ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2007Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Die meisten IM-Ärzte bespitzelten Kollegen

POLITIK

Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter: Die meisten IM-Ärzte bespitzelten Kollegen

Dtsch Arztebl 2007; 104(48): A-3304 / B-2906 / C-2806

Richter-Kuhlmann, Eva

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Buchpräsentation „Zielgruppe Ärzteschaft. “: 308 Seiten, 2008, Göttingen, V&R unipress, 32,90 Euro. Foto: Marco Urban
Buchpräsentation „Zielgruppe Ärzteschaft. “: 308 Seiten, 2008, Göttingen, V&R unipress, 32,90 Euro. Foto: Marco Urban
Die vom Deutschen Ärzteblatt initiierte und begleitete Studie von Dr. Francesca Weil ist jetzt als Buch erschienen.

Als die Leipziger Historikerin Dr. Francesca Weil vor gut drei Jahren gemeinsam mit dem Deutschen Ärzteblatt, auf Initiative des damaligen Chefredakteurs Norbert Jachertz, eine Studie zu den Verstrickungen von Ärztinnen und Ärzten mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR plante, ahnte sie noch nicht, auf welch großes Echo ihre Arbeit stoßen würde.* Nun belegen überfüllte Räume bei den öffentlichen Präsentationen ihres gerade erschienenen Buches, Dutzende Artikel in Tageszeitungen sowie Fernsehbeiträge, dass das Thema auch 18 Jahre nach dem Mauerfall noch elektrisiert. Das Unrecht, das vielen DDR-Bürgern durch die SED-Diktatur angetan wurde, sowie die persönliche Enttäuschung, durch Freunde oder Kollegen bespitzelt worden zu sein, sitzen offenbar noch immer tief.
Täter waren auch Ärztinnen und Ärzte, zum Teil unter Bruch der ärztlichen Schweigepflicht. Eine übergroße Mehrheit des weitgehend bildungsbürgerlich geprägten Berufstandes wahrte Distanz zum SED-Staat und verweigerte Spitzeltätigkeiten für den Staatssicherheitsdienst. Etwa drei bis fünf Prozent der DDR-Ärzte arbeiteten dennoch als inoffizielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Der Prozentsatz liegt höher als in anderen Berufsgruppen. Dies spiegelt das große Interesse wider, das die Stasi an Berichten aus der Ärzteschaft hatte. „Zielgruppe Ärzteschaft. Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit“ lautet folgerichtig auch der Titel des Buches, in dem Weil die Ergebnisse ihrer zeithistorischen Forschung zusammengefasst hat. Drei Jahre lang analysierte die Historikerin in mühevoller Kleinarbeit 493 IM-Akten und führte 21 ausführliche Interviews. Während dieser Zeit förderten das Deutsche Ärzteblatt und seine Herausgeber, die Bundes­ärzte­kammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung, der Deutsche Ärzte-Verlag sowie das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden das Projekt.
„Während meiner Recherchearbeit habe ich von persönlichen Schicksalen erfahren, die zum Teil sehr an die Nieren gingen und mir schlaflose Nächte bereiteten“, berichtet Weil. Sie erzählt von der heute als niedergelassene Hautärztin tätigen IM „Irina“, die über Jahre hinweg der Stasi auf 470 Seiten detaillierte Daten über mehr als 1 000 Patienten lieferte, oder von IM „Dr. Hans Walther“, der für die „gute Qualität seiner Analysen“ insgesamt 28 000 Mark kassierte.
Die Mehrheit der IM-Ärzte (89 Prozent) setzte das MfS Weils Untersuchung zufolge nicht auf Patienten an, sondern zur Bespitzelung ihrer Berufskollegen. „In der Regel enthielten die Berichte Informationen zu politischen, beruflichen und persönlichen Belangen“, erklärt Weil. Ein Großteil der Ärzte hätte aus „politischer Überzeugung“ als IM gearbeitet. Einige seien auch erpresst oder als „Wiedergutmachung“ in den Dienst der Stasi gezwungen worden.
Daten über Patienten gaben 28 Prozent der in die Studie einbezogenen IM-Ärzte weiter und brachen dabei die in der DDR ebenfalls gesetzlich geregelte ärztliche Schweigepflicht. „Dies ist unethisch und durch nichts zu rechtfertigen. Das ärztliche Schweigen ist eine wichtige ärztliche Tugend und die Voraussetzung für eine würdige Ausübung des Berufs“, sagte Bundes­ärzte­kammerpräsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe bei der Buchpräsentation in Berlin. Er appellierte an die IM-Ärzte, ihr Gewissen zu überprüfen.
Klarnamen werden in dem Buch nicht genannt. „Es geht hier nicht um Denunziation von Ärzten, sondern um eine zeithistorische Aufarbeitung des Themas“, erläutert Weil. „Für bemerkenswert halte ich es, dass es der Berufsstand selbst war, der die Erforschung eines dunklen Kapitels der eigenen Geschichte in Auftrag gegeben hat.“
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

* Das Deutsche Ärzteblatt hat die Arbeit von Dr. Weil begleitet. Von 2004 bis 2006 erschienen mehrere Beiträge von Weil sowie der Redaktion zum Thema „Ärzte im Dienst der Staatssicherheit“.
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