ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Ausstellung Hygiene-museum Dresden: Zur Zukunft gehört der Tod

KULTUR

Ausstellung Hygiene-museum Dresden: Zur Zukunft gehört der Tod

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3272 / B-2882 / C-2782

Gieseke, Sunna

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Death Seminar II Araya Rasdjarmrearnsook (*1974, Thailand), 2002, Videoprojektion, Courtesy of the artist. Foto: Deutsches Hygiene-Museum Dresden
Death Seminar II Araya Rasdjarmrearnsook (*1974, Thailand), 2002, Videoprojektion, Courtesy of the artist. Foto: Deutsches Hygiene-Museum Dresden
Die Ausstellung „Six Feet Under – Autopsie unseres Umgangs mit Toten“ im Hygiene-Museum in Dresden versucht, den Tod mit zeitgenössischer Kunst wieder ins Bewusstsein des Betrachters zu rücken.

Erst unsterblich werden, dann sterben“ steht in großen Lettern an der Wand der Ausstellungsräume im Deutschen Hygiene-Museum geschrieben. Der Tod trifft – früher oder später – alle Menschen. Und obwohl die Medien gefüllt sind mit Bildern von Tod und Gewalt, wird in den westlichen Kulturen der direkte Kontakt zu Toten gemieden. Inzwischen delegieren die Menschen den Tod an Experten, und Leichen haben im Alltag der Menschen keinen Platz mehr.
Den Tod wieder ins Bewusstsein gerückt
In sechs Kapiteln und mit 135 Exponaten, wie Zeichnungen, Fotografien und Videoinstallationen, bringt die Ausstellung „Six Feet Under – Autopsie unseres Umgangs mit Toten“ den Besuchern den Tod wieder ins Bewusstsein. „Gestorben wird immer“ – das erklärt schon der Untertitel zur gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie, an deren Namen die Ausstellung angelehnt ist. Wohl auch, um ein jüngeres Publikum anzulocken.
Die Darstellung kann ironisch-distanziert sein, wie etwa bei dem Totenschädel von Pinocchio von Miquel Barceló oder dem Sarg des US-amerikanischen Künstlers Joe Scanlan. Er hat das bekannte Billy-Regal von Ikea umgearbeitet. Eine entsprechende Installationsanweisung liefert er nach dem „Do-it-yourself-Prinzip“ gleich mit. Der Tod kann aber auch traurig-schön sein. In seinen Fotografien zeigt der japanische Fotograf Izima Kaoru den inszenierten Tod verschiedener Models. Fast so, als wäre das Lebensende ein Lifestyleelement in einer Hochglanzmodezeitschrift. Aber auch der Totenschädel hat in der heutigen Zeit einen ästhetischen und modischen Charakterzug bekommen. Kaum noch haftet ihm eine christliche Symbolik an, stattdessen wurde er in der westlichen Kultur zu einem dekorativen Modeaccessoire.
Die Ausstellung will nicht schockieren, und doch geht es nicht ganz ohne Schockeffekte. Großformatige Detailaufnahmen aus einem Leichenschauhaus zeigen beispielsweise den Tod durch Ertrinken, Feuer, Meningitis und Erschlagen. Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles setzt sich ganz anders mit dem Sterben auseinander. Man sieht Decken, in die Gewaltopfer gehüllt waren, und getrocknete Körperflüssigkeiten von Toten. Alles Weitere spielt sich in der Fantasie des Betrachters ab: Die Leichen sind nicht zu sehen. Als ehemalige gerichtsmedizinische Assistentin hat sie die Bilder, die ihr im Leichenschauhaus von Mexiko-Stadt begegnet sind, künstlerisch verarbeitet.
Nach dem Tod weiterleben
Während des Rundgangs kommt eine Durchsage des Hygiene-Museums: Mehrere mexikanische Frauen werden gebeten, sich an der Information zu melden – sie werden aber nicht auftauchen. Es handelt sich um die Namen einiger Frauen, die seit 1993 Opfer von Gewaltverbrechen in Mexiko wurden. Die Dresdner Künstlerin Claudia Schoetz hat diese Soundperformance eigens für die Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum angefertigt.
Zum Schluss – nach dem Rundgang durch eine sehr schöne, aber auch recht kühle Ausstellung – gibt es den Leichenschmaus: 79,4 Kilo Bonbons dienen dem Verzehr durch den Besucher. Hierdurch soll die Erinnerung an den an Aids verstorbenen Freund des kubanischen Künstlers Félix González-Torres, der exakt so viel wog, weiterleben. Sunna Gieseke

Informationen
Bis zum 30. März 2008 zeigt die Ausstellung „Six Feet Under – Autopsie unseres Umgangs mit Toten“ den Umgang der zeitgenössischen Kunst mit dem Tod.
Deutsches Hygiene-Museum, Lingnerplatz 1, 01069 Dresden. Dienstags bis sonntags, feiertags: 10 bis 18 Uhr, geschlossen: montags, 1. Januar, 24. und 25. Dezember. Weitere Informationen im Internet unter www.dhmd.de.
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