ArchivDeutsches Ärzteblatt14/1997Weniger Infekte - mehr Allergien?

POLITIK: Medizinreport

Weniger Infekte - mehr Allergien?

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Der wichtigste Faktor für Sensibilisierungen im Kindesalter ist die Belastung im häuslichen Milieu - Hausstaubmilben, Haustiere, Zigarettenrauch. Möglicherweise bereitet auch die fehlende Stimulation des Immunsystems durch bestimmte Infektionen den Boden für die zunehmende Zahl allergischer Erkrankungen. Diese neue Hypothese ergibt sich für Dr. Dietrich Abeck (München) aus einer Untersuchung bei ja}panischen Schulkindern: sie litten signifikant häufiger an allen Formen atopischer Erkrankungen, wenn eine Reaktion auf den Tuberkulintest ausblieb. Als mögliche Ursache sieht der Dermatologe die gezielte Stimulation des Immunsystems im TH1-Schenkel durch Mycobacterium tuberculosis an: Bei Allergien erfolgt nachweislich eine Verschiebung in Richtung des TH2-Schenkels; durch die positive Auseinandersetzung mit einem TH1Stimulus, so seine Hypothese, könnte sich das normale Gleichgewicht einstellen. Die japanische Untersuchung bietet laut Abeck auch eine Erklärung für die unterschiedliche Allergisierungsrate in den alten und neuen Bundesländern. Die niedrigeren Zahlen im Osten könnten dadurch zustande kommen, daß die Kleinkinder in Kinderkrippen häufiger Infektionen durchgemacht haben und darüber ihr Immunprofil verändert wurde.
Keineswegs hypothetisch, sondern eindeutig nachgewiesen ist die steigende Prävalenz atopischer Erkrankungen im Kindesalter. Die jüngsten Daten aus Schottland zeigen von 1989 bis 1994 einen Anstieg des atopischen Ekzems von zwölf auf knapp 18 und für das allergische Asthma von zehn auf fast 20 Prozent. Um diesen Übergang zu verhindern, ist europaweit die ETACR-Studie (Early Treatment of the Atopic Child) gestartet worden. Über 800 Kinder im Alter zwischen 18 und 24 Monaten, die bei positiver allergischer Familienana-mnese eine Neurodermitis aufweisen, erhalten zweimal täglich Cetirizin in der Vorstellung, daß über die zusätzliche antiinflammatorische Komponente dieses Antihistaminikums die Entzündungsreaktion - das gemeinsame Bindeglied aller atopischen Erkrankungen - gehemmt wird. Ohne medikamentöse Intervention ist bei 40 Prozent der Kinder mit atopischem Ekzem mit der Ausbildung eines allergischen Asthmas zu rechnen; bei der ETACR-Studie erwartet man durch die Medikation eine Rate von 28 Prozent. Dr. Renate Leinmüller

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