POLITIK: Aktuell

Bioethik-Deklaration der Unesco: „Das Genom darf nicht nutzbar werden“

Dtsch Arztebl 1997; 94(14): A-894 / B-771 / C-701

Klinkhammer, Gisela

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Scharfe Kritik übten Ärzte, Politiker, Philosophen und Juristen an dem Entwurf einer "Allgemeinen Erklärung zum menschlichen Genom und den Menschenrechten" der Unesco (Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation). Auf einem von der deutschen UnescoKommission veranstalteten Workshop in Bonn wurde der Text als "unvereinbar mit der Menschenwürde" bezeichnet. Vermißt wurde unter anderem ein eindeutiges Verbot von Keimbahninterventionen und der Klonierung von Säugetieren.


Als mit der Menschenwürde völlig unvereinbar" bezeichnete Prof. Dr. Ludger Honnefelder, Leiter des Instituts für Wissenschaft und Ethik in Bonn, den Entwurf einer Bioethik-Deklaration der Unesco. Sie gehe zwar von den Menschenrechten aus, betone unter anderem den Vorrang des Individuums und enthalte ein Diskriminierungsverbot, doch der Artikel 1 des Entwurfs mache den Ethiker "fassungslos". In diesem Artikel heißt es: "Das menschliche Genom ist gemeinsames Erbe der Menschheit." Das stehe dem Menschenrechtsgedanken genauso diametral entgegen wie Artikel 11, in dem festgestellt wird, daß die Staaten "die geistigen und materiellen Voraussetzungen fördern sollen, die eine freie Forschung am menschlichen Genom begünstigen". Das Genom sei jedoch kein Gegenstand, der nutzbar ist, sondern es sei im Gegenteil besonders schutzbedürftig. Ein Papier, in dem die Menschenrechte begründet würden, sei nicht dazu da, gleichzeitig auch Forschung zu fördern.


Völlig unzulänglich
Zu wichtigen Fragen der Ethik und Nutzung der Forschung werde überhaupt nichts ausgesagt. Dagegen werde ausführlich das Recht auf Teilhabe an Biologie und Genetik beschrieben. Doch das hält Honnefelder für problematisch. Auch Artikel 6 b, in dem es um die Forschung an Nicht-einwilligungsfähigen geht, hält er für völlig unzulänglich. So sei in der sogenannten Bioethik-Konvention des Europarates darauf hingewiesen, daß die Beachtung sogenannter Professional Standards bei der Forschung gefordert werde. Außerdem würden besondere Schutzbestimmungen für Nichteinwilligungsfähige gelten. Davon sei in der Deklaration der Unesco nicht die Rede.
Honnefelder vertritt die Ansicht, daß grundsätzlich neben die Bioethik-Konvention des Europarates kein zweites Dokument gestellt werden solle: "Das führt zur Relativierung beider Dokumente." Wenn das Genom als eigenständige Größe so stehenbleibe, sei das Unesco-Papier nicht zu retten. Internationale Regelungen für den Umgang mit Forschung und ihrer Anwendung in der Medizin seien zwar notwendig, doch es sei fraglich, ob sie ausgerechnet von der Unesco aufgestellt werden sollten. Noch härter ging Marina Steindor mit dem Text ins Gericht. Die Bioethik-Deklaration erinnere an die Volksgesundheitsgesetze der Nazis und sei nicht verbesserungsfähig, sagte die Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen.
Dagegen räumte der Präsident der Deutschen Unesco-Kommission, Prof. Peter P. Canisius, ein, daß lediglich ein Mindeststandard an Regeln für den Umgang mit Bioethik formuliert werden solle, den es in vielen Ländern bisher nicht gebe. Die meisten Teilnehmer des Workshops lehnten den Entwurf schließlich nicht rundweg ab, sondern erarbeiteten Verbesserungsvorschläge. Einig waren sie sich darin, daß die Deklaration ein Klonierungs- und Keimbahninterventionsverbot enthalten müsse. Kli

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