ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2007Zivil-militärische Zusammenarbeit im In- und Ausland: Großübung in South Dakota

STATUS

Zivil-militärische Zusammenarbeit im In- und Ausland: Großübung in South Dakota

Dtsch Arztebl 2007; 104(47): A-3283 / B-2891 / C-2791

Muhm, Markus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Eine „schmutzige Bombe“ sei explodiert, lautete die Meldung. Hier wird ein vermeintlich kontaminierter Verletzter von Soldaten abtransportiert.
Eine „schmutzige Bombe“ sei explodiert, lautete die Meldung. Hier wird ein vermeintlich kontaminierter Verletzter von Soldaten abtransportiert.
Als Sanitätsoffizier der Reserve in den USA

Meine Anspannung beginnt abzufallen. Alle Patienten befinden sich sicher in den Tragevorrichtungen unseres zweirotorigen US-amerikanischen CH-47-Chinook- Hubschraubers. Ein weiterer Großraumhubschrauber und wir befinden uns hoch in der Luft über den Black Hills im Bundesstaat South Dakota der Vereinigten Staaten und überfliegen soeben den Mount Rushmore, in den die amerikanischen Präsidenten Washington, Lincoln, Jefferson und Roosevelt in Fels gehauen sind. Ich fange an, den Ausblick aus der geöffneten Ladeluke des Chinooks zu genießen. Unser Ziel ist das Rettungszentrum der National Guard im Feldlager Dumont, zu dem auch das medizinische Personal dieses Rettungsflugs gehört. Wir werden dort erwartet, um die eingelieferten Patienten weiter zu versorgen, wie wir es in den vergangenen Tagen mehrfach geübt haben.
Der Tag begann mit einer Alarmierung durch den Gouverneur von South Dakota. Eine „schmutzige Bombe“ sei in einem Unterkunftsgebäude der Black Hills State University in Spearfish, South Dakota, explodiert. Der zivile Krisenstab des Staates bittet bei noch unübersichtlicher Lage und einem Massenanfall von offensichtlich kontaminierten Verletzten um sanitätsdienstliche Unterstützung durch die National Guard. Unsere Sanitätseinheit rückt aus, um eine Rettungsstation einzurichten.
Bereits am Vortag waren wir über diese Übung informiert worden. Ziel sollte neben der Bewältigung des Szenarios die Erprobung zivil-militärischer Zusammenarbeit auf sanitätsdienstlicher Ebene der South Dakota Army National Guard sein.
Nachdem unser Konvoi, bestehend aus mehreren Humvee-Ambulanzfahrzeugen sowie Transport-Lkw, am Schadensort eingetroffen ist, beginnen wir sofort mit dem Aufbau unseres Triage- und Behandlungszelts. Soldaten einer Dekontaminationseinheit sind bereits mit dem Aufbau einer Dekontaminationsstraße beschäftigt. Ein weiterer Teil unserer Kompanie bereitet sich auf den Einsatz im kontaminierten Bereich vor. Die hierfür vorgesehenen Soldaten tragen bereits Schutzanzüge und Atemschutzmasken. Sie werden in das verseuchte Areal vordringen, Patienten sichten, erste medizinische Maßnahmen ergreifen und die Betroffenen zur Dekontaminationsstraße transportieren. Diese Tätigkeit ist bei 30 Grad Celsius im Schatten sehr beschwerlich, und die Soldaten müssen spätestens alle 20 Minuten ausgetauscht werden. Dennoch erleiden einige von ihnen eine Hitzeerschöpfung und werden mit Infusionen behandelt. Glücklicherweise sind diese im Verlauf der Übung unsere einzigen realen Patienten.
Nachdem die Übungspatienten dekontaminiert sind, werden sie in unsere weitere Behandlung verbracht. Es erfolgen eine erneute Sichtung sowie weiterführende Behandlungsmaßnahmen. Die Patienten werden nach ihrer Verletzungsschwere eingeteilt und auf den Transport in nachfolgende Behandlungseinrichtungen vorbereitet. Einige der Patienten werden sofort mit zivilen Rettungsfahrzeugen oder in militärischen Blackhawk-Rettungshubschraubern in das örtliche Krankenhaus transportiert, Leichtverletzte werden vor Ort behandelt.
16 Schwerverletzte werden auf den Transport in unseren Chinook-Hubschraubern vorbereitet.
Ich bin Oberfeldarzt der Reserve und Teilnehmer des 21. Deutsch-Amerikanischen Reserveoffizieraustauschs. Zusammen mit der Sanitätskompanie der South Dakota Army National Guard, die sich selbst „Coyote Medics“ nennt, nehme ich an der jährlichen Großübung „Joint Thunder“ teil. Es handelt sich um ein multinationales Manöver mit Teilnehmern aus Deutschland, Großbritannien, Kanada, Singapur, Surinam und der National Guard der Vereinigten Staaten.
