ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2007HIV-Infektionszahlen: Wie Millionen verschwinden

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HIV-Infektionszahlen: Wie Millionen verschwinden

Dtsch Arztebl 2007; 104(48): A-3285 / B-2893 / C-2793

Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Eine gute Nachricht macht derzeit Negativ-Schlagzeilen: Die Vereinten Nationen (UN) melden weltweit weniger HIV-infizierte Menschen als bislang angenommen – nämlich „nur“ 33,2 Millionen und nicht 39,5 Millionen, wie noch 2006 geschätzt. Wenige Jahre zuvor war noch von 42 Millionen HIV-Infizierten die Rede gewesen. Nun also korrigiert UNAIDS, bei den Vereinten Nationen für die Immunschwächekrankheit zuständig, die Zahlen nach unten. Hat man es dort nicht so genau genommen mit der Epidemiologie, nach dem Motto „höhere Zahlen, höhere Zahlungen“? Zahlen zur Prävalenz von HIV sind immer „weich“, Neudiagnosen abhängig von Quantität, Qualität und Akzeptanz allgemeiner Informationen und individueller Beratungs- und Testangebote. Auch würden Methoden der Stichprobenerhebung in ärmeren Ländern erst aufgebaut, begründet UNAIDS-Direktor Dr. med. Peter Piot die Fehleinschätzung. Und dabei zeigen sich deutliche Abweichungen gegenüber früheren Hochrechnungen.
So ist die Zahl der HIV-Infizierten in Indien nicht derart hochgeschnellt, wie Piot 2006 noch behauptet hatte. 2,5 Millionen Inder tragen dem aktuellen Bericht zufolge das Virus in sich, nicht 5,7 Millionen, wie bislang angegeben. In einigen Ländern Afrikas sinken laut Piot die Neuinfektionen. Bisher basierten die Schätzungen überwiegend auf Testergebnissen von Frauen, die zur Geburt eines Kindes in eine – meist städtische – Klinik kamen. Diese Schwangeren aber seien nicht repräsentativ, da sie jünger und sexuell aktiver seien als Frauen aus ländlichen Gebieten, heißt es jetzt.
Eine Erkenntnis, die nicht über Nacht gekommen sein dürfte. Schließlich steht mit Piot ein renommierter Mikrobiologe an der Spitze von UNAIDS. Ihm werfen einige Forscher vor, zunehmend politisierte Stellungnahmen abzugeben und sich nicht auf wissenschaftlich Haltbares zu beschränken. Aber selbst wenn etwas dran wäre an den Vorwürfen: Allein die Höhe der Geldspenden zur Bekämpfung von HIV und Aids ist ohnehin nicht entscheidend. Es kommt darauf an, dass die verschiedenen Geldgeber ihre Hilfsprogramme koordinieren und helfen, übergreifende Gesundheitsversorgungsstrukturen aufzubauen, um neben dem HI-Virus auch andere sexuell übertragbare Erkrankungen (STD) sowie Tuberkulose zu bekämpfen. Denn die Erreger wirken wechselseitig als Kofaktoren.
Konservativ wird die Zahl der HIV-Infizierten weltweit auf 25 Millionen geschätzt, davon leben zwei Drittel in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. In Westeuropa ist die Zahl der Neuinfektionen relativ stabil geblieben. 2005 lebten in der Europäischen Union (EU) 720 000 HIV-Infizierte, 2007 sollen es 760 000 sein, was auf die verlängerten Überlebenszeiten zurückgeführt wird. In Europa (50 Länder) haben sich knapp 87 000 Menschen in diesem Jahr neu infiziert, zwei Drittel davon in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion. „Frühzeitiges Testen und Zugang zu effektiver Behandlung sind der Schlüssel zur Bekämpfung der HIV/Aids-Epidemie“, sagte EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou bei der Europäischen HIV-Konferenz Anfang der Woche in Brüssel. So wird einer europäischen Studie zufolge bei 30 Prozent der HIV-positiv-Getesteten die Infektion erst zu einem Zeitpunkt diagnostiziert, zu dem die Patienten schon in Behandlung sein müssten. Eine Vereinheitlichung des diagnostischen Vorgehens zur Erkennung von HIV hätte zahlreiche Todesfälle verhindern können, hieß es in Brüssel, wo jetzt ein Maßnahmenplan erarbeitet wird.
Auch in Deutschland gibt es keinesfalls Entwarnung. Wie das Robert Koch-Institut (RKI) meldet, haben sich in diesem Jahr etwa 3 000 Menschen neu infiziert (2001: 1 443, 2006: 2 638). „Die Zunahme geht zum Teil auf eine erhöhte Testbereitschaft zurück, wahrscheinlich ist aber die Zahl der Neuinfektionen tatsächlich gestiegen“, sagte Dr. med. Osamah Hamouda vom RKI dem Deutschen Ärzteblatt.
Bis etwa Ende der Neunzigerjahre währte das „Aids-Trauma“ mit einer konsequenteren Nutzung von Kondomen und einem Rückgang aller STD in Deutschland. Jetzt breitet sich eine neue Sorglosigkeit aus mit der Vorstellung, das Übertragungsrisiko sei gering, die HIV-Infektion eine „normale“ chronische Erkrankung. Seelische Belastungen und Spätfolgen der Medikamente werden unterschätzt. Der Kern einer effektiven Prävention ist Beratung. Ob die öffentlichen Gesundheitsdienste sie angesichts knapper Kassen in den Kommunen ausreichend anbieten, wie es gesetzliche Pflicht wäre, darf bezweifelt werden. Auch den Ärzten wird die Beratung nicht angemessen vergütet.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze
Medizin- und Wissenschaftsjournalistin
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