ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2007Filmrezension: „Schreiben ist für mich wie Atmen“

KULTUR

Filmrezension: „Schreiben ist für mich wie Atmen“

Dtsch Arztebl 2007; 104(48): A-3347 / B-2946 / C-2844

Osterloh, Falk

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Fotos: Punktfilm Anna Ditges, Köln 2007
Fotos: Punktfilm Anna Ditges, Köln 2007
Der Porträtfilm „Ich will dich“ ist nicht nur eine Liebeserklärung an die Poetin Hilde Domin, sondern auch an die Kunst an sich.

Hilde Domin ist eine der bedeutendsten Lyrikerinnen der deutschen Nachkriegszeit. Wie kaum eine andere versteht sie es, mit Worten zu dem Wesen der Dinge vorzudringen. Ihre Gedichte wurden in 20 Sprachen übersetzt. Neben unzähligen Preisen erhielt sie unter anderem das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Doch der Mensch Hilde Domin hielt sich stets im Verborgenen, blieb misstrauisch und zurückhaltend gegenüber Journalisten und Medien.
Als die 26-jährige Filmemacherin Anna Ditges zum ersten Mal die Gedichte Hilde Domins las, musste sie weinen. Sie fragte sich, wie jemand so klar formulieren konnte, was ihn im Innersten bewegte. So nahm sie einen Strauß Rosen und eine Kamera und besuchte die 95-jährige Hilde Domin in ihrer Wahlheimat Heidelberg. Die beiden Frauen freundeten sich an, und die scheue Lyrikerin stimmte dem Drehen eines Films über sich zu. Zwei Jahre lang begleitete die Regisseurin Hilde Domin mit der Kamera. Das Ergebnis ist ein zärtliches und überaus ehrliches Porträt einer Frau, deren Leben vielfach in tragischer Weise von äußeren Kräften fremdbestimmt wurde und die erst durch die Kraft der Worte neuen Lebensmut fand.
Zusammen mit ihrem Mann emigrierte die Jüdin Domin 1932 nach Rom, nachdem sie während einer Rede Hitlers in Berlin den düsteren Schatten der Zukunft über Deutschland und Gefahr für ihr eigenes Leben heraufziehen sah. Doch auch aus dem faschistischen Italien mussten sie fliehen und kamen 1940 in die Dominikanische Republik, aus der sich der Künstlername Domin ableitet. Erst 1951, im Alter von 42 Jahren, begann Hilde Domin zu schreiben. „Seither ist Schreiben für mich wie Atmen“, schrieb sie einmal. „Man stirbt, wenn man es lässt“, und sie kehrte zurück in das Land ihrer Muttersprache. In „Ich will dich“ erleben wir Hilde Domins Geschichte anhand von vergilbten Bildern aus der Vergangenheit. Sie erzählt von ihrer glücklichen Kindheit in Köln, dem Leben in Zweisam- und in Einsamkeit. Und sie erzählt von der Bedeutung der Kunst.
Doch vor allem erleben wir den Menschen Hilde Domin. Der Film wagt intime
Bilder einer starken und doch erschöpften Frau. Es ist der aufrichtige Blick einer Freundin, aus deren Perspektive man über das an der Oberfläche Sichtbare hinausblicken kann. Und wie einer Freundin begegnet auch Hilde Domin der Kamera, dem Zuschauer. Sie ist ehrlich und liebevoll, sie ist mal liebenswürdig, mal zornig. Poetische, klare Bilder, angereichert durch einen zart melancholischen Soundtrack, zeigen Hilde Domin in ihrem mit Büchern übervollen Haus, zeigen sie auf dem Friedhof, bei der vergeblichen Suche nach dem Grab ihres Mannes. An manchen Stellen ist „Ich will dich“ so ehrlich, dass es schmerzt. Es ist das aufrichtige Porträt eines bewegten Lebens, in dessen letzten Jahren das Menschliche an sich nicht nur in Hilde Domins Lyrik, sondern auch in Anna Ditges‘ Film wie ein Kondensat sicht- und vor allem fühlbar wird. Nach diesem Film werden nicht allein die einzigartigen Gedichte Domins, sondern auch eine außergewöhnliche Frau und über allem die Poesie der zwischenmenschlichen Zuneigung in Erinnerung bleiben.
Falk Osterloh
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