ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1997Leuchtest du mir, so leuchte ich dir

POLITIK: Die Glosse

Leuchtest du mir, so leuchte ich dir

Dtsch Arztebl 1997; 94(14): A-896 / B-748 / C-700

Gelsner, Kurt

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LNSLNS Ein Sprichwort rät demjenigen, der ein Licht besitzt oder dem eins aufgegangen ist, es nicht unter den Scheffel zu stellen. Zwar kann heutzutage kaum noch jemand sagen, was ein Scheffel ist und wie er aussieht, aber inhaltlich gilt die Spruchweisheit weiter: Wer etwas leistet oder geleistet hat, der soll das sagen dürfen. Wer etwas Besonderes geschaffen oder geschafft hat, der soll das nicht in falscher Bescheidenheit auf kleiner Flamme kochen müssen.
Daran wäre auch gar nichts auszusetzen, wenn sich das Licht-Scheffel-Sprichwort in seinem herkömmlichen, soliden Rahmen gehalten hätte beziehungsweise hielte. Zumal unter dem Einfluß von Promotion-Actions, Propaganda-Kampagnen und Werbe-Feldzügen hat es Sinnänderungen erfahren, die seinen schlichten, menschlichen Antrieben adäquaten Gehalt verfälscht haben. Zum Beispiel in der anstößigen Fassung "Tue Gutes und sprich darüber", erst recht in der anrüchigen Fassung "Tue Gutes, damit darüber gesprochen wird".
Daß solche Umdeutungen auch im Gesundheitswesen gedacht und praktiziert werden, ist eine unerfreuliche, wenngleich kaum zu beeinflussende Tatsache. Überall wo Geld im Spiel ist und wo die Teilhabe am Gesundhalten und Gesundmachen letztlich mit der Elle von Umsatz und Gewinn gemessen wird, läuft das Sprichwort von Licht und Scheffel Gefahr, mißverstanden und mißbraucht zu werden.
Wie froh dürfen die Ärzte sein! Ihnen sagt ihre Berufsordnung, daß sie über Licht und Scheffel nicht nachzudenken, ja ihr Licht gar nicht erst anzuzünden brauchen: Anpreisung aller Art ist ihnen aus guten Gründen untersagt. Sollte dennoch der eine oder andere Arzt an ein Licht ohne Scheffel gedacht haben, so dürfte ihn der Präsident der Bundes­ärzte­kammer rechtzeitig auf den Pfad der Tugend zurückgerufen haben: Auch auf dem 100. Deutschen Ärztetag in Eisenach im Mai 1997 werde es keine Lockerung des Werbeverbots geben.
Soweit bekannt, ist die ärztliche Zurückhaltung "in Sachen Werbung" bislang auch dort gewahrt worden, wo die Ärzte im Plural auftreten - im stationären Bereich. Doch dort scheint es jetzt, wie teils offene, teils verdeckte Informationen vermuten lassen, Einbrüche oder zumindest Aufweichungen der Distanz gegeben zu haben.
Ein beunruhigendes Beispiel dafür hat kürzlich eine bayerische Universitätsklinik geliefert, die sich offenbar mit dem Punktesammel- und Ranglistendenken infiziert hatte, das man aus dem Sport- und Unterhaltungsbetrieb kennt.
Statt über die Ergebnisse einer 1995 und 1996 bundesweit in mehr als 180 Kliniken durchgeführten PatientenStudie "Die ideale . . . Klinik" sine ira et studio zu berichten, beschränkte sie deren Präsentation auf ihr eigenes Einzugsgebiet. Daß dabei der Effekt einer vergleichenden Werbung entstehen würde, war voraussehbar und wohl auch beabsichtigt. Denn in entscheidenden Punkten der Studie rechnete sich die interpretierende Uniklinik überdurchschnittliche, andere Fachkliniken überstrahlende Benotungen zu.
Zur großen Peinlichkeit geriet das vergleichende Meß- und Bewertungsverfahren allerdings vor allem, weil die Klinik zur Selbstdarstellung das Forum einer Pressekonferenz wählte. Aus den Presse-Unterlagen erfuhren die Journalisten nicht nur, welchem Marktforschungsinstitut die Auswertung der Studie zu verdanken war, sondern auch, welche Firma für Babynahrung der Studie "organisatorisch" unter die Arme gegriffen hatte.
Es hieß beispielsweise, mit der Klinik noch nicht vertraute Patienten seien "verblüfft" darüber gewesen, "daß die Betreuung in diesem Gebäude so menschlich sein kann". Es tauchte auch der für Ärzte ungewohnte und ungewöhnliche Begriff "Markt" auf, und zum "Verhalten des Personals" hieß es, es sei ein positiver Zuwachs von 13 Prozent auf 86 Prozent in einem Jahr zu verzeichnen. Im Vergleich mit ande- ren Fachkliniken des Standortes und des Umfeldes habe "auch der Chef" mit 71 Prozent gegenüber durchschnittlich 54 Prozent "sehr gut" oder "gut" abgeschnitten.
Gleichgültig, welche Motive und Begründungen die besagte Uniklinik für ihr konsenssprengendes Verhalten ins Feld führen mag, es sollte von zuständiger und kompetenter Seite dafür gesorgt werden, daß die gegen Werbung und Anpreisung errichteten Dämme auch im Krankenhausbereich nicht unterspült werden. Und dafür, daß die aus dem Licht-Scheffel-Sprichwort entwickelte Methode "Leuchtest du mir, so leuchte ich dir" wenigstens ärztlicherseits keine Chance zu Wachstum und Ausbreitung findet. Kurt Gelsner
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