ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Erbrechen in der Schwangerschaft: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Erbrechen in der Schwangerschaft: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3268 / B-2878 / C-2778

Mylonas, Ioannis

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LNSLNS Es freut uns sehr, dass unser Artikel auf so starkes Interesse gestoßen ist. Psychosomatische Störungen können als mögliche Ursachen angenommen werden, wie alle Kommentare und Leserbriefe zu diesem Artikel belegen. Allerdings war der Fokus dieses Artikels mehr auf die „klassischen“ medizinischen Aspekte als auf die detaillierte Beleuchtung von psychosomatischen Ursachen gerichtet. Frau Prof. A. Rhode weist darauf hin, dass die zitierten älteren Arbeiten für den flüchtigen Leser zu einer fehlgeleiteten Schlussfolgerung über die psychische Verfassung der Patientin und somit zur Stigmatisierung der Patientinnen im klinischen Alltag führen könnte. Allerdings sollte man aus klinischer Sicht bemerken, dass sehr viele Patientinnen sich mittlerweile beklagen, dass deren Beschwerden nicht „ernst genommen“ werden und meistens auf „psychosomatische Störungen“ als primäre Ursache verwiesen wird, mit der Empfehlung einer psychosomatischen Behandlung. Sehr viele dieser Patientinnen fühlen sich durch diese Situation stigmatisiert und es gestaltet sich aus ärztlicher Sicht schwer, die möglichen Ursachen und die symptomatische, teilweise unbefriedigende Therapie der Patientin ausführlich zu erklären.
Die Hyperemesis ist mit großer Wahrscheinlichkeit ein multifaktorielles Zusammenspiel körperlicher, psychischer und sozialer Faktoren, wie PD Dr. M. David beschreibt. Auch ist es eher wahrscheinlich, dass in diesem Erklärungsmodell der psychosoziale Faktor den Schwerpunkt darstellt, vor allem bei einer Emesis. Die Anregungen von Dr. A. Kayser, dass der Partner ebenfalls eine entscheidende Rolle als Ursache in der Genese einer Hyperemesis besitzt, sind sehr interessant, vor allem im Hinblick auf die Bemerkung, dass der soziale Status oder die Beziehung zum Kind eine untergeordnete Rolle spielt. Allerdings gibt es keine Daten über diese Annahme, wobei eine zukünftige Untersuchung sicher von entscheidender Bedeutung sein könnte. Auch aus evolutionsbiologischer Sicht scheint eine Emesis einen sinnvollen Schutzmechanismus darzustellen, wie Dr. P. Sachers bemerkt. Interessanterweise haben Frauen mit einer unkomplizierten Emesis gravidarum eine bessere fetale Prognose und weniger Abortneigung, intrauterine Wachstumsretardierung und Frühgeburten (1). Im Gegensatz dazu ist die Hyperemesis gravidarum mit häufigerem Auftreten von Ösophagusruptur, Pneumothorax, Neuropathie, Präeklampsie sowie fetaler Wachstumsretardierung assoziiert und bedarf doch einer therapeutischen Intervention. Bei einem unstillbaren Erbrechen in der Schwangerschaft sollte man auch organische Ursachen ernsthaft in Erwägung ziehen und gegebenenfalls eine weiterführende Diagnostik veranlassen.
Die Hyperemesis gravidarum stellt im ambulanten Bereich ein schwieriges Problem dar. Da leider die genaue Ursache der Emesis und Hyperemesis gravidarum noch weitgehend unklar ist, fehlt eine entsprechende Therapie. Die symptomatische Therapie ist fast über 20 Jahre alt, wie Dr. P. Germann richtig bemerkt, und neuere Konzepte sind nicht in Sicht. Der Gebrauch der gelisteten Antiemetika ist laut Roter Liste während einer Schwangerschaft kontraindiziert, wobei allerdings die (mittlerweile) langjährige Erfahrung die Schlussfolgerung auf kein wesentliches Risiko einer fetalen Schädigung zulassen. Da keine Daten zum Nutzen der Homöopathie in der Hyperemesis vorhanden sind, wurde auf diese therapeutische Option nicht weiter eingegangen. Die Gabe von Mirtazapin ist, wie Prof. A. Rohde betont, natürlich möglich, wobei allerdings erst 7 Jahre klinischer Erfahrung mit diesem Medikament bestehen.
Die Hyperemesis gravidarum stellt sicher ein multifaktorielles Geschehen dar, welches auch mit einer maßgeblichen psychischen Komponente, sei es als Ursache oder als Resultat, einhergeht. Allerdings sollte man bei anhaltendem und unstillbarem Erbrechen auch an organische Ursachen denken. Das sehr große Interesse an diesem Artikel zeigt einerseits die Aktualität dieses Themas und dient andererseits hoffentlich auch als Anregung sich mit dieser Thematik weiter auseinander zu setzen.

Anschrift für die Autoren
Dr. med. Ioannis Mylonas
1. Frauenklinik – Klinikum Innenstadt
Ludwig-Maximilian-Universität München
Maistraße 11, 80337 München
E-Mail: ioannis.mylonas@med.uni-muenchen.de

Interessenkonflikt
Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
Brandes JM: First-trimester nausea and vomiting as related to outcome of pregnancy. Obstet Gynecol 1967; 30: 427–31. MEDLINE
1. Brandes JM: First-trimester nausea and vomiting as related to outcome of pregnancy. Obstet Gynecol 1967; 30: 427–31. MEDLINE

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