strenger waren. Hyperemesis-Fälle wurden daher relativ oft stationär aufgenommen. Dies führte vor allen Dingen dazu, dass die Frauen von ihren Männern getrennt wurden, zumal damals nur mittwochs und samstags Besuchstage in der Allgemeinen Klasse waren.
Die Zahl der nicht verheirateten Schwangeren lag
etwa bei 10 %. Trotzdem hatten „ledige Mütter“ kaum eine Hyperemesis, obgleich ihre Situation damals viel schwieriger war als heute. Hier hätte sich ja besonders eine Angst vor der Elternschaft zeigen müssen und eher auch eine Ablehnung des Kindes. Die Mutterbindung konnten wir nicht untersuchen, aber uns fiel auf, dass die Frauen oft mit dominanten Männern zusammenlebten, die „viel Platz“ beanspruchten. Ihre Übelkeit trat häufig auf durch den spezifischen Geruch der Arbeitskleidung der Ehemänner wie Leder, Uniform, Farben und so weiter. Besonders auffällig war, dass das Erbrechen oft schon kurz nach der Krankenhausaufnahme verschwand, um an den Besuchstagen wieder aufzutreten. Manchmal mussten wir längeres Besuchsverbot aussprechen, was damals noch möglich war.
Ich glaube daher, dass die Hyperemesis eine Schutz vor den Begehrlichkeiten des Mannes darstellt, denen sich die Frauen früher nicht anders erwehren konnten. Die Hyperemesis hat dann auch wesentlich in den 1960iger-Jahren, mit der Emanzipation der Frauen, nachgelassen – sie konnten sich jetzt anders erwehren. Stattdessen fanden wir dann fast ausschließlich eine schwere Hyperemesis bei Frauen aus Jugoslawien und vor allem aus der Türkei. Der soziale Status oder die Beziehung zum Kind spielen sicher eine untergeordnete Rolle, denn hier wirkt das „Ankotzen“ nicht. Dies nur als Anregung aus einer fernen Vergangenheit, die man sicher noch näher untersuchen müsste.

Dr. med. Alexander Kayser
Birkenwaldstraße 165c
70191 Stuttgart

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

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