ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2007Das Porträt: Dr. med. Heiko Jessen, HIV-Spezialist – Freund. Vater. Arzt.

POLITIK: Porträt

Das Porträt: Dr. med. Heiko Jessen, HIV-Spezialist – Freund. Vater. Arzt.

Dtsch Arztebl 2007; 104(48): A-3309 / B-2909 / C-2809

Merten, Martina

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Foto: Georg J. Lopata
Foto: Georg J. Lopata
1994 fehlte in Berlin eine Praxis, die sich auch der Belange von homosexuellen Patienten annimmt. Jessen hat sie als Allgemein- und HIV-Schwerpunktpraxis im Szenekiez Schöneberg eröffnet.

Heiko, so scheint es, mögen irgendwie alle. Die Patienten, die Arzthelferinnen, die ärztlichen Kollegen. „Schließlich“, sagt eine Praxismitarbeiterin offen heraus, „ist Heiko fürsorglich, er ist Tag und Nacht für seine Patienten ansprechbar.“ „Gleichzeitig“, ergänzt eine andere Kollegin, „spielt sich mit Heiko das Leben in der Praxis ab, alle horchen auf, wenn er den Raum betritt.“ Und eine seit Jahren an HIV/Aids erkrankte Patientin aus Kamerun erzählt: „Mich hat Heiko aus meinem schwarzen Loch gezogen und mir gezeigt, dass dort oben die Sonne steht.“
Heiko heißt mit Nachnamen Jessen – Dr. med. Heiko Jessen, Facharzt für Allgemeinmedizin. Sein blondes Haar trägt der hochgewachsene Mann modisch frisiert, ebenso modisch wirkt seine braune, halb randlose Brille. Der 49-Jährige ist den meisten seiner Kollegen zufolge der „gefühlte Chef“ der Berliner Gemeinschaftspraxis. Eigentlich arbeiten in der Hausarzt- und HIV-Schwerpunktpraxis „mehrere Ärzte gleichberechtigt nebeneinander, darunter sein Bruder, Dr. med. Arne B. Jessen, und Luca Daniel Stein.
Dass Jessen in der Schöneberger Motzstraße, dem Standort der Praxis, fast jeder mit seinem Vornamen Heiko anspricht, gehört zum Konzept. Jeder Patient soll über Nähe und Distanz entscheiden können, erzählt Jessen. Der Großteil entscheidet sich für Nähe, also auch für das Du. Sitzen die Patienten dem Allgemeinmediziner erstmals gegenüber, fragt Jessen nach deren Arbeit, ihrer Sexualität, einer möglichen Partnerschaft. Jessen bietet seinen Patienten mit diesen Fragen eine Plattform, lässt sie auf sich zukommen, schenkt ihnen sein Vertrauen. Er nimmt sich Zeit. Gleichzeitig bewahrt er eine gewisse Distanz, stellt Fachliches in den Vordergrund, erzählt nichts von sich selbst. Die Patienten schätzen das. Es ist diese seriöse Professionalität, die sie zur Offenheit einlädt, und diese Offenheit ist für viele mit dem HI-Virus infizierte Patienten überlebenswichtig.
Die Entscheidung, seine Hausarztpraxis zu gründen, traf Jessen 1994. „Es fehlte eine Szenepraxis in Berlin, eine Praxis, die sich überwiegend auf schwule Belange spezialisiert“, sagt der Arzt. Heute ist die Praxis eine von zehn nennenswerten HIV-Schwerpunktpraxen Berlins; hier gehen überwiegend homosexuelle Männer ein und aus. Viele von Jessens Patienten kommen von weither, um sich in der Motzstraße behandeln zu lassen. Denn hier, sagt die Kameruner Patientin, „habe ich eine Familie gefunden, die Medizin betreibt“. Und in Heiko habe sie einen Arzt gefunden, der wie ein Freund und Vater gleichzeitig auftrete.
So ruhig Jessen sich gegenüber seinen Patienten gibt, so hektisch, quirlig, teilweise ungeduldig ist er eigentlich. Offenes, so erweckt es den Anschein, muss schnell erledigt werden. An verschiedenen Dingen zu arbeiten sieht Jessen als Herausforderung an. „Ich würde mich aber nicht als Workaholic bezeichnen“, schränkt er ein. Dennoch gibt es eine Reihe von Aufgaben, mit denen Jessen sich noch zusätzlich zu seiner Arbeit als Hausarzt beschäftigt.
So gibt er zwei Seminare an der Berliner Charité: eines über die Theorie der negativen Nachrichtenüberbringung, eines über Infektionsmedizin in der Praxis. Außerdem bildet er Studenten im praktischen Jahr aus und engagiert sich für die Kompetenznetze HIV/AIDS und Hepatitis. Darüber hinaus nimmt seine Praxis regelmäßig an nationalen und internationalen Studien teil; schwerpunktmäßig geht es um neue Erkenntnisse über HIV, humanes Papillomavirus, Hepatitis und andere sexuell übertragbare Krankheiten. „Ich sehe mich zwar nicht als Forscher“, unterstreicht der Facharzt für Allgemeinmedizin, „ich möchte aber dazu beitragen, Trends zu setzen.“
Jessen war 1985 während seines Auslandssemesters an der University of California in San Francisco erstmals mit der Immunschwächekrankheit konfrontiert worden. Die Patienten verstarben damals „massenhaft“, erinnert er sich.
Anfang der 90er-Jahre lernte er auf dem Aids-Kongress in Berlin Charles Robert Gallo kennen – den Mann, der als Entdecker der ersten menschlichen Retroviren Anfang der 80er-Jahre berühmt geworden war. Gallo übte große Wirkung auf ihn aus; vielleicht war er sogar der Mann, dem Jessens heutiges Engagement für die HIV-Forschung und für die Aidspatienten zu verdanken ist.
Jessen blieb auch weiterhin mit Gallo in Kontakt und lernte durch ihn andere Koryphäen der Aidsforschung kennen. Der renommierte Wissenschaftler bot ihm sogar eine Stelle im Labor am National Cancer Institute der U.S. National Institutes of Health an, dem Gallo bis 1995 vorstand. Jessen lehnte ab. Er entschied sich für die eigene Praxis. Seine Patienten danken es ihm.
Martina Merten
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