Im Rahmen der Großübung werden neben allgemeinmilitärischen Fähigkeiten die Bewältigung eines Massenanfalls von Verletzten und Verwundeten unter militärischer Bedrohung geübt. Schwerpunkte sind die Durchführung von Sichtung und Triage sowie die Versorgung und der Transport von Verwundeten und Verletzten am Boden und mit dem Hubschrauber. Immer wieder werden im Rahmen von militärischen Aktionen, wie Konvoi- und Aufklärungsfahrten, Rettungseinsätzen bei Hubschrauberabstürzen, Durchsuchungsmaßnahmen und Ähnlichem, Massenanfälle von Verwundeten und Verletzten eingeübt. Hierbei kommen entweder äußerst realistisch geschminkte Laiendarsteller oder Übungspuppen zum Einsatz. Obwohl die Bewältigung dieser Schadenslagen schon an sich eine hohe Anforderung an alle Beteiligten stellt, wird dies durch die militärische Bedrohungslage massiv erschwert.
In der Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern bin ich als Oberarzt tätig. Eine Freistellung für die vierwöchige Wehrübung im Rahmen des Reserveoffizieraustauschs mit den Vereinigten Staaten wurde von meiner Klinik uneingeschränkt befürwortet.
Markus Muhm zwischen zwei US-amerikanischen Soldaten vor einem Blackhawk-Rettungshubschrauber. Auf dem rechten Foto wird ein Chinook- mit Patienten beladen. Fotos:privat
Markus Muhm zwischen zwei US-amerikanischen Soldaten vor einem Blackhawk-Rettungshubschrauber. Auf dem rechten Foto wird ein Chinook- mit Patienten beladen. Fotos:privat
In der Reserve bin ich auch in Deutschland als Beauftragter Sanitätsstabsoffizier für zivil-militärische Zusammenarbeit im Gesundheitswesen (BeaSanStOffzZMZGesWes) im Kreisverbindungskommando des Rhein-Pfalz-Kreises aktiv.
In den Verteidigungspolitischen Richtlinien vom Mai 2003 hat die Bundeswehr sich den neuen weltpolitischen Herausforderungen angepasst. Hierzu gehört neben der internationalen Konfliktverhütung und Krisenbewältigung sowie dem Kampf gegen den Terrorismus als wesentliche Aufgabe die zivil-militärische Zusammenarbeit zum Schutz Deutschlands und seiner Bürger. Nach einem Modellversuch in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern 2004–2005 wurde das Konzept der zivil-militärischen Zusammenarbeit auf die gesamte Bundesrepublik ausgeweitet.
Das neue Konzept sieht den Einsatz von Reservisten als wesentliche Träger der zivil-militärischen Zusammenarbeit vor. Jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt ist ein Kreisverbindungskommando zugeordnet, den Regierungsbezirken ein Bezirksverbindungskommando. Die Verbindungskommandos bestehen aus bis zu zwölf Reservisten. Besonders wichtig ist die medizinische Kompetenz, die durch einen Sanitätsstabsoffizier der Reserve gewährleistet wird. Im Routinebetrieb hält dieser den Kontakt zu den zivilen Verwaltungs-/ Regierungsorganen und zu Rettungs- und Hilfsdiensten und berät diese bezüglich militärischer Zusammenarbeit. Er hält Kontakt zu den Reservisten der Nachbarkreise und zu seinem Sanitätskommando. Im Ernstfall führt er eine sanitätsdienstliche Lagebeurteilung durch, berät sowohl sein Sanitätskommando als auch die zivile Seite hinsichtlich sanitätsdienstlicher Hilfeleistungen. Er hält Kontakt zu zivilen Hilfskräften und Sanitätskräften der Bundeswehr. Im Ernstfall obliegt dem Sanitätsstabsoffizier der Reserve die Beratung der zivilen Seite über mögliche Unterstützungsleistungen des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr. Dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem zuständigen Sanitätskommando. Dabei wird die Bundeswehr gemäß Grundgesetz immer nur subsidiär tätig.
Die bekanntesten Beispiele zivil-militärischer Zusammenarbeit der vergangenen Jahre sind die Vogelgrippe auf Rügen, die Unterstützung des Weltjugendtags 2005 auf dem Marienfeld, die Fußball-WM 2006 in Kaiserslautern sowie der G-8-Gipfel in Heiligendamm dieses Jahr. Bei der Vogelgrippe war die Bundeswehr bei der Beseitigung von Vogelkadavern eingesetzt und errichtete Dekontaminationspunkte. Sowohl beim Weltjugendtag als auch bei der Fußball-WM 2006 in Kaiserslautern errichtete und betrieb die Bundeswehr ein „Medical Center“ mit der Leistungsfähigkeit eines kleinen Krankenhauses. Am Rande des Papstbesuchs wurden mehrere Hundert Gläubige durch Ärzte der Bundeswehr behandelt.
Dr. med. Markus Muhm
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.